Made in Bremen Weserholz: Integration in der Werkstatt

Weserholz entwickelt Designermöbel mit künstlerischem und sozialen Anspruch. Geflüchtete sollen dadurch eine Perspektive auf dem deutschen Arbeitsmarkt bekommen.
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Von Kim Torster

Die Tür geht auf, sechs junge Männer blicken kurz auf, grüßen lächelnd und arbeiten konzentriert weiter. „Heute werden Linolschnitte angefertigt“, sagt Paula Eickmann, die Gründerin von Weserholz. Ein Bremer Künstler unterstützt die Männer heute dabei; erklärt ihnen die Technik und gibt Rat. Ein Workshop, wie er regelmäßig bei Weserholz stattfindet.

Die sechs Trainees, wie sie bei Weserholz genannt werden, arbeiten seit September in dem Betrieb. Sie kommen aus Afghanistan, Iran, Mazedonien, Gambia, Guinea und dem Senegal. Und sie sind der zweite Jahrgang, den Weserholz ausbildet. Weserholz sei weder ein normaler Betrieb, noch eine Schule, noch eine Maßnahme, sagt Leiterin Tanja Engel. „Aber etwas dazwischen.“

Als Paula Eickmann 2016 den Entschluss fasste, Weserholz zu gründen, wollte sie „wirtschaftliches Denken mit einem sozialen Aspekt“ verknüpfen. Sie selbst habe eine Waldorfschule besucht, sagt sie. Dort lernten die Schülerinnen und Schüler in den Jahren bis zum Abitur auch handwerkliches Arbeiten. So habe sie immer „mit dem ganzen Körper“ gelernt. Eickmann sagt, davon habe sie profitiert. „Ich hatte immer einen anderen Bezug zum Lernen.“ Das wolle sie weitergeben. Mitstreiter fand sie schnell. Tanja Engel stieg in die Leitung mit ein, ein Designer kam dazu und schließlich auch Amin Mlli, der Tischler des Unternehmens.

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Weserholz ist im Kern eine Designwerkstatt, die besondere Möbelstücke entwickelt. Tischler Amin Mlli und Designer Anselm Stählin bringen das notwendige Know-how mit. Die Entwicklung erfolgt aber mit der Hilfe von Trainees: Menschen aus Ländern, die in Deutschland kaum eine Bleibeperspektive haben, weil ihnen kein Asyl gewährt wird. „Wir haben erkannt, dass diese Menschen durch ein Raster fallen“, sagt Eickmann. Denn staatliche Integrationskurse gibt es nur mit Asyl. Deshalb bekommen die Trainees bei Weserholz zusätzlich Deutsch- und Matheunterricht, werden künstlerisch und handwerklich weitergebildet – und können in dieser Zeit nicht abgeschoben werden. Sie lernen nicht nur Grundgriffe des Tischlerhandwerks, sondern auch zu kommunizieren und zu verstehen. 40 Stunden pro Woche, ein Jahr lang. Am Ende sollen sie gut auf eine Berufsausbildung vorbereitet sein. „Sprache lernen, ohne es zu merken“, fasst es Eickmann zusammen. Das Konzept funktioniert und überzeugt. Weserholz wurde innerhalb eines Jahres mit zwei Preisen ausgezeichnet.

Im Anschluss betriebliche Einstiegsqualifizierung

Ein erster Jahrgang hat sein Jahr bei Weserholz bereits beendet. Vier der sechs jungen Männer konnten direkt im Anschluss in ein Programm zur Betrieblichen Einstiegsqualifizierung (EQ) übernommen werden und ­beginnen bald voraussichtlich ihre Berufs­ausbildungen. Einer von ihnen arbeitet beim Konditor. Eickmann erzählt, dass er das Team von Weserholz vor Kurzem besuchte. Als ­Geschenk hatte er eine selbst gebackene
Torte dabei. „Das lief natürlich super für uns“, sagt sie.

Innerhalb eines Jahres entwickelte der letzte Jahrgang erfolgreich ein Möbelstück, das Weserholz nun verkauft. Kekendo heißt es und wurde vom Weserholz-Team speziell für flexibles Arbeiten im Team oder alleine entworfen. Kekendo ist eine Art Hybrid aus Schrank, Pult und Schreibtisch und kommt in drei Varianten. Mit Hilfe von Rollen lässt er sich leicht im Raum bewegen. In Fächern und Schubladen können verschiedene Dinge verstaut werden. Die Prototypen fertigten die Trainees gemeinsam mit Mlli in der eigenen Werkstatt an. Die Exemplare, die verkauft werden sollen, werden von einer Bremer Tischlerei hergestellt. „Der Fokus liegt bei uns auf der Entwicklung“, sagt Leiterin Tanja Engel. Außerdem seien die Trainees ohnehin Laien bei der Holzarbeit.

Bei der Entwicklung von Kekendo wurde viel diskutiert, sagt Tischler Amin Mlli. Die Trainees hätten darüber gesprochen, ob Menschen besser im Sitzen oder im Stehen, alleine oder im Team arbeiten. Ob sie überhaupt noch Computer bräuchten oder doch eher mit ­Tablets arbeiten würden. Die Ergebnisse ­dieser Gespräche wurden in Kekendo verarbeitet: In der Schreibtisch-Ausführung kann man Kekendos Rahmen so auf- oder zuklappen, dass er im Sitzen oder Stehen benutzt werden kann. Alle Kekendo-Varianten sind so aufgebaut, dass daran auch eine kleine Gruppe Platz findet, gemeinsam drum herum stehen kann.

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Zum Ende des Projekts konnten die ­Trainees, die zu Beginn kaum Deutsch sprachen, sich fließend unterhalten. Und die Digilab Brennerei aus Bremen kaufte zwölf ­Kekendos. „So profitieren wir alle davon“, sagt Engel.

„Wir wollen auf dem Designmarkt mitmischen“

Das langfristige Ziel von Weserholz sei es, sich als Marke zu etablieren, aber ein soziales Unternehmen zu bleiben. „Wir wollen auf dem Designmarkt mitmischen“, sagt Eickmann. „Als Designer ernst genommen werden.“ Auch möchte Weserholz den Großteil der Finanzierung des Unternehmens über die Produkte erreichen. Zurzeit trägt sich das Unternehmen hauptsächlich über Förderprogramme. Dafür möchte das Team im neuen Jahr verstärkt den Verkauf von Kekendo vorantreiben. Und auch die neuen Trainees sollen wieder etwas entwickeln.

Den neuen Jahrgang haben Engel und Eickmann über persönliche Gespräche ausgewählt. „Die Arbeit bei uns ist sehr intensiv und auch sehr frei“, sagt Eickmann. Das sei nicht für jeden etwas. Am Ende gehe es bei Weserholz eben auch darum, gemeinsam etwas schaffen zu wollen. Einer der Trainees aus dem letzten Jahrgang sagte, für ihn sei Weserholz ein Team, das nicht aufgeben dürfe. So bekam Kekendo seinen Namen. In der westafrikanischen Sprache Mandinka bedeutet „Kekendo“: niemals aufgeben.

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