Cambio startet mit Freefloating-Autos

„Wir waren anfangs eher skeptisch“

Eigentlich hatte der Carsharing-Anbieter Cambio die Freefloating-Fahrzeuge, wie sie Sharenow hat, bisher abgelehnt. Warum Cambio damit nun in Bremen an den Start geht, erklärt Geschäfsführerin Bettina Dannheim.
14.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir waren anfangs eher skeptisch“
Von Florian Schwiegershausen
„Wir waren anfangs eher skeptisch“

Bettina Dannheim, die Geschäftsführerin der Cambio-Holding, an einem der roten Fahrzeuge, die sich die Kunden ab 20. August spontan über die Smartphone-App mieten können. Im Gegensatz zu den bisherigen Fahrzeugen muss man diese Autos nicht an ihren angestammten Parkplatz zurückbringen.

Christina Kuhaupt

Frau Dannheim, wie kommt es, dass Sie sich nun doch dazu entschlossen haben, in Bremen für ihre Autos ein Freefloating-System einzuführen?

Bettina Dannheim : Ich bin mit im Vorstand vom Bundesverband Carsharing. Dadurch habe ich dort Studien begleitet, die untersuchten, wie verschiedene Carsharing-Varianten den städtischen Verkehr entlasten: zum einen nur stationsbasiert, dann nur Freefloating, also, dass man sich spontan ein Auto mieten kann, das am Straßenrand steht, und eben die Kombination von beidem.

Und?

Dabei habe ich gelernt, dass kombinierte Angebote den gleichen Entlastungseffekt haben wie rein stationsbasierte. Die Ergebnisse haben mich und meine Kolleginnen und Kollegen bei Cambio überzeugt. Außerdem zeigen die Erfahrungen von Anbietern zum Beispiel aus Leipzig und Mannheim, dass die kombinierten Angebote dort gut angenommen werden. Es hatte dort weder zu einer Kannibalisierung des Radverkehrs geführt noch bei Bus und Bahn. Von reinen Freefloating-Angeboten haben wir dagegen Zahlen vorliegen, dass mehr als 80 Prozent der Nutzer weiterhin ein eigenes Auto haben.

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Daher der Gedankenwechsel?

Ja, wir waren da anfangs eher skeptisch. Jetzt sehen wir, dass es darauf ankommt, wie ein Freefloating-Angebot aussieht. Wir stellen nicht Hunderte Fahrzeuge in die Stadt. Nur wenn es von Kundenseite einen Bedarf für mehr Fahrzeuge gibt, setzen wir das auch um. Der Bedarf für Freefloating ist vorhanden. Von unseren Kunden und auch der Politik in Bremen gab es seit Langem den Wunsch, ein entsprechendes Angebot auf den Weg zu bringen.

Seitens des Bremer Verkehrsressorts wurde das immer kritisch gesehen.

Wir haben unsere Pläne unabhängig von der Bremer Politik verfolgt. Als die ersten Freefloating-Angebote der Autohersteller in Berlin oder Hamburg gestartet sind, waren wir ja selbst nicht davon überzeugt. Diese Angebote hätten wir auch so nicht kopiert. In Bremen geht es los mit dem Angebot, und wenn es gut funktioniert, werden wir in anderen Städten nachziehen. Cambio ist da eher ein vorsichtiges Unternehmen, was die Produktentwicklung angeht.

Neben den Cambio-Kunden der ersten Stunde müssen Sie ja auch schauen, dass neue junge Kunden nachrücken – vielleicht nun mit diesem Angebot.

Ja, da ist etwas dran. Wir haben mit dem Citroën C3 ein flottes Auto mit einem auffälligen Branding. Ohne Smartphone kann man das Auto nicht nutzen, denn man kann es nur per App buchen. Außerdem müssen Sie auf der App gucken, ob Sie sich im Geschäftsgebiet befinden, wenn Sie es abstellen wollen. Das setzt also eine smartphone-affine Kundschaft voraus, die eben auch flexibel sein möchte. Von den anderen Städten wissen wir aber, dass die Bestandskunden zu einem großen Teil zu den Nutzern gehören. Denn mit dem Auto können sie unter Umständen nach dem Einkaufen direkt vor der Haustür parken und es dort einfach stehenlassen.

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Das gilt aber doch nur für die Zonen, in denen ich keinen Parkschein ziehen muss. Da kann ich das Auto dann nicht abstellen, oder?

Wir sind dazu mit der Stadt im Gespräch. Derzeit gilt: In Bereichen, in denen man einen Parkschein ziehen muss, kann man das Auto nicht abstellen. Der ganze Innenstadtbereich ist außerdem ausgeklammert. Aber am Hauptbahnhof beim Ausgang in Richtung Bürgerweide wird es eine Parkzone für die Autos geben. Denn dort sehen wir ebenso Bedarf, zum Bahnhof zu fahren und wegzufahren – gerade, wenn ab einer bestimmten Uhrzeit keine Busse und Straßenbahnen mehr fahren.

Wie viele Fahrzeuge haben Sie?

