Bremer Ausbildungspakt Kammern beraten über neue Ausbildungsvereinbarung

In Bremen sitzen Vertreter von Kammern und Politik zusammen und beraten über eine neue Ausbildungsvereinbarung. Warum es in Zukunft bei den Stellen nicht mehr um ein konkretes Zahlenziel gehen könnte.
24.04.2018, 20:41
Lesedauer: 4 Min
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Kammern beraten über neue Ausbildungsvereinbarung
Von Lisa Schröder

Die Partner sitzen in diesen Monaten zusammen am Tisch. Es geht um eine neue Bremer Ausbildungsvereinbarung bis zum Sommer. Doch auf die Gretchenfrage haben die Partner noch keine Antwort. Soll wie bisher eine Zahl vereinbart werden?

Für die Zurückhaltung gibt es mehrere Gründe. Kammern, Gewerkschaft, Wirtschafts- und Bildungsressort mussten sehen, dass das gesetzte Ziel ihres Ausbildungspakts gescheitert ist: 7800 neue Ausbildungsstellen sollten im vergangenen Jahr entstehen. Das ist deutlich verpasst worden. Daraufhin gab es zudem eine hitzige Diskussion, wer daran die Schuld trägt. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) forderte von den Unternehmen mehr Engagement. Das sorgte für Unmut in der Wirtschaft.

Weg von 7800 Lehrstellen

Zumindest wenn es nach dem Willen der Bremer Handwerks- und Handelskammer geht, soll die Vereinbarung nun anders aussehen. Die Häuser wollen die Zahl nicht mehr festsetzen: 7800 Stellen sollen kein Ziel mehr sein. "Das werden wir nicht mehr machen", sagt Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer für den Bereich Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer. "Wir sollten uns auf qualitative Ziele fokussieren, wo wir mit der Ausbildung in Bremen hinwollen", sagt auch Martina Jungclaus, Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer. Dazu müsse man gemeinsame Ziele definieren und konkrete Maßnahmen, um diese schrittweise zu erreichen. "Das halte ich für einen sinnvollen Weg. Wir sollten nicht starr an einem Zahlengerüst festhalten."

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Dieser Richtungswechsel ist ein Knackpunkt. Im Grunde scheinen sich die Partner über viele Punkte eines neuen Ausbildungspakts einig zu sein. Heidemeyer lobt die vertrauensvolle Zusammenarbeit: "Da passt bei den Zielstellungen kein Blatt zwischen." Nur zur Zahl gebe es aber kontroverse Positionen. "Da gibt es das ein oder andere Scharmützel." Doch Heidemeyer ist sich in der Sache sicher. Nur eine Handelskammer gebe heute noch Zahlen für eine Auswertung raus: "Wir sind also nicht besonders revolutionär, sondern in der Realität angekommen."

Das Wirtschaftsressort will sich zu den laufenden Gesprächen nicht im Detail äußern, betont jedoch, eine Vereinbarung mache ohne die konkrete Benennung von Zielen keinen Sinn. Klar sei, dass es durchaus unterschiedliche Vorstellungen in der Runde gebe. "Die Partner sind aber geeint in der grundsätzlichen Überzeugung, dass eine Bremer Ausbildungsvereinbarung für mehr Ausbildungsplätze richtig ist."

Mehr Berufsorientierung in Schulen

Heidemeyer und Jungclaus wollen dagegen den Fokus weg von den Zahlen lenken – zum Beispiel auf eine bessere Berufsorientierung in den Schulen. "Es ist ein Manko, dass die Schüler nicht über ausreichende Vorstellungen von Berufen verfügen", sagt Heidemeyer. Jungclaus sieht hier ebenfalls viel Luft nach oben. Die Ausbildung stehe in Konkurrenz mit der akademischen Ausbildung. "Wir sollten daran arbeiten, dass wir die Potenziale beider Ausbildungswege nutzen." Die Attraktivität der Ausbildung zu stärken sei darum wichtig.

