Leiter der Bremer Flugschule über Flugscham "Ich schäme mich keineswegs für meinen Beruf!"

Wer hoch oben über der Erde sei, der bekomme eine andere Sicht auf die Dinge, sagt Pilot Bernd Krohme. Wer ganz oben sei, sollte sich seiner Position aber bewusst sein – und für Notfälle vorsorgen.
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Lakeband

Herr Krohme, wie fühlt es sich an, ganz weit oben zu sein?

Bernd Krohme: Wunderbar! Im Gegensatz zu den Passagieren hat man als Pilot ja einen Platz mit richtiger Aussicht. Selbst wenn das Wetter am Boden mies ist, sieht man als Pilot jeden Tag die Sonne. Um das zu realisieren, braucht man aber Zeit. Als ich zum ersten Mal ein großes Flugzeug geflogen bin, habe ich davon gar nichts mitbekommen. Mein Puls war hoch und der Rest ganz weit weg. Nach zwei, drei Flügen legt sich das aber und man kann den Ausblick genießen.

Dann stimmt es, wenn man sagt, „nur Fliegen ist schöner“?

Auf jeden Fall. Unseren Flugschülern sage ich immer: ‚Sie machen das Tollste, was man überhaupt machen kann und bekommen noch Geld dafür.‘

Erinnern Sie sich noch an Ihren allerersten Flug?

Ich bin zum Schüleraustausch in die USA geflogen; erst von Stuttgart nach Frankfurt, dann weiter nach Chicago. Ich durfte auch ins Cockpit schauen. Das hat mich nur in meinem Wunsch bestärkt, Pilot zu werden. Den hatte ich schon, als ich sechs oder sieben Jahre alt war.

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Warum sind Menschen seit jeher so fasziniert vom Fliegen?

Der Mensch ist fest mit der Erde verbunden; die Schwerkraft nimmt uns die Möglichkeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Durch das Fliegen bekommt man das Gefühl, man könnte die Probleme auf der Erde verlassen. Heute spielt sicher auch noch der Reiz des Reisens eine Rolle, weil es viel schneller als früher geht. Viele meiner Freunde träumen zum Beispiel davon, einmal Urlaub in Neuseeland zu machen. Das wäre vor 100 Jahren undenkbar gewesen.

Geht dadurch nicht das Gefühl für die Distanzen verloren?

Schon. Wenn ich mir überlege, dass ich morgens in Frankfurt ins Flugzeug steige und abends in Hongkong Essen gehe, ist das schon verrückt. Als Pilot bewege ich mich irgendwo zwischen Einheimischem und Tourist. Wenn es mir an einem Ort gefällt, kann ich bei der Lufthansa den Wunsch äußern, dass ich da bald wieder hinfliegen möchte. Früher bin ich regelmäßig nach New York geflogen. Ich hatte dann mein Kickboard dabei und bin durch die Gegend gefahren. Irgendwann wusste ich, wo es guten Kaffee gibt, leckere Bagels, nette Buchläden. Nach und nach habe ich mir die Stadt erschlossen. Dass man solche Privilegien hat, muss man sich immer wieder vor Augen führen.

Sie sind Pilot, schwärmen vom Fliegen; gleichzeitig wird der Begriff „Flugscham“ immer populärer. Viele Menschen wollen auf Flugreisen verzichten, um das Klima zu schützen. Befinden Sie sich in einem Zwiespalt?

Das Thema geht uns alle an – unabhängig vom Beruf. Beim Fliegen versuche ich, sehr bewusst und sparsam mit der Ressource Treibstoff umzugehen, beispielsweise nach Abkürzungen zu fragen oder auch mal einen kürzeren Anflug nach Sicht zu fliegen. Das spart Zeit und macht Spaß. Zusätzlich werden die Flugzeuge auch immer sparsamer. Ich schäme mich keineswegs für meinen Beruf!

Bekommt man durch die Höhe tatsächlich einen anderen Blick auf die Dinge?

