Die Zukunft von Fishtown

Strategie für Bremerhaven gesucht

Mit einem grünen Industriegebiet an der Luneplate will der Senat die Wirtschaft in Bremerhaven stärken und hält dabei am Bau des OTB fest. Außerdem soll die Hochschule auf 5000 Studierende anwachsen.
12.09.2018, 05:41
Lesedauer: 4 Min
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Strategie für Bremerhaven gesucht
Von Florian Schwiegershausen

Die Seestadt Bremerhaven – an der Außenweser das Tor zur Nordsee und 1827 als ein Teil von Bremen gegründet. Spitzname „Fishtown“, weil dort seit Jahrhunderten Fisch verarbeitet wird. Wie es nun mit Bremerhaven als Wirtschaftsstandort weitergehen soll, dazu hat der Senat am Dienstag auf seiner Sitzung ein Perspektivpapier vorgelegt.

Auslöser war eine Große Anfrage der CDU-Bürgerschaftsfraktion. Und die Antworten des Senats stellte die Opposition an vielen Stellen alles andere als zufrieden. So sieht der Senat großes Potenzial in der Technologie zur Speicherung von erneuerbaren Energien sowie in der Digitalisierung der bereits bestehenden Branchen wie der Lebensmittelwirtschaft und den maritimen Technologien.

Geplant ist außerdem ein „grünes Gewerbegebiet“ als Standort für Umwelttechnologien an der Luneplate mit 150 Hektar, erweiterbar auf 300 Hektar. Das hat die Stadt bereits dem US-Elektroauto-Hersteller Tesla angeboten. Des Weiteren hält der Senat wegen der Umwelttechnologien weiter an der Realisierung des Offshore-Terminals Bremerhaven (OTB) fest.

Hochschule soll ausgebaut werden

Außerdem wird in die Hafeninfrastruktur investiert, um bestehende Kajen zu modernisieren und auch die Columbuskaje für Kreuzfahrtschiffe auf den neuesten Stand zu bringen. Um den Wissenschaftsstandort Bremerhaven zu stärken, soll die Hochschule Bremerhaven in den kommenden zehn Jahren auf 5000 Studierende ausgebaut werden. Das sei die Grundlage, um zwischen all den wissenschaftlichen Einrichtungen in Bremerhaven auch wissensintensive Dienstleistungen zu etablieren.

Der CDU-Bürgermeister-Kandidat Carsten Meyer-Heder sieht gute Chance im grünen Industriegebiet, um neue Unternehmen in Bremerhaven anzusiedeln. Er fordert allerdings: „Dabei darf es keine Vorab-Einschränkungen bei der Branchenzugehörigkeit geben. Für wünschenswerte Ansiedlungen, zum Beispiel im schweren Maschinen- und Anlagenbau, ist zudem die bestehende Beschränkung auf Offshore-Umschlag beim OTB hinderlich.“ Daher sollte aus Meyer-Heders Sicht ein „Plan B“ für den OTB her. „Es muss parallel ein neues Planfeststellungsverfahren für einen allgemeinen Schwerlasthafen geprüft werden.“

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Susanne Grobien, die hafen- und wissenschaftspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, ergänzt: „Es braucht eine deutlich zielgerichtetere und vor allem auch erfolgreichere Unternehmensakquise. Andere deutsche Standorte wie Rheinland-Pfalz und das Saarland scheinen bei der Bewerbung um die europäische Giga-Factory von Tesla bislang die Nase vorn zu haben.

Zumindest hat das Unternehmen auf die Offerte aus Bremen nicht reagiert.“ Bei weiteren Punkten kritisiert Grobien, dass sich in den Antworten des Senats mehr Konjunktive und Ungefähres als konkrete Schritte für Bremerhaven finden. Der Bremer FDP-Landesvorsitzende Hauke Hilz sieht derzeit eine positive Entwicklung für Bremerhaven. Diese werde aber insbesondere von Privaten getragen.

Hilz sagte: "Der Senat setzt hingegen immer noch auf die Vergangenheit wie zum Beispiel beim OTB. Der Senat hat erst einen schlechten Deal mit den Umweltverbänden gemacht und den OTB am falschen Standort geplant. Das hat ihn erheblich verzögert. Trotzdem hält er fast schon gebetsmühlenartig an dem Projekt fest, ohne eine Öffnung für Schwerlast auch nur in Erwägung zu ziehen.“

Investitionen in die Digitalisierung

Tim Cordßen, Sprecher des Wirtschaftssenators, verwies darauf, dass der OTB in einem Naturschutzgebiet geplant ist und ohne die Beschränkung auf Offshore erst recht keine Genehmigung erhalten hätte. Und in Verbindung mit dem grünen Industriegebiet mache der OTB Sinn. Perspektiven gebe es weiterhin für die Windenergie. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) war erst vor wenigen Tagen in Bremerhaven beim Windanlagenhersteller Senvion zu Besuch.

180 Mitarbeiter gibt es da noch, inzwischen sei es aber das Leitwerk im Unternehmen und man investiere in die Digitalisierung. „Hier sieht man, dass Schwarz-Weiß-Malerei keinen Sinn macht“, sagte Cordßen. Der Strukturwandel sei in Bremerhaven noch immer im Gange, aber im Hinblick auf die letzten zehn Jahre „geht die Perspektive in die richtige Richtung“.

Der Rektor der Hochschule Bremerhaven, Peter Ritzenhoff, freut sich, welche Bedeutung der Senat seiner Hochschule zukommen lässt. Allerdings hält er die Perspektive mit 5000 Studierenden in den kommenden zehn Jahren für sehr ambitioniert und glaubt, diese Zahl nicht vor 2030 oder 2035 zu erreichen. Das wären 2000 Studierende mehr als jetzt.

"Da darf und muss man neu denken"

Der Rektor sagte: „Wenn man das umrechnet, führt das zu zwölf bis 15 neuen Studiengängen. Das ist richtig viel Holz. Da darf und muss man neu denken. Das könnte eine dritte Säule bedeuten neben unseren bereits bestehenden zwei Fachbereichen. Dabei könnte es etwa um den Bereich Gesundheit und Soziales gehen.“

Als bestehende Fachbereiche gibt es einen für Technologie sowie einen für Management und Informationssysteme. Die Gebäude jetzt hätten momentan noch genug Platz für bis zu zwei zusätzliche Studiengänge. Danach brauche es neue Gebäude und Grundstücke, die es aber laut Ritzenhoff in der Seestadt gibt.

Warum der Ausbau für Bremerhavens Entwicklung wichtig sei, betonte Ritzenhoff: „Wir als Hochschule haben enge Verbindungen zu allen wissenschaftlichen Instituten in der Stadt. Und die brauchen junge Leute für ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs.“ An den bisherigen Studiengängen werde die Hochschule festhalten. Als Beispiel nannte der Rektor: „Die Windenergie ist keine tote Branche. Da bleiben die Chancen konstant für junge Fachkräfte.“

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