Weihnachtsbaumkauf in Bremen Worauf es bei der Tanne ankommt

Jedes Jahr werden 23 bis 25 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland gekauft - allein die echten. Tanne oder Fichte, Bio oder Plastik: Welche Unterschiede es zwischen den Weihnachtsbäumen gibt und was Umweltexperten raten.
12.12.2019, 22:50
Lesedauer: 5 Min
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Worauf es bei der Tanne ankommt
Von Lisa Schröder

Alle Jahre wieder frohlockt die Frage zum Fest. Welches Bäumchen darf es zur Weihnachtszeit sein? Dabei geht es nicht nur um Fichte, Kiefer, Tanne oder gar Plastik. Für Heiligabend wünschen sich einige auch einen ökologischen Weihnachtsbaum. Im Bauhaus in Bremen sind die Biobäume schon ausverkauft. 50 Stück gab es im Baumarkt in der Stresemannstraße, wie eine Mitarbeiterin sagt: „Die sind sehr gefragt.“

Die Aufzucht der Bäume ist dagegen schwer. Hanno Dehlwes hat zehn Jahre ökologische Weihnachtsbäume angepflanzt auf seinem Hof in Lilienthal. Er setzte dabei auf tierische Hilfe: eine Herde Schafe. Doch das funktionierte nicht. „Die Schafe haben ihren Job nicht gemacht“, sagt Forstwirt Dehlwes. Gegen das Unkraut seien sie nämlich nicht angekommen. Irgendwann seien sie doch auf den Geschmack gekommen und hätten an den Bäumen geknabbert.

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Die Bäume seien zunächst recht klein, wenn sie aus der Baumschule auf den Hof kämen, nur acht bis zwölf Zentimeter, sagt Dehlwes. Es sei jedoch wichtig, dass sie genug Luft zum Atmen hätten und nicht von Gräsern und Kräutern bedeckt werden. „Die Bäume ersticken darunter wie unter einem Teppich.“ Durchs Mähen allein ließe sich das nicht verhindern. Im Frühjahr setze er deshalb vor dem Austrieb „ab und zu“ Bodenherbizide gegen das Unkraut ein, um die Jungpflanzen zu schützen. Teils habe er das auf Feldern aber auch seit Jahren nicht machen müssen. Wenn nötig, unternimmt er ebenfalls etwas gegen Läuse. Das sei aber selten der Fall.

Umweltorganisationen raten, am besten Biobäume mit Siegeln zu kaufen, die von Plantagen oder Wäldern kämen, die auf Kahlschlag, Düngung, Entwässerung und Pestizide verzichteten. „Weihnachten ohne Gift im Wohnzimmer“ überschreibt der BUND Bremen seine Empfehlung. Ein Großteil der Weihnachtsbäume stamme von Intensiv-Plantagen, äußert sich darin der Landesgeschäftsführer Martin Rode: „Dort wird stark gespritzt und gedüngt – zum Schaden von Tieren, Pflanzen, Gewässern und Böden.“ Der BUND habe vor zwei Jahren Nadeln von 17 Weihnachtsbäumen untersuchen lassen und sei dabei auf Pestizide gestoßen. Gesundheitliche Auswirkungen auf Menschen seien nicht auszuschließen, wenn die Pestizide in geschlossenen und beheizten Räumen ausdünsten.

Keine Beweise für Ausdünstungen

Saskia Blümel vom Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger widerspricht den Warnungen dagegen deutlich. Es gebe keine Beweise für diese Ausdünstungen. Proben hätten zudem gezeigt, dass die Messwerte deutlich die Grenzwerte für Lebensmittel unterschritten. Die Käufer bräuchten keine Angst zu haben. „Und Weihnachtsbäume werden nicht gegessen“, sagt Blümel. Die Grenzwerte für Lebensmittel werden überhaupt nur herangezogen, weil es keine eigenen Grenzwerte für die Christbäume gibt.

Saskia Blümel verkauft selbst Weihnachtsbäume in Moisburg bei Buxtehude. In der Regel werde so gut wie kein Pflanzenschutzmittel eingesetzt, sondern Unkraut mit Mähen und Mulchen im Griff gehalten. Gegen Läuse müsse allerdings in jedem Fall etwas unternommen werden: „Ansonsten kann die ganze Kultur kaputtgehen.“ Auf den Weihnachtsbaumfeldern dürfe sich zudem – abgesehen vom Unkraut und Schädlingen – alles entwickeln an Insekten und Vögeln. Nur Rehe sperre man mit Zäunen aus.

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Corinna Hölzel, Expertin für Pestizide beim BUND, gibt Blümel recht, was die Grenzwerte angeht. Es gehe für gesunde Menschen keine akute Gefahr von den Bäumen aus: „Da wollen wir keine Panik machen.“ Doch es könne eben durchaus sein, dass die Pestizide daheim verdunsten. Hier sollten Verbraucher sich besser schützen, um das auszuschließen. Keine Entwarnung gibt Hölzel aber mit Blick auf die Umwelt: „Die Pestizide werden gemacht, um Pflanzen und Insekten zu töten.“ Das habe sehr wohl einen Einfluss auf die Tier- und Pflanzenvielfalt und belaste auch das Grundwasser. Darüber hinaus trügen Wind und Wasser die Pestizide noch Kilometer weiter.