Wir wollten mit 50 Fahrzeugen starten. Wegen Corona gab es Lieferprobleme bei den Fahrzeugen. Die Bordcomputer konnten nicht geliefert werden, weil die Zulieferfirma auf Teile angewiesen war, die in China produziert werden und sich das Land bereits im Lockdown befand. Deshalb starten wir nun erst mit 30 Fahrzeugen. Die restlichen 20 Fahrzeuge werden in den Wochen ab dem Start nach und nach hinzukommen.

Was kostet es?

Verglichen mit anderen Anbietern im Markt haben wir hier ein Produkt entwickelt, das dem stationsbasierten Carsharing sehr ähnelt. Es hat die gleiche Preisstruktur wie die anderen Fahrzeuge, und man kann damit bis zu 14 Tage wegfahren. Das Auto kann man aber nur spontan buchen. Aber gleichzeitig ist es möglich, das Auto von einem in den anderen Stadtteil zu fahren und dort einfach abzustellen. Es ist also beides möglich – aber eben ohne Reservierung vorab. Freefloating soll das stationsbasierte Prinzip ergänzen.

Wann soll es losgehen?

Der Start ist am 20. August. Das Geschäftsgebiet geht vom vorderen Teil Schwachhausens über das Viertel, Findorff, die Neustadt und dann in Walle bis zum Waller Ring. Die Überseestadt ist davon ausgenommen, weil man dort in sehr vielen Bereichen für das Parken zahlen muss. Die Innenstadt ist ausgenommen, weil die ja auch mal autofreie Zone werden soll. Man kann dorthin fahren, aber die Fahrt dort nicht beenden. Grundsätzlich wollten wir von Anfang an mit einem Gebiet beginnen, das nicht zu klein ist. Auch, um später nicht zu viele Anpassungen vornehmen zu müssen, Veränderungen schaffen bei den Kunden nur Verunsicherung.

Was sind Ihre Anforderungen, die so ein Freefloating-Fahrzeug erfüllen soll?

Das ähnelt denen eines Kleinwagen, wie dem Ford Fiesta: Es wird einen Kindersitz haben. Man kann hinten zu dritt sitzen – zwar nicht wahnsinnig bequem, aber es geht. Außerdem musste es ein Fünftürer mit Klimaanlage und Navi sein, und Platz für mindestens drei Getränkekisten im Kofferraum oder für zwei Koffer für das Wochenende. Man soll damit ja auch mal zum Beispiel an die Nordsee fahren können. Und es musste trotzdem kompakt sein für die Parklücken im Straßenraum. Die Kollegen in Brüssel fahren auch mit dem C3 und habe gute Erfahrungen gemacht.

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Was noch?

Uns war auch wichtig, dass die Kunden die Angebote nicht verwechseln. Deshalb haben wir dem Freefloating-Angebot einen eigenen Namen gegeben: Smumo. Das Auto ist rot mit einer auffälligen Beklebung. In der App haben die Autos in der Übersichtskarte auch ein anderes Icon.

Im Hinblick auf Ihre Geschäftsentwicklung der vergangenen Monate können Sie ja jeden Umsatz gebrauchen.

Wir sind vorsichtig optimistisch. In Bremen sieht es gut aus, da sind wir mit der Buchungslage gerade auf Vorjahresniveau. Im März und April sah das aber ganz anders aus. In einigen anderen Städten sieht es aktuell noch nicht so gut aus wie in Bremen. Das hängt mit dem Umfang der beruflichen und der privaten Nutzung zusammen.

Das bedeutet?

In manchen Städten ist die Buchungslage überdurchschnittlich hoch auf die berufliche Nutzung zurückzuführen. Weil immer noch viele Menschen im Homeoffice arbeiten, hat sich die Buchungslage dort noch nicht wieder erholt. Bundesweit liegen wir fünf Prozent unter dem Vorjahresniveau. Schön ist zu sehen, dass unsere Autos für die Sommerferien gut gebucht sind. Spannend wird es, wenn die Kunden aus den Ferien zurück sind.

Zu Beginn des Corona-Lockdowns hatte ja so mancher Angst, er würde sich direkt mit Corona infizieren, wenn er in einem Carsharing-Auto das Lenkrad anfasst.

Dazu hatten wir gerade Anfang April mindestens fünf Medienanfragen pro Woche, wie wir denn das Fahrzeug desinfizieren. Danach fragt jetzt aber keiner mehr.

Wollen Sie die Zahl der Freefloating-Fahrzeuge vielleicht irgendwann in der Zukunft aufstocken?

Wir schauen uns das an, weil es ja am Ende auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit ist. Die Erfahrungen aus Hannover, Leipzig und Mannheim zeigen, dass die Kollegen die Zahl der Fahrzeuge ziemlich schnell aufgestockt haben.

Info

Zur Person

Bettina Dannheim (62) ist die Geschäftsführerin der Cambio-Holding. Der Carsharing-Anbieter ist mit seinem stationsabhängigen Angebot bundesweit in 19 Städten vertreten. In Bremen soll nun das Freefloating starten – das Angebot, bei dem das Auto nicht auf seinen festen Parkplatz zurückgebracht werden muss.

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