Gewerkschaft fürchtet Schaden für deutsche Wirtschaft Zahl der Leiharbeiter in Bremen gestiegen

Bremen. Die Zeitarbeit boomt wie zuletzt vor der Krise. Immer mehr Unternehmen setzen im Aufschwung auf Leiharbeit, statt Stellen für Festangestellte zu schaffen, kritisiert die IG Metall. Der Unternehmerverband des Landes Bremen teilt diese Befürchtung nicht.
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Zahl der Leiharbeiter in Bremen gestiegen
Von Petra Sigge

Bremen. Die Zeitarbeit boomt wie zuletzt vor der Krise. Immer mehr Unternehmen setzen im Aufschwung auf Leiharbeit, statt Stellen für Festangestellte zu schaffen, kritisiert die IG Metall. Der Unternehmerverband des Landes Bremen teilt diese Befürchtung nicht.

Die Gewerkschaft wirft den Arbeitgebern vor, mit ihrer derzeitigen Personalpolitik die Spitzenposition der deutschen Wirtschaft zu gefährden. In der Krise habe Kurzarbeit viele Jobs gesichert, sagt Oliver Burkhard von der IG-Metall Nordrhein-Westfalen. Doch seit der wirtschaftlichen Erholung sei eine neue Unternehmensstrategie zu beobachten: So orientierten sich viele Firmen bei der Entwicklung der Stammbelegschaft am niedrigen Personalniveau des letzten Jahres. Zusätzlich benötigte Arbeitskräfte würden als Leiharbeiter engagiert. Burkhard verweist darauf, dass die Stärke der deutschen Industrie auf Innovationen und Spitzenqualität beruhe. Dazu aber brauche man Fachkräfte, loyale und erfahrene Mitarbeiter.

Auch der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, warnt gegenüber unserer Zeitung vor negativen Folgen durch eine Ausweitung der Leiharbeit. 'Wenn Unternehmen versuchen, ihre Gewinne nur dadurch zu erhöhen, indem sie die Löhne drücken, dann ist das Wettbewerb auf dem falschen Gebiet.' Die Betriebe sollten um die besten Produkte konkurrieren, und nicht um die geringste Bezahlung der Arbeitnehmer. 'Gesamtwirtschaftlich gesehen hat das sogar negative Auswirkungen, weil dadurch die Binnennachfrage geschädigt wird.' Jahrzehntelang habe es praktisch kaum Einkommenszuwächse gegeben, so Horn. ' Das hat nicht nur mit Leiharbeit zu tun, aber Leiharbeit ist ein Element in dieser Geschichte.'

Politik in der Pflicht

Nach Meinung des Wirtschaftswissenschaftlers muss es für die Gewerkschaften Priorität haben, 'dem Lohndumping-Wettbewerb durch Leiharbeit einen Riegel vorzuschieben'. Würden sie nur Lohnerhöhungen für die Stammbeschäftigten durchsetzen, könnte dies von den Arbeitgebern 'durch eine weitere Ausdehnung von Leiharbeit leicht umgangen werden'. In der Folge gerate auch die Stammbelegschaft stärker unter Druck.

Horn sieht aber auch die Politik in der Pflicht. Er fordert entscheidende Nachbesserungen beim Leiharbeits-Gesetzentwurf, den Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgelegt hat. Dazu gehöre zum einen die gleiche Entlohnung von Festangestellten und Zeitarbeitskräften - 'zumindest nach einer gewissen Beschäftigungszeit im Entleihunternehmen'. Zum anderen müsse die Ausleihdauer befristet werden. Dass sie bisher praktisch endlos ausgedehnt werden könne, widerspreche dem eigentlichen Ziel der Arbeitnehmerüberlassung, mit der vor allem Auftragsspitzen in den Unternehmen aufgefangen werden sollen. All dies muss nach Meinung des Ökonomen gesetzlich festgezurrt werden. 'Wenn die Politik das den Tarifparteien allein überlässt, dann werden solche Regelungen nur auf die Branchen begrenzt bleiben, in denen die Gewerkschaften relativ stark sind.'

