Inklusion in Bremen „Zu viele Probleme auf einmal“

Inklusion heißt nicht nur, dass Kinder im Rollstuhl in den Klassenraum kommen. In Bremen wird vor allem darüber diskutiert, wie man an den Schulen mit verhaltensauffälligen Kindern umgeht.
02.06.2017, 00:00
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„Zu viele Probleme auf einmal“
Von Sara Sundermann

Inklusion heißt nicht nur, dass Kinder im Rollstuhl in den Klassenraum kommen. In Bremen wird vor allem darüber diskutiert, wie man an den Schulen mit verhaltensauffälligen Kindern umgeht.

Das Problem für die Schulen ist der Spagat: Oft steht eine Lehrkraft vor einer Gruppe höchst unterschiedlicher Kinder. Kinder, die schreien. Kinder, die ihre Mitschüler und Lehrer angreifen. Kinder, die hochbegabt sind. Kinder, die schüchtern sind, und verstummen, wenn andere Kinder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

„Wenn man zu viele unterschiedliche Probleme auf einmal bewältigen muss, kommt man an seine Grenzen“, sagt Angelika Tolle-Herlyn. „Kinder aus Drittstaaten, traumatisch-gestörte Kinder, die sozialen Probleme häufen sich.“ Tolle-Herlyn weiß, wovon sie spricht. Viele Jahre hat sie als Lehrerin an Bremer Brennpunktschulen unterrichtet. Nun ist sie im Ruhestand, arbeitet aber als Zweitkraft und Förderlehrerin weiter mit Kindern an einer Schule in Hemelingen.

Sie erzählt von einem Jungen, der Lehrer und Mitschüler mit einer Schere angriff. Und von einer Klasse mit zwei Inklusionskindern, die praktisch nicht zu unterrichten waren: „Das Mädchen spricht nicht und schreit immer nur, der Junge ist einer Assistenzkraft in den Rücken gesprungen und hat sie schwer verletzt.“

Inklusion ist ein großes Streitthema

Zwei Extremfälle? Vielleicht. Doch das Grundproblem, das Tolle-Herlyn benennt, beschreiben viele Pädagogen in Bremen. „Die verhaltensauffälligen Kinder ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass es zulasten der anderen Kinder geht“, sagt die Förderlehrerin.

„Da sind zum Beispiel manche muslimische Mädchen, die gerade erst Deutsch lernen. Sie sind schüchtern, und wenn andere Kinder die Erwachsenen auf Trab halten, verstummen sie. Unter anderen Bedingungen könnten viele dieser Kinder eine normale Schullaufbahn einschlagen, so fallen Kinder durchs Raster.“

Inklusion ist ein großes Streitthema. Bildungsthemen haben die Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein mit geprägt. In Bremen steht die Inklusion auf dem Prüfstand und soll von Experten bis zum Frühling 2018 bewertet werden. Und mittendrin stellt Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) den in Bremen beschrittenen Pfad einer weitgehenden Inklusion infrage. Und spricht davon, die Inklusion abzubremsen.

Aus heiterem Himmel kommt Sielings Äußerung nicht: Schon lange ächzen die Schulkollegien angesichts der Probleme, die sie bewältigen sollen. Zuletzt war die Inklusion eines der großen Themen bei der Personalversammlung von 1200 Schulbeschäftigten. Auch Schulleitungen kritisieren inzwischen öffentlich, wie Inklusion stattfindet: Klassentür auf, alle Kinder rein, Tür zu, so wird das Bremer Alltagsmodell beschrieben.

Es gibt aber nicht nur die Sicht der Lehrer auf die Großbaustelle Inklusion. Es gibt auch den Blick der Eltern von Inklusionskindern. Und die wenden sich immer wieder mit Hilferufen an Behörde und Politik. Denn wenn die Personaldecke an Schulen zu dünn wird, sind Inklusionskinder oft die Ersten, die nach Hause geschickt werden.

Kurz, nachdem der Bürgermeister davon spricht, die Inklusion abzubremsen, geht wieder so ein Hilferuf ein. Elternvertreter Gerhard Bresgen wendet sich an Bildungspolitiker aller Fraktionen und an den WESER-KURIER.

"Das ist eine fatale Botschaft"

In einer Inklusionsklasse der Oberschule an der Lerchenstraße in Bremen-Nord fehlen seit Wochen zwei Assistenzkräfte, sagt er. „Dadurch werden nicht nur die Förderschüler, sondern alle Schüler der Klasse nicht mehr in vollem Umfang unterrichtet.“

Ein Inklusionsschüler habe zuletzt vier Monate nicht am Unterricht teilnehmen können. Seine Assistenzkraft wurde erst krank und wechselte dann den Job, sagt Bresgen. Eine zweite Assistenz kündigte nach kurzer Zeit.

Schließlich organisierte die Einrichtung, in der der Junge lebt, eine Privatassistenz. „Doch schon jetzt ist klar, dass auch diese Assistenz nur bis zum Sommer bleibt, danach möchte sie studieren“, sagt Bresgen. „Die Schule hat alles getan, was sie konnte, aber so kann es nicht weitergehen.“

Dass der Bürgermeister nun die Inklusion nun bremsen will, sorgt trotz aller Kritik an den Rahmenbedingungen für Überraschung: „Ich bin erschrocken über diese Äußerung“, sagt Andrea Spude vom Zentralelternbeirat. „Das ist eine fatale Botschaft, wenn Carsten Sieling sagt, wir schaffen das nicht und die Inklusion dem Sparzwang unterwirft.“

"Die Schulen sind überfordert"

Die Inklusion abzubremsen wäre falsch, glaubt Spude – und so auch gar nicht machbar: „Inklusion ist im Schulgesetz verankert, die Förderschulen sind abgeschafft, das kann man nicht zurückdrehen.“ Nachvollziehbar sei aber, die Fritz-Gansberg-Schule für Kinder mit sozial-emotionalen Beeinträchtigungen erst einmal zu erhalten. „Die Schulen sind überfordert, wenn sie die verhaltensauffälligen Kinder jetzt aufnehmen sollen.“

„Inklusion ist ein Recht, das kann man nicht mal eben abschaffen“, sagt Thorsten Maaß von der Schulleitungsvereinigung. Wichtig sei nun, Stellen, die man in Bremen nicht mit dem erwünschten Fachpersonal besetzen könne, auch für andere Bewerber zu öffnen, um mehr Personal an Schulen zu bringen. Dafür brauche es ein vernünftiges pädagogisches Konzept.

„Die Inklusion abzubremsen ist eine unglückliche Formulierung, vor allem mit Blick auf die UN-Behindertenresolution“, stellt Arno Armgort vom Personalrat Schulen fest. Er betont aber zugleich: „Wenn man die Inklusion nicht vernünftig ausstattet, fährt man sie gegen die Wand, und das kann keiner wollen.“

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