Die Gespräche für eine Vereinbarung verliefen positiv. "Alle sind daran interessiert, dass wir eine weitere Bremer Vereinbarung schaffen. Wir werden uns sicherlich auf messbare Faktoren einigen, mit denen alle leben können", sagt Jungclaus. Heidemeyer macht jedoch auch klar, dass es keinen Zwang gibt: "Am Ende haben wir die Möglichkeit zu unterschreiben oder eben nicht."

1000 Bewerber gingen leer aus

Die Arbeitnehmerkammer nimmt als Partner ebenfalls an den Gesprächen teil. "Die Bremer Vereinbarungen sollten fortgesetzt werden, um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern", sagt Hauptgeschäftsführers Ingo Schierenbeck. Die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen ohne Berufsausbildung sei in Bremen besonders hoch. Allein im vergangenen Jahr seien mehr als 1000 bei der Agentur für Arbeit gemeldete und geeignete Bewerber leer ausgegangen. "Deshalb müssen wir gemeinsam für die berufliche Ausbildung werben und wieder mehr Ausbildungsplätze schaffen. Dabei helfen uns nur konkrete und verbindliche Vereinbarungen weiter." Deutlicher will die Arbeitnehmerkammer zu diesem Zeitpunkt der Verhandlungen nicht werden.

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Jörg Kastendiek, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CDU, kann die Überlegung der Handwerks- und Handelskammer nachvollziehen: "Man muss überprüfen, inwiefern die Ausbildungsvereinbarung und eine Zielzahl noch die richtigen Instrumente sind." Natürlich seien aber weiterhin gemeinsame Anstrengungen und Bekenntnisse von Wirtschaft und Politik notwendig. Kastendiek plädiert dafür, die Rahmenbedingungen für eine duale Ausbildung zu verbessern. "Denn schlechte Bildungsqualität trägt nicht dazu bei, die oft kritisierte Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen zu verbessern." Marode Berufsschulen und veraltete Ausstattung sorgten dabei nicht dafür, dass die Ausbildung als attraktive und gleichwertige Alternative zum Studium wahrgenommen werde.

Linke: "Wertloses Papier mit hübscher Lyrik"

Dagegen zeigt sich Miriam Strunge, ausbildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, fassungslos über den anvisierten Wegfall der Zahl: "Dadurch wird die Bremer Vereinbarung zu einem völlig wertlosen Papier mit hübscher Lyrik." Zentrales Ziel der Vereinbarung sei es, die Zahl der Ausbildungsplätze zu erhöhen. "Wenn man sich da auf keine Zielzahl einigt, kann man es auch gleich bleiben lassen." Wer keine handfeste Zahl wolle, argumentiert Strunge, wolle die Ausbildungsplätze für Bremer Jugendliche nicht erhöhen. "Das ist ein Armutszeugnis und extrem bitter für die Jugendlichen, die dringend mehr Ausbildungsplätze brauchen."

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Um aus den Zahlen für dieses Jahr schon eine Prognose zu ziehen, dafür ist es der Bremer Arbeitsagentur zufolge noch zu früh. Denn noch gebe es viel Bewegung im Ausbildungsmarkt. Die Zahlen bis März liegen bei 3794 gemeldeten Ausbildungsplätzen. Das sind 141 Plätze weniger als im Vorjahr. Obwohl die Zahl kleiner ist, sind zugleich 127 mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr noch unbesetzt: 2715. Als unversorgt galten im März 2443 von insgesamt 3839 gemeldeten Bewerbern. Das sind fast zehn Prozent weniger als im Vorjahr.

Bis zu den Sommerferien soll die Ausbildungsvereinbarung stehen. Auf eine Zahl könnte sich sogar Geschäftsführer Heidemeyer von der Handelskammer schon jetzt einlassen: "Wir sollten die Zahl der unbesetzten Stellen auf Null bringen." Im vergangenen Jahr lag diese Zahl bei 143.

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