PR-Chefin zum Weltfrauentag

„Frauen haben oft eine andere Selbstwahrnehmung“

Christina Müller ist Chefin einer PR-Agentur und beschäftigt nur Frauen. Das sei allerdings gar nicht gewollt. Im Interview spricht sie über Selbstzweifel und Strategien, sich als Frau Gehör zu verschaffen.
08.03.2020, 09:20
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Simon Wilke
Frau Müller, der Weltfrauentag wird auch Frauenkampftag genannt. Wofür kämpfen Sie?

Christina Müller: Es ist noch immer so, dass Frauen doppelt so viel arbeiten müssen wie Männer, um anerkannt zu werden. Das sieht man schon am Anteil von Frauen in Führungspositionen. Deshalb ist es wichtig dafür zu kämpfen, dass Unternehmen flexibler werden, um ihnen Karriereoptionen zu eröffnen.

Könnte eine Frauenquote da nicht helfen?

Sie könnte etwas anschieben, wenn es zum Beispiel um die Besetzung von Führungspositionen in Vorständen oder Aufsichtsräten geht. Es muss selbstverständlich werden, dass Frauen mitentscheiden und wichtige Entscheidungsträgerinnen sind. Bislang ist das aber eher die Ausnahme als die Regel. Es muss sich aus meiner Sicht an der Haltung grundsätzlich etwas verändern. Das geht nicht nur durch Gesetzgebung.

Lesen Sie auch

In Ihrer Agentur arbeiten nur Frauen. Zufall?

Ehrlich gesagt: Ja, das hat sich so ergeben.

Andersrum: Könnten Sie denn Chefin eines reinen Männerteams sein?

Ich glaube nicht. Ich bin noch so erzogen worden, dass ich dann wahrscheinlich in eine Servicerolle rutschen würde. Aber es wäre spannend, das mal auszuprobieren.

Sie bilden aus. Bewerben sich nicht auch Männer?

Doch, natürlich. Aber die Frauen waren bisher neugieriger und flexibler. Wenn es hieß, dass man auch mal Kaffee kochen oder Ablage machen muss, haben die Kollegen schon deutlich gemacht, dass sie lieber gleich konzeptionell arbeiten wollen. Am Ende fehlte ihnen ein Stück weit der Teamgedanke, während die Frauen in meinem Team unheimlich umsichtig und mitdenkend waren. Vielleicht waren es auch einfach nicht die passenden Kandidaten.

Trotzdem zeigen Studien, dass Frauen sich oft für weniger kompetent halten als Männer.

Frauen haben aus meiner Erfahrung heraus schon oft eine andere Selbstwahrnehmung. Der Mut zu sagen „Ich kann das“ fehlt häufig – mir früher auch. Heute bin ich viel selbstbewusster. Ich habe viele große Projekte auf die Beine gestellt, aber das muss ich mir bis heute immer wieder ins Gedächtnis rufen. Einem Mann würde das glaube ich nicht so gehen.

Sie glauben, Männer zweifeln weniger?

Ja, ich denke schon. Sie sagen eher: 80 Prozent reichen aus, den Rest mache ich mit meiner Ausstrahlung.

Das heißt, dass es Frauen schwerer haben, sich in Männerrunden Gehör zu verschaffen?

Ja. Wenn ich als Frau in einen Raum mit Männern komme, ist meine erste Überlegung, wohin ich mich setze. Am Konferenztisch zum Beispiel so, dass Licht auf mich fällt, ich von allen möglichst gut gesehen werde und ich alle gut sehen kann – sonst bin ich automatisch in einer defensiven Rolle.

Lesen Sie auch

Sie geben Seminare für Existenzgründerinnen. Was raten Sie den Teilnehmerinnen?

Zunächst authentisch zu sein. Die Frage ist, was die individuell richtige Ausdrucksform ist. Frau muss sich wohlfühlen – gerade beim Netzwerken. Es geht erst einmal einfach darum, Menschen kennen zu lernen. Alles andere entwickelt sich, wenn ich den Kontakt in der Hand behalte. Und: Habe den Mut, dich anderen zuzumuten. Wenn das nicht reicht: Trau dich, hol dir Hilfe. Es gibt viele Angebote, wo Frau sich Unterstützung holen kann, zum Beispiel das Frauenkulturzentrum Belladonna, der Verein Frauen in Arbeit und Wirtschaft, die Arbeitnehmerkammer.

Stichwort Unterstützung: Sie haben einen Sohn und leiten ein Unternehmen. Wie viel Unterstützung braucht es, das zu vereinbaren?

Das ging nur mit guter Vororganisation. Ich hatte acht Festangestellte und viele große Projekte laufen, als ich schwanger wurde. Ich musste mir eine Tagesmutter nehmen, weil es nicht ausreichend Kita-Plätze gab. Das hat viel Geld gekostet, und das muss Frau sich auch erst einmal leisten können. Und ich hatte das Glück, dass der Vater meines Sohnes als Künstler seine Arbeit einteilen konnte. Heute lebt mein Sohn vor allem bei mir, ich bin sozusagen alleinerziehend, und es ist eine Herausforderung, alles unter einen Hut zu kriegen. Daneben auch mal Zeit für sich zu haben, für Sport oder Kultur, ist nicht so einfach.

Kommen Sie Angestellten entgegen, die Kinder haben?

Wir haben es bei einer Kollegin in Teilzeit so geregelt, dass sie jederzeit im Büro oder zu Hause arbeiten kann, wie es für sie passt, auch wenn das Kind mal krank ist. Wichtig ist nur, dass E-Mails innerhalb von 24 Stunden beantwortet werden. Dafür müssen Arbeitnehmerin und Arbeitgeberin flexibel sein und sich gegenseitig Vertrauen. Und die familiäre Unterstützung spielt nach wie vor eine große Rolle, damit Frauen im Arbeitsleben Chancen haben, Karriere zu machen. Dort, wo Männer selbständig sind oder im Homeoffice arbeiten, haben es Paare leichter, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen.

Lesen Sie auch

Was muss sich denn tun, damit sich die Rollen von Frauen und Männern verändert?

Solange Mädchen und Jungs nach wie vor in die entsprechenden Geschlechterrollen hineinwachsen, ist das schwierig. Es bedarf großer Aufmerksamkeit, auch für mich persönlich, aus dieser traditionellen Rolle herauszutreten und meinem Sohn andere Werte zu vermitteln.

Das heißt, Frauen müssen zu mehr Selbstbewusstsein erzogen werden?

Ja. Oder umgekehrt: Männer zu mehr Wertschätzung für die Leistung von uns Frauen.

Das Gespräch führte Simon Wilke.

Info

Zur Person

Christina Müller ist Inhaberin der Bremer PR-Agentur Textpr+, in der aktuell nur Frauen arbeiten, und gibt Seminare für Existenzgründerinnen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+