Essen für Entdecker

Wie Start-Ups die Lebensmittelbranche aufmischen

Selbst gemachtes Eis am Stiel, Burger aus Insekten: Start-ups mischen mit ihren Ideen die Lebensmittelbranche auf. Auch die Politik in Bremen erkennt jetzt das Potenzial der selbsterklärten Foodpioniere.
25.10.2019, 21:34
Lesedauer: 4 Min
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Wie Start-Ups die Lebensmittelbranche aufmischen
Von Marc Hagedorn
Wie Start-Ups die Lebensmittelbranche aufmischen

Max Kultscher (links) und David Quittmann servieren Burger, die aus Insekten bestehen.

Christina Kuhaupt

Es klingt wie ein Klischee, und Daniela Pataj-Vogt muss tatsächlich lachen, als sie davon erzählt, wie sie auf die Idee für ihr Unternehmen gekommen ist. Es passierte, logisch, im Italien-Urlaub. In Turin probierte die Architektin ihr erstes selbst gemachtes Eis am Stiel. „Fantastisch“, sagt sie. Was danach passierte, war dann gar nicht mehr so logisch: Denn während die Rest-Familie die Heimreise nach Bremen antrat, blieb Pataj-Vogt einfach noch ein paar Wochen länger in Italien und ließ sich bei einem Eisdielenbesitzer in die Geheimnisse der Eisherstellung einführen. Seit zwei Jahren ist die Bremerin mit Fiev Sinn Stieleis nun auf dem Markt.

An diesem Abend hat Daniela Pataj-Vogt einen Stand im Pier 2 aufgebaut. Sie ist Gast auf der Foodmesse des Online-Supermarktes My Enso aus Bremen. Es bilden sich lange Schlangen. In der Kühltruhe hat sie ein Dutzend Kisten mit Eis zum Probieren, nur für einen ersten Eindruck: Erdbeer-Minze-Sorbetto, Fior Di Latte, Vegan-Vanilla oder Schoko-Eierlikör. Zu 100 Prozent handgemacht, zu 100 Prozent natürlich, verspricht Fiev Sinn.

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Pataj-Vogt hat ihre Bestimmung gefunden. „Ich liebe es“, sagt die temperamentvolle Unternehmerin, „ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der grummelig war, während er ein Eis gegessen hat.“ Sie beliefert Restaurants und Bistros wie die Lilie in der Hemmstraße, das Café Sylvette in der Kunsthalle oder das Port Piet am Torfhafen. Im Schnoor führt sie das Geschäft Fiev Sinn, in dem sie bremische Produkte verkauft. Sie will das Besondere suchen. „Das, was man anbietet, muss den Unterschied machen“, sagt sie.

Cocktails in den Toaster

Leute wie Daniela Pataj-Vogt sind ganz nach dem Geschmack von Norbert Hegmann und Torsten Bausch. Die beiden Geschäftsführer von My Enso sind immer auf der Suche nach talentierten Lebensmittelherstellern. In ihrem Online-Supermarkt verkaufen sie neben herkömmlichen auch die ausgefallenen Produkte der Jungunternehmer, die sich Foodpioniere nennen. An diesem Abend sollen die Messebesucher mit ihrer Stimmabgabe ihren Lieblingen unter den 40 Ausstellern wählen. Im virtuellen Regal von My Enso rückt das Siegerprodukt entsprechend nach oben, dorthin, wo es der Verbraucher nicht übersehen kann. Und ein Paket aus Marketingmaßnahmen gibt es noch oben drauf.

