Covid-19 und die Folgen Wie sich das Virus auf die Bremer Wirtschaft auswirkt

China ist einer der wichtigsten Handelspartner für die bremische Wirtschaft. Was bedeutet das für Bremen, wenn dort seit Wochen ein Virus wütet und die Bänder in vielen Fabriken stillstehen?
27.02.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich das Virus auf die Bremer Wirtschaft auswirkt
Von Nico Schnurr

Die Seidenstraße führt in einen Bremer Keller. In einer Schwachhauser Villa steigt Caspar Schalk am Mittwochnachmittag eine knarzende Treppe hinab, bis er in einem schmalen Gang ankommt, rechts abbiegt und das Licht anknipst. Neonröhren tauchen den Raum in kaltes Weiß, links und rechts Regale, darin bunte Rollen. Schalk zieht eine heraus und breitet sie auf dem Tisch vor ihm aus. Pinkfarbener Stoff, glatt und glänzend. Seide, aus der Blusen gefertigt werden. Das meterlange Material, das Schalk hier hortet, kommt aus China. Eigentlich. In den Regalen des Bremer Kellers klaffen Lücken, ein Engpass. Seit das Coronavirus in China ausgebrochen ist, hängt die Produktion des Stoffes am seidenen Faden.

Caspar Schalk, 35 Jahre alt, ein Geschäftsführer in Jeans und weißen Sneakern, leitet das Familienunternehmen Barth und Könenkamp in dritter Generation. Seit mehr als einem Jahrhundert handelt die Bremer Firma mit Seide. Es läuft gut, nach wie vor, Modedesigner gehören zu den Abnehmern, auch Innenausstatter und Theatermacher. Mehr als 50 Sorten Seide haben die Bremer im Angebot, sie werden zu Kleidung verarbeitet, zu Lampenschirmen und Gardinen. Selbst der Papst trug schon Seide aus dem Bremer Keller.

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Dort, in der Parkallee in Schwachhausen, wo das Unternehmen sitzt, lagern 150.000 Meter Stoff in grauen Regalen. „Der Keller ist gerade unsere Sicherheit“, sagt Schalk, „wir haben mehr als genug Ware da, so überleben wir jetzt.“ Denn neuer Stoff ist noch nicht in Sicht. Tausende Meter Material, die bestellt sind, aber noch fehlen im Bremer Keller. In einigen chinesischen Fabriken ruht die Produktion, in anderen beginnt sie erst wieder. Nicht abzusehen, wie lange es dabei bleibt.

Ein Nachfrageschock droht

Schalks Firma ist nur eines von vielen Unternehmen aus Bremen und der Region, auf die sich der Ausbruch des Coronavirus unmittelbar auswirkt. Mehr als 500 Bremer Firmen sind in China tätig, einige mit einer Tochtergesellschaft, manche mit eigener Produktionsstätte, andere nur mit einem Vertreter. China ist nach der Europäischen Union der wichtigste Handelspartner für die bremische Wirtschaft. Was genau bedeutet das also, wenn dort seit Wochen ein Virus wütet und die Bänder in vielen Fabriken stillstehen?

Schon jetzt wird deutlich, dass die Chinesen kaum noch einkaufen. Sollte sich das Virus weiter ausbreiten, müssten womöglich auch die Menschen in Norditalien und Südkorea zu Hause bleiben. Nicht nur dort, selbst in Ländern, die nicht betroffen sind, könnte das Virus das Kaufverhalten verändern. „Ein Nachfrageschock wird immer wahrscheinlicher“, sagt Torsten Grünewald, Experte der Handelskammer Bremen.

Dass die Verbraucher weniger kaufen, ist nicht die einzige Sorge. Viele Ökonomen befürchten, das Virus könnte die Arbeit in den chinesischen Fabriken noch über Wochen ausbremsen, damit Lieferketten zerschneiden und so schon bald auch die Produktion in Europa lahmlegen. „Der Ausbruch des Coronavirus wird zu einer erheblichen wirtschaftlichen Belastung“, sagt Grünewald, „für bremische Außenhändler bedeutet diese Epidemie schwer kalkulierbare Folgen.“

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Tom Kreyenhop leitet in Oyten einen Großhandel, der asiatische Lebensmittel importiert. Bambussprossen, Sojasaucen, auch Litschis und Pilze für den deutschen Einzelhandel. Nicht alles, aber ein Teil der Produkte stammt aus China, Tiefkühlware und Konserven, die nach Bremerhaven verschifft werden. 3000 Container kommen dort im Jahr für Kreyenhops Firma an. Schon jetzt weiß er: In den nächsten Monaten werden es deutlich weniger sein als gewohnt.

Viele Fabriken, von denen sie ihre Lebensmittel in China beziehen, hätten geschlossen, andere öffneten erst wieder, oft nicht in voller Besetzung. Die wenigen Waren, die verschifft werden könnten, verlassen China nicht. Es stockt an den Häfen des Landes. Weil Kranfahrer und Hafenarbeiter fehlen, bleiben die Container länger liegen. „Viele Lieferungen werden sich verzögern“, sagt Kreyenhop, „einige unsere Waren werden schnell ausverkauft sein und dann erst mal nicht mehr in den Läden stehen.“ Noch etwas merkt Kreyenhop: Deutsche Asia-Shops, die Produkte von ihm beziehen, würden gerade weniger bestellen. Die Nachfrage gehe zurück, asiatische Läden würden gemieden seit Ausbruch des Virus. „Dabei wurden die Sachen, die jetzt im Handel stehen, lange vorher verschifft“, sagt Kreyenhop, „die Angst ist unbegründet.“ Seine Firma könnte sie dennoch treffen.

Indische Seide mit chinesischem Garn

Im Bremer Keller hat Caspar Schalk den Raum gewechselt. Wieder steht er vor einer Wand aus Stoff. Überall Seide, diesmal nicht aus China, sondern aus Indien, dem zweiten Land, aus dem er Material bezieht. Schalk fährt mit seinen Fingern über die Regale, er streift leere Lagerstellen. Zwischen einigen Rollen ist Platz, auch hier fehlt Stoff. Die Seide kommt zwar aus Indien, doch das Garn, das darin verwoben ist, stammt aus China. Schalk zahlt den indischen Händlern deswegen gerade einen höheren Preis. Und er muss länger warten. Schalk sagt: „So ein kleines Detail reicht aus, damit es in der Lieferkette hakt.“

Ob es ihm vor den nächsten Monaten graut? Schalk lehnt im Türrahmen des Kellerraumes, er muss überlegen. „Solange mein Partner vor Ort optimistisch ist, bin ich das auch“, sagt er, kurze Pause, „ehrlich gesagt, weiß ich aber auch nicht, wie es in China weitergeht.“ Schalk ahnt: Noch lässt sich schwer sagen, wie schlimm die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus ausfallen werden, für ihn, für Bremen und überhaupt. Es dauert, bis die Auswirkungen absehbar sind. Auch wirtschaftlich hat das Virus eine Art Inkubationszeit.

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