Wiedereinführung der Meisterpflicht Zwischen Pflicht und Zwang

Pläne zur Wiedereinführung der Meisterpflicht im Handwerk treffen in Bremen auf kontroverse Reaktionen. Der Präses der Handwerkskammer Bremen Jan-Gerd Kröger begrüßt die Initiative außerordentlich.
08.05.2019, 21:55
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Ilias Subjanto

Für Svea Imholze könnten sich im kommenden Jahr die Regeln für ihren Job stark verändern. Die gebürtige Bremerin und gelernte Goldschmiedin führt in Hamburg ein kleines Schmuckatelier. Nachdem im Jahr 2004 in mehr als 50 Berufen die Meisterpflicht weggefallen war, etwa für Rollladen- und Jalousienbauer, Gold- und Silberschmiede oder Fliesenleger, plant nun eine Arbeitsgruppe im Bundestag, sie für viele Gewerke wieder einzuführen. Ohne Meisterbrief wäre es dann nicht mehr ohne Weiteres möglich, sich in einem dieser Handwerksberufe selbstständig zu machen.

Für die Gold- und Silberschmiedemeisterin Imholze würde diese Änderung potenziell weniger Konkurrenz bedeuten, würden dann doch weniger Existenzgründer auf den Goldschmiedemarkt drängen. Ihr habe der Meisterbrief viel gebracht, berichtet die 35-Jährige, die bereits als Gesellin den Weg in die Selbstständigkeit einschlug. „Damals habe ich mich vor allem im kaufmännischen Bereich oft unsicher gefühlt“, sagt sie. Hier habe sie sich auf der Meisterschule wertvolles Know-how aneignen können, auch wenn die Fortbildung sehr teuer gewesen sei. Zudem betrachteten viele ihrer Kunden den Meisterbrief als Qualitätsmerkmal.

Der Präses der Handwerkskammer Bremen Jan-Gerd Kröger begrüßt die Initiative zur Wiedereinführung der Meisterpflicht jedenfalls außerordentlich. Als Beispiel nennt er das Fliesenlegerhandwerk: Hier sei die Anzahl der Betriebe seit 2004 zwar extrem angestiegen, von 12 401 auf 71 142 Betriebe im Jahr 2015. Größtenteils handele es sich jedoch um Ein-Mann-Unternehmen, da sich jeder ohne Nachweis einer Qualifikation als Fliesenleger selbstständig machen könne. Kröger sieht einen direkten Zusammenhang mit dem deutlichen Rückgang der Ausbildungszahlen in diesem Gewerk: Diese seien um 27 Prozent gesunken, von 3029 Auszubildenden im Jahr 2004 auf 2209 Auszubildende im Jahr 2015.

"Alles leere Behauptungen"

„Unternehmen ohne Meisterbrief bilden in aller Regel nicht aus, sodass mittel- und langfristig nur noch wenig qualifizierte Betriebe mit gut ausgebildetem Personal zu finden sein werden“, sagt der Präses. Dies führe zu einem langsamen aber sicheren Ausbluten des handwerklichen Mittelstands. Leidtragende seien die Bauherren und Verbraucher, die aufgrund mangelnder Kenntnis mit viel Pfusch am Bau zu leben hätten. Eine Umfrage unter Sachverständigen habe ergeben, dass die mangelnde Qualifikation des Verlegers immer häufiger zu Mängeln bei Fliesen- und Natursteinarbeiten führe. Bei Fliesenlegermeistern hingegen sei die Qualität in der Ausführung unverändert hoch und in Teilen sogar noch gestiegen.

„Alles leere Behauptungen“, schimpft Jonas Kuckuk. Der Reetdachdecker aus Bremen kämpft als Vorstandsmitglied des Berufsverbands unabhängiger Handwerkerinnen und Handwerker seit Jahren gegen den „Meisterzwang“. Zwar könne er bestätigen, dass die Ausbildungszahlen bei zulassungsfreien Gewerken stark zurückgegangen sind, dies sei allerdings bei meisterpflichtigen Berufen ebenfalls der Fall. Außerdem seien die Zahlen schon seit mehr als zwanzig Jahren rückläufig und nicht erst seit der Handwerksnovelle von 2004. Darüber hinaus bildeten Handel und Industrie viel mehr aus, und das ganz ohne Meisterpflicht.

„Warum nun der Meisterzwang ein geeignetes Mittel sein soll, um Einfluss auf die Ausbildung zu haben, erschließt sich mir jedenfalls nicht“, sagt Kuckuk. Er verweist darauf, dass es sich bei besagter Umfrage der Handwerkskammer um keine empirische Studie handele – eine solche gebe es zu diesem Thema nämlich überhaupt nicht. Aus seiner Sicht handele es sich beim „Meisterzwang“ um eine unzulässige Marktzugangsbeschränkung, und eine Wiedereinführung der Meisterpflicht sei ein „Unding“.

Die Bremer Grünen stehen einer Rückkehr zur Meisterpflicht ebenfalls kritisch gegenüber; diese „würde den Fachkräftemangel vermutlich sogar verschärfen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. „Zwang und Berufsverbote“ seien im Handwerk nicht notwendig, die Betriebsgröße habe eine viel größere Auswirkung auf Ausbildungsplätze als die Meisterpflicht. Die Steigerung der Ausbildungsrate in kleineren Betrieben sei daher viel wichtiger.

Verhaltene Töne von der FDP

Der Bremer Senator für Wirtschaft und Häfen Martin Günthner (SPD) befürwortet hingegen die Bundestagsinitiative: „Die duale Ausbildung und die Meisterpflicht im Handwerk in Deutschland haben sich als Qualitätsmarke bewährt und gelten im europäischen Ausland und darüber hinaus als Vorbild.“ Die Meisterpflicht diene „einer Sicherung der Qualitätsarbeit im Handwerk, dem Verbraucherschutz, der Leistungsfähigkeit, der Innovationskraft und einer hochwertigen beruflichen Aus- und Weiterbildung.“

Verhaltene Töne kommen von der FDP, die sich sonst gegen jede Art von Marktregulierung ausspricht. „Eine Wiedereinführung der Meisterpflicht löst nicht alle Probleme des Handwerks“, sagt Lencke Steiner, FDP-Fraktionschefin in der Bremischen Bürgerschaft. „Vielmehr gibt es dann neue europarechtliche Probleme.“ Sie findet es wichtiger, dass Arbeitgeber das Handwerk in den Schulen stärker in den Fokus rücken und dass dabei auch die Handwerkskammer und die Verbände eingebunden sind.

Die Goldschmiedin Svea Imholze ist skeptisch, ob eine neuerliche Meisterpflicht ihr Handwerk voranbringt. Schade fände sie, dass sich dann weniger Goldschmiede für die Selbstständigkeit entscheiden könnten – schließlich belebe Konkurrenz das Geschäft. Die Verbraucher hätten außerdem ein kleineres Angebot, aus dem sie auswählen könnten. „Ich finde, man sollte es den Kunden überlassen, ob sie sich für einen Meisterbetrieb entscheiden oder nicht“, sagt Imholze.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+