Um die Gunst der Besucher buhlt auch das junge Unternehmen Kukki Cocktail aus Berlin. Karsten Nolte hat Proben des laut Selbstbeschreibung „ersten Cocktails mit Eis in der Flasche“ im Angebot. El Presidente, also Rum mit Ananassaft, oder den Ladykiller, Gin mit Orangenlikör. Der Clou: Die Flaschen samt Inhalt sind tief gefroren, das ist praktisch zum Beispiel beim Strandbesuch im Sommer. Zu Hause reicht ein Warmwasserbad, um die Flasche in drei bis vier Minuten aufzutauen. Die Barkeeper in den Clubs schließlich schieben die Flaschen in den sogenannten Toaster, 30 Sekunden später kann serviert werden, „erfrischend kühl ist der Cocktail danach immer noch“, sagt Nolte.

Smoothies aus Algen

Die Zielgruppe ist bei fast allen Ausstellern dieselbe: umweltbewusste und neugierige Genießer. Man wirbt mit Attributen wie Natürlichkeit und Nachhaltigkeit und flotten Sprüchen. „Fühl dich wow mit Whapow“ lockt der Algen-Smoothie, „Komm, ich trinke, dann kannst du fahren“ textet Kukki. Der Frucht- und Nussriegel heißt Zebra Bar, die Schokolade aus rosa Kakaobohnen Ruby Chocolate, sie entführt in die selbst erklärte vierte Schokoladen-Dimension nach Vollmilch, Zartbitter und Weiß. Manchmal sind es auch altbewährte Rezepte im hippen Gewand wie „Omas Gurken“ oder „Oma Liesbeths Maultaschen“.

Auch die Politik ist inzwischen auf das aufmerksam geworden, was im Kleinen wächst. Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt hatte den Ausstellern und Besuchern einen Video-Gruß aus Washington geschickt. Ihre Botschaft: „Wir sehen großes Zukunftspotenzial in der innovativen Start-up-Szene.“ Ähnlich wie die Raumfahrt und das Gesundheitswesen soll auch die Nahrungsmittelbranche künftig stärker gefördert und entwickelt werden.

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Tatsächlich haben Nahrung und Genuss in Bremen eine lange Tradition. Kaffee Hag erfand den koffeinfreien Kaffee. Beck’s Bier wird bis heute in alle Welt exportiert. Bremerhaven produziert jährlich so viele Fischstäbchen, dass sie – hintereinandergelegt – fünfmal um die Welt reichten. In Bremen steht die größte Melitta-Rösterei Deutschlands. Mondelez, einst Kraft Foods, hat seine Deutschland-Zentrale in der Stadt. 10.000 Menschen im Land Bremen gibt die Lebensmittelindustrie Arbeit, der Umsatz in den 250 Betrieben beträgt 2,5 Milliarden Euro.

Nicht aus Bremen, sondern aus Osnabrück kommt das Unternehmen, vor dessen Stand sich an diesem Abend die längste Schlange bildet. Die Burger der Bug Foundation liegen auch in Bremer Rewe-Supermärkten im Regal. Das Besondere: Es sind Insektenburger. Das Patty ist nicht aus Rindfleisch, sondern aus Buffalo-Würmern, die verwandt sind mit dem Mehlwurm.

Die Bug Foundation setzt dabei nicht auf den Mutproben-Effekt, also die Neugier der Kunden, die einzig die Frage treibt: Traue ich mich, einen Insektenburger zu essen? „Nein, behauptet Co-Founder Max Kultscher, „der Burger ist lecker, gesund, nachhaltig, und er kommt gut an.“ Die Gäste bestätigen das, nicht wenige, die sich nach der ersten Portion noch einen Nachschlag holen. Auch die Umweltbilanz des Insektenburgers stimme im Vergleich zum Stück Fleisch, sagt Kultscher. „Wir verbrauchen bei der Zucht 1000-mal weniger Wasser, 100-mal weniger CO₂ und zehn Mal weniger Futtermittel.“ Und die nächste Erfindung ist in Arbeit. Zur neuen Grillsaison soll es die erste Insektenbratwurst geben. Vielleicht reicht es mit ihr auf der nächsten Messe dann auch zum Sieg. Diesmal gewinnt nicht der Insektenburger, sondern das Eis, das so heißt, wie es schmecken soll: Gutes Eis.

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