Unternehmen „Umordnung" Ordnung in Bremer Haushalte bringen

Im Durchschnitt besitzt jeder von uns 10 000 Dinge. Mit ihrem Unternehmen „Umordnung" möchte die Bremerin Tanja Kliemann Ordnung in diesen Berg von Gegenständen bringen.
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Von York Schaefer

Um das Jahr 1900 herum sollen die Menschen in Europa nicht mehr als etwa 300 Dinge besessen haben. Heute sollen es im Schnitt 10 000 sein. Viel Zeug zwischen Reißzwecken, Zahnpasta, Papierkram, Büchern, Klamotten, Möbeln, Küchengeräten und Auto, das sich verbraucht oder auch einfach nur rumsteht. Eigentlich müsste man also ständig aufräumen, sauber machen, sortieren, wegschmeißen und ordnen. Kein Wunder, dass heute viele Menschen neben beruflichem Stress und medialer Reizüberflutung auch von ihrem Besitz überfordert sind.

Hier kommt Tanja Kliemann mit ihrem Unternehmen „Umordnung“ ins Spiel. Die 49-jährige Bremerin, geboren in Rheinland-Pfalz, verheiratet, eine erwachsene Tochter, arbeitet als Aufräumcoach und kann sich vor Aufträgen kaum retten. Bis zu acht Wochen beträgt die Wartezeit für einen Termin bei ihr.

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„Es gibt immer mehr Menschen, die den Überblick in ihrem Leben verloren haben“, diagnostiziert die gelernte Immobilienkauffrau die psychischen Folgen des materiellen Überflusses. Die Anzahl an Aufräumcoaches wächst, allein in Bremen gebe es inzwischen acht bis zehn solcher Angebote, sagt Kliemann, darunter auch ein Mann. Die Kunden sind überwiegend weiblich und gut zur Hälfte über 70 Jahre alt.

Eine vielfältige Tätigkeit

Seit vier Jahren bietet sie ihren Service als selbstständige Einzelkämpferin bereits an, nachdem auch ihr der Druck als Außendienstlerin für verschiedene Firmen zu groß wurde. Nun koordiniert sie Umzüge vom Aussortieren der Schränke und Dachkammern bis hin zur Möbelmontage, entwirrt Papierchaos auf dem Schreibtisch, erledigt Behördenkontakte und ordnet den Nachlass Verstorbener. Sogar ein Kleiderschrankservice ist Teil ihres Portfolios. „Jedes Ding zieht Energie“, sagt Tanja Kliemann und weiß um das Esoterische dieses Satzes.

Interviewtermin im Büro in ihrer Wohnung im Peterswerder. Der Sinn fürs Aufgeräumte fällt sofort ins Auge. Klar strukturierter Schreibtisch, Terminer, Telefon, Stifte, Unterlagen – alles hat seinen Platz. „Ich kann nicht anders. Ich brauche Dinge auf Zugriff“, erklärt Kliemann, die schon als Kind Spielsachen nach Farben sortiert hat und später die Schuhkartons mit Belegen für die Steuererklärung von Familie und Freunden ausgehändigt bekam. In einem Regal ihres Büros stehen Ordner mit Aufschriften wie „Mein Weg“ und „Reich sein“. An der Wand strahlt ein großer goldener Feng Shui-Kreis mächtig in den Raum. Auch eine gewisse innere Ordnung gehört bei ihr dazu.

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Denn Tanja Kliemann ist nicht einfach nur Aufräumcoach, sondern bei ihren Kunden oft auch als eine Art Psychologin gefragt. Wohl jeder Mensch kennt das spezielle Erinnerungsgefühl bei Umzügen.

Für ältere Menschen aber, die aus einem größeren Haus in eine kleinere Wohnung oder ins Altenheim ziehen, geht es nicht nur um einen simplen Wohnungswechsel von A nach B. „Die Menschen wollen ihren Kindern kein Chaos hinterlassen.

Außerdem ist die Frage, was vom Hausstand bleibt oder weg soll, oft mit Emotionen verbunden und kann viel Kraft kosten“, sagt Kliemann, die mit zupackender Entschlossenheit, aber auch mit Überblick und Feingefühl für ihre Kunden, die man auch Klienten nennen könnte, arbeitet.

Zum Beispiel für eine Seniorin, Anfang 70, die ein Jahr lang die Wohnung ihrer verstorbenen Schwester in Hamburg weiterbezahlt hat, da sie sich emotional nicht trennen konnte. „In einem ersten Gespräch hat die Kundin erst mal viel von ihrer Schwester erzählt, damit gegenseitiges Vertrauen entstehen kann“, erinnert sich Tanja Kliemann, die aus eigener Erfahrung weiß, was sich in Haushalten und Büros alles ansammeln kann und dass es sehr schwer sein kann, Unbrauchbares und Unwichtiges von Brauchbarem und Wichtigem zu trennen.

Wertvolle Dinge nicht übersehen

Der Kundin war vor allem wichtig, dass die vielen schönen und auch wertvollen Dinge in der Wohnung ihrer Schwester nicht einfach auf den Müll wandern. Tanja Kliemann hat vieles im Internet verkauft, auch das gehört zu ihrem Service. Der Zeitaufwand dafür wird natürlich bezahlt, einen Anteil an den Verkäufen bekomme sie nicht, erklärt die professionelle Aufräumerin.

Auch Messie-Hilfe bietet sie an, was allerdings nicht allzu oft nachgefragt wird. Ein interessantes, sehr medientaugliches Thema, man kennt die Bilder von zugemüllten Wohnungen aus dem Boulevard-Fernsehen. Ein sensibles Thema zudem, Tanja Kliemann organisiert trotzdem ein Treffen mit einem Betroffenen.

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Ein zurückhaltender Mann Ende 50, wie viele von Kliemanns Kunden im Kreativbereich tätig. „Ich kannte nur Chaos“, erzählt er über Kindheit und Jugend, der Vater war Alkoholiker, die Mutter co-abhängig. Ein Zustand der inneren Unordnung, den er nun weiterlebt, manifestiert in seiner Wohnung. „Für diese Menschen ist Müll wie ein Seelenschutz“, erklärt „Aufräumtherapeutin“ Kliemann, „wenn der plötzlich weg ist, fühlen sie sich nackt und ausgeliefert“. Drei Tage haben Kunde und Coach zusammen ein einziges Zimmer entrümpelt. „Zwei Umzugskartons waren voll nur mit alten Elektrokabeln“, erinnert sie sich.

„Jeder Mensch hat ein individuelles Bedürfnis nach Ordnung. Ordnung ist nie starr, sondern ändert sich je nach Lebenssituation, so wie der Mensch selbst auch“, spricht die Umordnerin Tanja Kliemann fast philosophisch über ihre Leidenschaft, die sie zum Beruf gemacht hat.

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