Von Plastikbäumen als Alternative raten Umweltschützer derweil ab: Selbst nach Jahren verbessere sich die Ökobilanz nur unwesentlich. Studien zufolge sollen sich die künstlichen Tannen je nach Herstellung und abhängig vom Produktionsstandort erst nach 17 bis 20 Jahren ökologisch amortisiert haben. Hölzel gibt zu bedenken, dass dieser Befund sehr abhängig von dem sei, was in den Studien unterstellt werde. Ganz sicher aber hätten künstliche Bäume mehrere Probleme, seien aus einem fossilen Rohstoff, enthielten teils Weichmacher und hätten oft einen langen Transport aus Asien – insbesondere China. „Das kann keine Alternative sein.“ Hölzel empfiehlt, einen Baum aus einem Wald mit FSC-Siegel zu kaufen, wo Tanne oder Fichte sowieso gefällt werden. „Das ist am allerbesten.“

Viele Baumverkäufer im Norden

Im Norden gibt es auffällig viele Weihnachtsbaumverkäufer: In Niedersachsen, Bremen und Hamburg gibt es demnach laut Verband 173 Mitgliedsbetriebe. Das ist ein Viertel der Gesamtzahl von rund 700 in Deutschland. Der Großteil, schätzungsweise 90 Prozent, hat seinen Sitz in Niedersachsen – wie Hanno Dehlwes in Lilienthal. Seit 1998 verkauft er Weihnachtsbäume. Nach seinem Studium habe er eigentlich einen anderen Weg gehen wollen. Nach den Schafen unternahm er noch einen Test mit Kälbern als Hilfe gegen Unkraut – ebenfalls nicht mit Erfolg. „Die Bäume mögen es nicht, wenn sich jemand immer wieder zwischen sie hindurchzwängt.“ Zweige stürben ab. Und das gefiele dann auch denen nicht, die gerne ökologisch einkauften: „Die Leute sind nicht weniger pingelig als andere Kunden.“ Dehlwes sagt, er beobachte bei sich viele Insekten und Vögel. Ein Ornithologe habe sich auf den Weihnachtsbaumfeldern umgesehen und gestaunt: „Mensch, es gibt ja sogar Blaukehlchen.“

Insgesamt werden laut Blümel jedes Jahr 23 bis 25 Millionen Weihnachtsbäume in Deutschland gekauft – allein die echten. Die Importquote liege sehr gering bei zehn bis eher fünf Prozent. „Die Preise sind stabil“, sagt Blümel: Für einen Meter Nordmanntanne werden demnach 18 bis 23 Euro aufgerufen, für einen Meter Blaufichte zehn bis 16 Euro und am günstigsten ist der Meter Rotfichte mit sechs bis zehn Euro. Die Nordmanntanne ist mit 80 Prozent am gefragtesten.

Blümel hat nichts gegen Biobäume. Ob ökologisch oder konventionell – beides habe seine Daseinsberechtigung. Neben dem Bundesverband ist die Unternehmerin auch im Verein „Natürlicher Weihnachtsbaum“ aktiv. Der Trend geht nach ihrer Einschätzung zum Baum aus der Nähe: „Die Leute kaufen gerne in der Region.“ Der Bioanbau sei schwierig, wenn man davon leben wolle. Blümel kennt Kollegen, die wie Dehlwes darauf gesetzt und es dann doch wieder gelassen haben.

Dehlwes bewirtschaftet insgesamt zehn Hektar Weihnachtsbaumflächen. Anfang November hat er bereits die ersten Bäume an Firmen geliefert. Die können bei ihm genau wie Gruppen und Vereine auch das „Weihnachtsbaumschlagen“ als Event zelebrieren.

Wer es noch einfacher haben will, bestellt im Internet. Amazon hat eine große Auswahl an künstlichen und echten Bäumen. Wie viele davon verkauft werden, das möchte der Onlinehändler nicht verraten. Der Weihnachtsbaum aus dem Netz bleibt jedoch laut einer Umfrage von Bitkom die Ausnahme: Nur jeder Zehnte gab demnach an, ihn im Internet bestellen zu wollen. Die Hälfte der Befragten plant dagegen den Kauf im Baumarkt, Supermarkt oder am Verkaufsstand. Jeder Fünfte will sich selbst in den Wald aufmachen, um dort den Baum zu schlagen.

Selbst zu fällen, findet Hanno Dehlwes nicht verkehrt. Gerade Familien wollten den Weihnachtsbaum gerne selbst schlagen: „Ich finde es toll, wenn Kinder sehen, woher der Baum kommt.“

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