Seefracht und Kontraktlogistik verliert Gewinneinbruch bei Kühne + Nagel

Die Quartalszahlen vom Logistikunternehmen Kühne+Nagel zeigen, wie die Gewinne in der Seefracht und der Kontraktlogistik eingebrochen sind. Bremer Logistikunternehmer sagen, wie sie auf die Situation reagieren.
28.04.2020, 05:00
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Gewinneinbruch bei Kühne + Nagel
Von Florian Schwiegershausen

Bei Kühne+Nagel als einem der großen Logistikunternehmen weltweit zeigen die Geschäftszahlen für das erste Quartal, wie es um die Branche steht. Das Unternehmen, das einst in Bremen gegründet wurde, bezeichnet sich selbst beim Blick auf die Geschäftsergebnisse für die Monate von Januar bis März als „widerstandsfähig“ – als ob die Zahlen noch schlechter hätten ausfallen können. So sank verglichen mit dem Vorjahreszeitraum der Gewinn vor Zinsen und Steuern um 24 Prozent auf knapp 175 Millionen Euro. Der Nettoumsatz ging von Januar bis März um 6,2 Prozent auf knapp 4,7 Milliarden Euro zurück.

Der Vorstandsvorsitzende Detlef Trefzger sagte über dieses Ergebnis: „In dieser Situation behielt Kühne+Nagel aber seine operative Leistungskraft, konnte eine Reihe von Spezialgeschäften abwickeln und neue Kunden gewinnen.“ Es handele sich aber um „eine immense globale Herausforderung“. So verweist Trefzger auf die insgesamt 1400 Standorte in 108 Ländern. Dort habe das Unternehmen einen sogenannten Business Continuity Plan aktiviert. Der Schutz der eigenen Mitarbeiter habe dabei „höchste Priorität“.

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Die größten Einbrüche gab es in der Kontraktlogistik. Dort ging in den ersten drei Monaten der operative Gewinn um mehr als 34 Prozent auf etwas über 16 Millionen Euro zurück. Kühne+Nagel begründete dieses große Minus vor allem durch den Rückgang in der Automobillogistik. Auf der anderen Seite konnte das Logistikunternehmen zwar von der gestiegenen Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln, Pharma- und E-Commerce-­Artikeln profitieren, doch die Zahlen zeigen, dass sich damit der Wegfall aus der Autobranche nicht kompensieren ließ. Der Umsatz sank in diesem Bereich verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um mehr als sechs Prozent auf mehr als eine Milliarde Euro.

Einen ähnlichen Rückgang verzeichnete die Seefracht. Gerade dieser Bereich sei früh von der Corona-Pandemie betroffen gewesen, wie Kühne+Nagel in seinem Quartalsbericht ausführte. Bereits recht früh brach die Nachfrage von und nach China ein, während sich die Exportvolumina aus Lateinamerika allerdings positiv entwickelten. Doch auch dies konnte die Einbrüche im Chinageschäft nicht kompensieren. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern sank um knapp 30 Prozent auf knapp über 75 Millionen Euro. Der Nettoumsatz verzeichnete ein Minus von knapp sieben Prozent auf mehr als 1,6 Milliarden Euro.

Umsätze deutlich zurückgegangen

Bereits vor knapp zwei Wochen hatte der Verein Bremer Spediteure (VBS) mitgeteilt, wie stark die Logistikbranche von den Corona-Auswirkungen betroffen ist. Eine VBS-­Blitzumfrage zeigte, dass bei den Mitgliedern die Umsätze im Export um durchschnittlich 35 Prozent, im Import sogar um durchschnittlich 45 Prozent zurückgegangen waren. Der VBS-Vorsitzende und Geschäftsführer des Bremer Traditions-Logistikunternehmens Leschaco, Oliver Oestreich, sagte: „Gerade die importorientierten Mitgliedsunternehmen hatten an der Situation böse zu knapsen.“ Doch mit dem Import aus Asien gehe es langsam wieder voran, was sich vor allem in der Seefracht bemerkbar mache.

Für Mai ist laut Oestreich davon auszugehen, dass es auch dann noch auf dem Handel zwischen China und Europa 30 Prozent weniger Kapazitäten verfügbar sein werden: „Das sind Kapazitäten, die für den Export fehlen werden. Und auf der anderen Seite kommen weniger Leercontainer an, die aber benötigt werden.“ Gleichzeitig sind die Lagerkapazitäten hierzulande voll, was auch dem über Wochen geschlossenen Einzelhandel geschuldet sei. Kleidung und Sportartikel sind dadurch im Lager geblieben, dabei dann auch direkt im Container.

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Wie Oestreich aus den Leschaco-Büros in Asien hören kann, kehren die meisten Länder wieder langsam zurück zur Normalität. „Wenn wir hier in Europa nicht noch einen Rückschlag bekommen, könnte das wohl auch im Mai und Juni hier so sein“, hofft der Leschaco-­Geschäftsführer. „Dann wird auch der Export wieder zunehmen.“ Dabei werden die Unternehmen aber wohl vorerst einen Kampf um die niedrigeren Schiffskapazitäten ausfechten. Mit Zuwächsen im Import sei erst zum zweiten Halbjahr wieder zu rechnen.

Verstärkte Nachfrage nach Sonderlösungen

Wie stark die Auswirkungen durch die Corona-Pandemie auf die Weltwirtschaft sein werden, lässt sich laut Philip W. Herwig wohl erst gegen Ende des zweiten Quartals näher einschätzen. Der Managing Partner des Bremer Unternehmens Röhlig Logistics sagt: „Aktuell sind auf vielen Routen und insbesondere in der Luftfracht die Frachtraten sprunghaft gestiegen, weil nur begrenzt Transportkapazitäten zur Verfügung stehen.“ Das führe derzeit zu einer verstärkten Nachfrage nach Sonderlösungen, ergänzt Herwig, „wie beispielsweise unserem Seefracht-Expressdienst, der innerhalb kürzester Zeit Fracht an jeden Ort in den USA bringt und eine Alternative zum Lufttransport darstellt“. Aufgrund der entfallenen Passagiermaschinen, in denen auch Fracht transportiert wird, gebe es auch einen erhöhten Bedarf nach der Organisation von Direkt- und Charterflügen.

Oliver Oestreich sieht als Vorsitzender des Vereins Bremer Spediteure, dass 2020 vor allem für die Reedereien ein ganz schweres Jahr sein werde. Doch zum Schluss sagt er aus dem Logistik-Blickwinkel: „Die Situation ist schwierig, aber für Einzelhandel oder Gastronomie ist die Situation doch noch viel schwieriger.“

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