Vieles relativiert sich, auch persönliche Themen. Es kann vorkommen, dass man seinen Partner für zwei oder drei Tage nicht sieht. In der Zeit erledigen sich Probleme, die vor dem Abflug riesig waren, mitunter. Es hilft, die Dinge aus der Distanz zu betrachten.

Wenn man so weit oben ist, sind selbst Häuser nicht mehr zu erkennen, werden Wälder zu grünen Flächen. Besteht die Gefahr, den Blick für Details zu verlieren?

Es gibt das Vorurteil, dass Piloten abgehoben und weltfremd sind. Da ist manchmal auch was dran. Deswegen ist es wichtig, dass man ein Umfeld hat, das einem sagt: Nur weil du ein Flugzeug fliegst, bist du nichts Besonderes.

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Bodenhaftung ist also wichtig?

Ja. Ich wohne zum Beispiel noch da, wo ich aufgewachsen bin. Da kenne ich den Bäcker und den Metzger. Ich bin liebend gerne in der Welt unterwegs, aber zu Hause fühle ich mich am wohlsten.

In unserer Gesellschaft soll möglichst alles nach oben gehen: Wer Glück in der Liebe hat, schwebt auf Wolke sieben, im Job geht es bestenfalls steil bergauf, Aktien gehen durch die Decke. Warum ist das so wichtig?

Der Mensch strebt immer nach Verbesserung: Alles soll immer noch wertvoller, noch schöner werden. Dieses Gefühl hat nach meinem Empfinden in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Schauen Sie sich beispielsweise Smartphones an: Keiner ist mehr mit einem iPhone von vor fünf Jahren zufrieden. Alle hätten lieber das neue Modell, obwohl man auch mit dem alten telefonieren und Nachrichten schreiben kann. Die meisten könnten mit dem zufrieden sein, was sie haben.

„Höher, schneller, weiter“ ist also schlecht?

Jeder sollte für sich selbst ein gutes Maß finden. Es gibt Leute, die sind so getrieben, dass sie sich ohne das Streben nicht wohlfühlen. Wenn es zur Belastung wird, sollte man aussteigen.

Fällt das nicht sehr schwer, wenn man sich erst mal nach oben gearbeitet hat?

Ich habe mal einen Menschen kennengelernt, der zweimal fast auf dem Mount Everest war. Beim ersten Mal musste er nur noch eine neue Sauerstoffflasche anschließen, um die letzten Meter zum Gipfel zurückzulegen. Sein Sherpa hatte aber aus Versehen eine leere Flasche eingepackt. Der Mann hatte den Gipfel vor Augen, musste aber umdrehen. Als er das nächste Mal am Mount Everest war, gab es einen Erdrutsch und er musste seinen Aufstieg abbrechen. Heute sagt er, dass es ihn menschlich wahrscheinlich weiter gebracht hat, als tatsächlich den Gipfel zu erreichen. So einen Umgang muss man aber lernen. Wer hohe Ziele hat, kann auch tief fallen. Da hilft es, einen Plan B zu haben.

Haben deswegen viele Menschen Respekt vor der Höhe?

Wahrscheinlich. Ein gewisser Respekt vor der Höhe ist auch nötig. Wenn man nicht weiß, was passiert, wenn man fällt, geht man ein großes Risiko ein – das gilt für den Sturz vom Ast wie auch beruflich. Piloten üben daher jeden potenziellen Notfall, um im Zweifel darauf vorbereitet zu sein.

Wer nur ab und an fliegt, guckt fasziniert aus dem Fenster. Wird die Draufsicht irgendwann langweilig?

Überhaupt nicht, die ist immer wieder beeindruckend. Am tollsten ist es, nach Hause zu fliegen. Ich war lange in Stuttgart stationiert. Wenn man dann in eine Gegend fliegt, die man kennt, ist das toll. Wenn man an der Zugspitze vorbeifliegt, aus dem Fenster Kempten sieht, weiß, dass gleich Donaueschingen kommt – und dann vielleicht sogar das eigene Haus sieht. Das ist wunderschön.

Das Interview führte Stefan Lakeband.

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