Arbeitgeber und IG Metall hatten sich in der vergangenen Woche auf den Grundsatz 'gleiche Arbeit - gleiches Geld' für die etwa 3000 Leiharbeiter in den deutschen Stahlunternehmen geeinigt. Nun will die IG Metall auch in anderen Branchen Druck machen. Ob die Gewerkschaft das Thema in der 2012 anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie auf die Agenda setzen wird, ist noch offen. Die IG Metall schätzt, dass 250000 bis 300000 der bundesweit mehr als 800000 Zeitarbeiter in der Metall- und Elektroindustrie im Einsatz sind. Die Gewerkschaft ist durch Umfragen unter Betriebsräten alarmiert, wonach in manchen Betrieben schon bis zu 50 Prozent der Belegschaft Zeitarbeiter sind.

Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Land Bremen, verteidigt das Instrument der Leiharbeit. 'Das ist ein wichtiges Instrument für Unternehmen, flexibel zu agieren', sagte er gegenüber dieser Zeitung. Die Zahlen hält er nicht für alarmierend. Die über 800000 Leiharbeiter in Deutschland stellten nur 2,3 Prozent aller Arbeitnehmer dar. 'Ich bin überzeugt, dass keine Verdrängung von Fachkräften stattfindet', so Neumann-Redlin weiter. Ein Unternehmen, das Innovationen schaffe, sei daran interessiert, die Kontinuität im Betrieb zu wahren. 'Deshalb ist es darauf bedacht, seine Stammbelegschaft zu halten.' Weiter verweist er auf den sogenannten Klebeeffekt, wonach viele Leiharbeiter bei den Firmen fest eingestellt werden. Nach seinen Zahlen werden 24,3 Prozent direkt übernommen, weitere 21,3 Prozent kommen danach in einem anderen Unternehmen unter. Die Forderung nach gleicher Bezahlung hält Neumann-Redlin für falsch. 'Ich denke, dass wechselnde Tätigkeiten geringere Löhne rechtfertigen, weil das Fachwissen nicht so hoch sein kann wie bei den Festangestellten.'

Zeitarbeitsbranche boomt

In Bremen hat die Zeitarbeit nach einem beispiellosen Arbeitsplatzabbau während der Krise wieder stark zugelegt. Nach Angaben der Arbeitnehmerkammer stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Arbeitnehmerüberlassungsbranche zwischen Juni 2009 und Juni 2010 im Land Bremen von rund 8900 auf 10400 an. Damit sei fast wieder das Beschäftigungsniveau vor der Krise erreicht. Seit April 2010 nehme auch der Anteil der Angebote aus der Leiharbeitsbranche am gesamten Stellenmarkt wieder deutlich zu. Inzwischen handele es sich bei nahezu jedem zweiten gemeldeten Jobangebot um eine Zeitarbeitsstelle, berichtet die Kammer.

Die Zeitarbeitsfirmen sehen diese Entwicklung naturgemäß positiv. Thomas Bäumer, Vizepräsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA): 'Wir haben unser Hoch von 2008 wieder erreicht.' Und die Nachfrage werde weiter steigen: 'Gerade in der Automobilindustrie sind noch nicht alle Register gezogen.' Dass Leiharbeiter weniger verdienen, hält auch er für gerechtfertigt. 'Die Zeitarbeit ist eine eigene Branche, die auch einen Flächentarifvertrag hat. Warum sollten beim Einsatz von Leiharbeitern in verschiedenen Branchen verschieden bezahlt werden?' Zumal mehr als ein Drittel der Zeitarbeiter ungelernt sei. Den Vorwurf, dass der massive Einsatz von Arbeitern auf Zeit die Wirtschaft schädige, hält Bäumer für 'weit hergeholt.'

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