Arbeiten von zu Hause wird zum Standard

Wie Bremer Firmen mit dem Homeoffice klarkommen

Die Infektionszahlen steigen wieder und lassen eine Rückkehr der Beschäftigten zurück ins Büro in weite Ferne rücken. Doch die Erfahrungen von Unternehmen in Bremen und umzu zeigen, wie gut es bisher läuft.
03.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Bremer Firmen mit dem Homeoffice klarkommen
Von Florian Schwiegershausen
Wie Bremer Firmen mit dem Homeoffice klarkommen

Das Homeoffice wird für einige Bremer Firmen künftig eine größere Rolle spielen, es wird das Büro aber nicht ersetzen.

Sebastian Gollnow /dpa

Am 26. August enden die Sommerferien in Bremen und Niedersachsen. Dieser Termin sah für manches Unternehmen vor Beginn der Ferien so aus, dass er für die Mitarbeiter die Rückkehr ins Büro bedeuten könnte. Doch derzeit steigende Infektionszahlen lassen dies in die Ferne rücken. Die Mehrheit der Arbeitnehmer findet das nicht schlimm.

Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK wollen knapp 77 Prozent der Beschäftigten, die erst seit der Corona-Pandemie daheim arbeiten, diese Arbeitsform beibehalten – obwohl eine ganze Reihe von ihnen sich gleichzeitig um die Kinder mit ihren Schulaufgaben kümmern mussten. Diese Zahl deckt sich auch mit der bisherigen Erfahrung so mancher Unternehmen in Bremen und umzu.

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Zum Beispiel beim Lebensmittelhersteller Mondelez. Der ist vor zwei Jahren mit seiner Verwaltung ins neue moderne Gebäude in die Überseestadt gezogen. Von dort wird das Geschäft für Deutschland, Österreich und die Schweiz gemanagt. Doch auch nach den Sommerferien werden hier nur wenige Kollegen anzutreffen sein. Sprecherin Jenny Linnemann sagt: „Für den Moment werden wir unseren Mitarbeitern weiterhin empfehlen, von zu Hause aus zu arbeiten. Unsere Büros werden immer geöffnet bleiben, um unseren Mitarbeitern weiterhin die nötige Flexibilität zu bieten.“ Die Zahl der Bremer Angestellten, die derzeit am heimischen Schreibtisch arbeiten, gibt sie mit 85 Prozent an.

Das Büro wird anders

Seit Mitte März gibt es bei Mondelez die Empfehlung, von zu Hause aus zu arbeiten, sofern dies von dort effektiv möglich sei. „Das Büro in der Bremer Überseestadt blieb in den vergangenen Monaten für geschäftskritische Aufgaben vor Ort geöffnet“, ergänzt Linnemann. Zudem hatte das Unternehmen die Hygienevorkehrungen nochmals erhöht. Schon vor der Corona-Pandemie sei es bei Mondelez bereits üblich gewesen, ortsunabhängig zu arbeiten. In den letzten Monaten wurden die Mitarbeiter mit verschiedenen Videos zusätzlich auf die Situation für die Arbeit aus dem Homeoffice geschult.

Klar sei für Mondelez, dass das Büro auch in Zukunft nicht abgeschafft werde, erläutert Linnemann: „Wir sind fest davon überzeugt, dass das Büro ein grundlegender Bestandteil unserer Unternehmenskultur bleiben wird, um den Teamgeist und die menschliche Verbindung zu fördern, neue Mitarbeiter an Bord zu holen und ihnen zu helfen, diese Verbindung aufzubauen.“ Allerdings denke Mondelez darüber nach, wie sich Büro in Zukunft definieren werde. Die Rolle müsse sich „hin zu Räumen entwickeln, in denen Mitarbeiter zusammenkommen, um ihre Bindungen zu stärken und die Unternehmenskultur zu teilen. Und die Bürogestaltung wird sich an diese veränderte Rolle anpassen müssen.“

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Bei einer Bank ist es etwas schwieriger mit dem Homeoffice. Doch die Oldenburgische Landesbank (OLB) bezeichnet die Erfahrungen mit dem Homeoffice als sehr gut. „Die Aufrechterhaltung aller für den Geschäftsbetrieb relevanten Abläufe war und ist stets gewährleistet“, erklärt Sprecher Timo Cyriacks. Das habe erst recht für Geschäftskunden Bedeutung, wenn es um die Beantragung der KfW-­Überbrückungskredite geht. „Wir haben unverändert die Empfehlungen der Bundesregierung und der Gesundheitsinstitutionen genau im Blick, bewerten aus unserer Perspektive die aktuelle Lage und richten uns dementsprechend aus.“

Die Pandemie als Digitalisierungsbooster

Je nach Fachbereich sind bei der OLB zwischen 60 und 80 Prozent im Homeoffice. „Häufig teilen sich die Teams in Absprache zwischen Homeoffice und Anwesenheit vor Ort auf“, sagt Cyriacks. „Die Pandemie gilt nicht ohne Grund neben allen negativen Aspekten, die sie mit sich bringt, auch als Digitalisierungsbooster.“ Spätestens jetzt zahle sich der Ausbau der digitalen Angebote, zu denen auch der Videochat mit den Kunden gehört aus. Die OLB stellt fest, dass sich die Funktionalität des Homeoffice bereits bewährt habe. „Wir gehen davon aus, dass Homeoffice in der Nach-Corona-Zeit eine sinnvolle Möglichkeit bleiben wird, der Arbeit nachzukommen.“ Wie genau, werde man sehen.

Beim Bremer Unternehmen Röhlig Logistics hat es sich ausgezahlt, dass die Firma in den letzten Jahren massiv in die Digitalisierung gesetzt hatte. So konnten die Mitarbeiter schnell zum eigenen Schutz ins Homeoffice geschickt werden. Im Mai wollte Röhlig von den Beschäftigten wissen, wie zufrieden sie mit dem Homeoffice sind. Fast 80 Prozent hatten sich positiv geäußert, und das, obwohl sie sich gleichzeitig um die Kinder kümmern mussten. „Viele Eltern haben sich zum Beispiel in Schichten organisiert. Und der Einsatz der Videokamera im Meeting hat vielen Kollegen geholfen, ein Team-Gefühl aufrecht zu erhalten“, weiß Kristina Niemeyer, Human Resources Manager bei Röhlig Logistics.

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Aber in der Logistik geht laut Niemeyer eben doch nicht alles vom Büro aus: „Bestimmte Aufgaben, wie beispielsweise Zollabfertigungen, können in der Handhabung von Land zu Land unterschiedlich sein, so dass diese online nicht durchführbar sind.“ Als weltweit tätiges Unternehmen werde sich Röhlig nach der grundsätzlich positiven Erfahrung weiter dafür einsetzen, die Akzeptanz der sogenannten „Remote Work“ unter den Mitarbeitern zu stärken.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer, sieht, dass sich die Arbeitswelt verändern werde, sagte aber dem „Handelsblatt“: „Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, unser komplettes Wirtschaftsleben von Zuhause aus erledigen zu können.“

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