Improvisation, Resignation und Prüfungsangst

Puppe anstelle von Smalltalk mit Kunden im Bremer Friseurhandwerk

Die 19-jährige Alena Laubenstein ist angehende Friseurin und übt nun Hochsteckfrisuren an einem Puppenkopf. Kundenkontakt hatte sie schon seit Wochen nicht mehr.
23.04.2020, 20:52
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Puppe anstelle von Smalltalk mit Kunden im Bremer Friseurhandwerk
Von Björn Struß
Puppe anstelle von Smalltalk mit Kunden im Bremer Friseurhandwerk

Alena Laubenstein konnte als angehende Friseurin in der Krise fast nur noch Steckfrisuren an Puppen üben.

Christina Kuhaupt

Das Friseurhandwerk ist viel mehr als die Kultivierung der Haarpracht. Ebenso wie der behutsame Umgang mit Kopf und Haaren gehört auch der Smalltalk in diesem Beruf zum Alltag. Doch die 19-jährige Alena Laubenstein blickte in den vergangenen Wochen nur in die starren Augen einer Puppe. Kundenkontakt hatte die Auszubildende schon seit Wochen nicht mehr.

„Als wir schließen mussten, war das zuerst eine Gelegenheit durchzuschnaufen“, berichtet Laubenstein. Doch schon nach einer Woche war sie von der verordneten Pause genervt. Von ihrem Chef gab es Hausaufgaben und eine Puppe zum Üben für zu Hause. Ab und zu zeigte der Obermeister seiner Auszubildenden im Salon neue Techniken. „So konnte ich diverse Hochsteckfrisuren üben“, sagt die junge Frau. Weil die Haare der Puppe allerdings nicht nachwachsen, kam die Schere nicht zum Einsatz.

Lesen Sie auch

Die Zahl der Haarschnitte in der Corona-Krise kann die Auszubildende an einer Hand abzählen. „Meine Eltern habe ich jeweils zwei Mal frisiert“, sagt die junge Frau. Im selben Haushalt war das erlaubt. Einige Auszubildende, die schon vor der Krise unzufrieden waren, überlegten aktuell, das Friseurhandwerk ganz aufzugeben. Laubenstein ist aber immer noch motiviert. „Sie hat viel Talent“, lobt ihr Chef Heiko Klumker. Er befürchtet aber, dass weniger engagierte Auszubildende nicht so leicht durch die Krise kommen.

Auch im Parkhotel hat sich der Alltag der Auszubildenden radikal verändert. Der 22-jährige Bastian Ewert steht kurz vor seiner Abschlussprüfung zum Hotelfachmann. „Meine Beschäftigung war in den vergangenen Wochen das Bearbeiten von Anfragen und Stornierungen“, berichtet er. Fast alle Kollegen seien in Kurzarbeit geschickt worden, nur die Azubis arbeiteten noch in Vollzeit.

In wenigen Tagen sollte Ewert eigentlich seine schriftliche Prüfung ablegen. Diese hat die Berufsschule aber in den Juni verlegt. „Erst vor einer Woche gab es neuen Lernstoff“, sagt Ewert. Davor habe es die Berufsschule den jungen Erwachsenen selbst überlassen, wie diszipliniert sie weiterlernen.

Lesen Sie auch

Der fast ausgelernte Hotelfachmann wirkt resigniert. „Zu Beginn der Ausbildung hieß es, dass in den Hotels händeringend Nachwuchs gebraucht wird“, sagt er. Nun steht er mit leeren Händen da. Es ist unklar, wie es für ihn nach der Ausbildung weitergeht. „Vielleicht orientiere ich mich auch noch einmal neu“, sagt Ewert. Gut sei die Stimmung unter den Azubis derzeit nur bei den jüngeren Jahrgängen. Sie haben zumindest während der Ausbildung ein sicheres Einkommen.

Während Ewert die Zeit nach den Prüfungen Sorgen bereitet, sind in anderen Branchen die Abschlussarbeiten selbst das Problem. Jennifer Loél ist fast ausgelernte Erzieherin und schreibt im Schulzentrum in der Neustadt im Mai ihre Abschlussarbeiten. „Wir haben jedoch nicht wirklich das passende Material bekommen“, berichtet sie. Die Online-Ressourcen seien unvollständig. Der Stoff aus dem versäumten Unterricht soll nun offenbar binnen weniger Tage nachgeholt werden. „Die Information wurden uns aus einer anderen Klasse weitergegeben, in einem Whatsapp-Chat“, kritisiert Loél. Sie vermisst klare Informationen der Schule.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+