Die BLG im Zeichen des Wechsels

Hattig geht - Kaulvers kommt

Bremen. Der Aufsichtsrat der BLG hat einen neuen Vorsitzenden: den Chef der Bremer Landesbank, Stephan-Andreas Kaulvers. Er übermimmt das Amt von Josef Hattig, der sich einen anderen Nachfolger gewünscht hätte.
01.06.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Annemarie Struß-von Poellnitz

Bremen. Gestern wählte der Aufsichtsrat der BLG im Anschluss an die Hauptversammlung seinen neuen Vorsitzenden: den Chef der Bremer Landesbank, Stephan-Andreas Kaulvers. Keine Überraschung, die Personalie ist seit Monaten bekannt. Bekannt ist auch, dass Kaulvers nicht der Wunschkandidat des scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden Josef Hattig war – eine Alternative hatte er allerdings nicht anzubieten. "Nur kein Banker!", soll der ehemalige Beck’s-Chef und Ex-Senator gemahnt haben.

Trotz der Skepsis des bisherigen Vorsitzenden sind sich alle einig, dass Kaulvers in der derzeitigen Konstellation der einzige ist, der das Format zum Spitzenmann des Aufsichtsgremiums hat. Er gilt als Wunschkandidat von Finanzsenatorin Karoline Linnert, die gemeinsam mit Wirtschaftssenator Martin Günthner qua Amt dem Aufsichtsrat angehört. Sie hat ihn in ihrer Funktion als Aufsichtsratsvorsitzende der Bremer Landesbank schätzen gelernt.

Mancher in der BLG sieht diese Nähe mit Sorge. Der Aufsichtsratsvorsitzende dürfe nicht der verlängerte Arm der Politik sein, heißt es. Man brauche gerade angesichts verstärkter Übergriffe – Stichworte: Eingriff in das Prinzip des Universalhafens durch Verbot von Atomtransporten, Mindestlohndebatte – einen Aufsichtsratsvorsitzenden, der gegenüber der Politik den Rücken breit mache.

"Publicly owned – privately managed", im Besitz der öffentlichen Hand, aber privatwirtschaftlich geführt: Dieses Prinzip haben Hattig und Aden gemeinsam für die BLG entwickelt und dem Unternehmen so die Bewegungsfreiheit für den Schritt in die Internationalisierung eröffnet. "Die Politik soll sich gefälligst raushalten", übersetzte Linnert dieses Motto gestern etwas leger – und machte gleich deutlich, dass sie das anders sieht. Sie betonte allerdings auch, dass bisher beide Seiten mit der Eigenständigkeit der BLG gut gefahren seien, nicht zuletzt dank Hattigs Brückenfunktion zwischen Politik und Wirtschaft.

Herr Aden und Herr Hattig

Doch der scheint einer Zukunft der BLG ohne Hattig nicht recht zu trauen. "Unternehmen müssen vom Markt her gedacht und geführt werden", sagte er am Donnerstag, und das klang wie eine Mahnung an den Neuen. In einem Interview mit der "FAZ", das im Geschäftsbericht abgedruckt ist, wünscht er seinem Nachfolger "ein hohes Maß an unternehmerischer Potenz" und gibt ihm mit auf den Weg: "Geben Sie niemandem die Möglichkeit, Aufsichtsrat und Vorstand auseinanderzudividieren."

Zwischen Aden und Hattig passte nicht mal das sprichwörtliche Blatt Papier. Die beiden, die sich auch nach zwölf Jahren immer noch mit Herr Hattig und Herr Aden ansprechen, waren in ihrer Unterschiedlichkeit ein kongeniales Team. Aden und Kaulvers, das ist von vornherein ein zeitlich befristetes Zweckbündnis, das der BLG-Vorsitzende aber durchaus positiv sieht. Kaulvers sei "in dieser Situation eine sehr gute, bremische Lösung", sagte er kürzlich im Interview. "Diese Situation" ist eigentlich ausgesprochen gut, das zeigt das Ergebnis für das Jahr 2011: Über eine Milliarde Umsatz, hohe Wachstumsraten im Containerumschlag, Marktführer in Europa in der Automobillogistik.

Die Lage ist aber auch schwierig, denn im Containergeschäft verdient die BLG zwar richtig Geld, an der Kaikante spürt man das Auf und Ab der Konjunktur aber immer zuerst. Zudem belasten die Anlaufschwierigkeiten für den Jade-Weser-Port das Geschäft. Die anderen beiden Geschäftsfelder Kontrakt- und Automobillogistik leider unter schwachen Margen. Ob sich das Engagement in der Offshore-Industrie für die BLG lohnt, muss sich noch zeigen.

Gerade jetzt, wo die Globalisierung durch die rasante Entwicklung in den Schwellenländern und die Schwäche Europas und der USA in eine neue Phase tritt, wird es darauf ankommen, das Unternehmen rechtzeitig in das richtige Fahrwasser zu steuern. Das ist in erster Linie Aufgabe der oder des künftigen Vorstandsvorsitzenden. Aber Hattig hat in der Strategieentwicklung immer eine wichtige Rolle gespielt. Kaulvers dagegen sehen manche tendenziell eher als Bremser. Der bedächtige Banker gilt manchen als (zu) wenig risiko-affin. Seine Bank hat er allerdings mit diesem Kurs sicher durch die Krise geführt. Aber es gibt vereinzelt Klagen von Unternehmern und Co-Finanzierern, die Landesbank ziehe sich sehr schnell zurück, wenn es mal eng wird. Kaulvers hat stets das Gegenteil betont: Man stehe auch in Durststrecken an der Seite der Kunden.

Berliner mit Segelschein

Der leidenschaftliche Segler genießt großes Ansehen in der Region. Deshalb soll er nicht nur das Kontrollgremium der BLG leiten, sondern ab Herbst auch Aufsichtsratsvorsitzender des Energieversorgers EWE werden. Zwei dicke Bretter, die neben dem Hauptjob bei der Landesbank zu bohren sind. Dass er klug zwischen Politik und Wirtschaft agieren kann, hat er bei der Auseinandersetzung um die Umwandlung der Stillen Einlagen Bremens bei der Landesbank gezeigt. Möglichst im Hintergrund, aber präsent, wenn es darauf ankommt.

Er ist niemand, der Macht um jeden Preis will, aber seine Unabhängigkeit schätzt. Als er sich im Vorstand der Dresdner Bank zu stark gegängelt fühlte, zog er es vor, 2006 Chef der kleinen Bremer Landesbank zu werden. Die Dresdner gibt es heute nicht mehr. Als er kurz darauf als Chef der Nord/LB im Gespräch war, zog er sich zurück, weil Niedersachsen seine Forderung nach einer kräftigen Kapitalerhöhung für die Bank ablehnte. Die Entwicklung der Nord/LB hat ihm recht gegeben. .

Der gebürtige Berliner (1956), der seit seiner Bankausbildung bei der Oldenburgischen Landesbank begeisterter Norddeutscher ist, blickt sicher stärker auf die die Region, nicht nur auf Bremen. Das mag manchen hier nicht passen. Aber für die BLG kann es eigentlich nur gut sein, wenn jemand Bremen und Niedersachsen kann.

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