Selbstversuch in der Innenstadt Cappuccino und Curry – geht das auch ohne Plastik?

Unmengen von Plastik landen jährlich in den Meeren. Um das zu verhindern, gibt es eine scheinbar einfache Alternative: Dem Plastik entsagen. Aber klappt das wirklich?
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Cappuccino und Curry – geht das auch ohne Plastik?
Von Lisa Schröder

Unmengen von Plastik landen jährlich in den Meeren. Um das zu verhindern, gibt es eine scheinbar einfache Alternative: Dem Plastik entsagen. Aber klappt das wirklich?

Die Dimensionen sind unvorstellbar: Millionen Tonnen Plastik landen in den Meeren. Experten befürchten, dass in wenigen Jahrzehnten schon mehr Plastikteile als Fische in den Ozeanen schwimmen könnten. Der Deckel des Coffee-to-go-Bechers, die dünne Tüte aus der Obstabteilung des Supermarkts – der Müll ging durch die Hände der Verbraucher. Doch was sind die Alternativen, um plastikfrei einzukaufen? Ist es möglich, ganz und gar auf Verpackungen zu verzichten?

Mittags auf dem Bremer Marktplatz. Im Jute-Beutel befinden sich ein Kaffeebecher und eine größere Plastikdose. Der Auftrag: Unterwegs Einkäufe erledigen, Hunger und Durst stillen – ohne dabei Müll zu produzieren. Ein Cappuccino to go soll es als Erstes sein. Es geht zu Starbucks. Der Becher wandert nach der Bestellung über die Theke. „Zum Mitnehmen bitte.“ Bedienung Arne, ein Smiley lacht auf seinem Namensschild, nimmt ihn ganz selbstverständlich entgegen.

Discount für den eigenen Becher

Alles beginnt nun zu fließen: Der Espresso aus der Maschine in das Gläschen, der Inhalt aus dem Gläschen in den Becher, und schließlich gleitet der fluffige Milchschaum aus dem Edelstahlkännchen gekonnt auf den Espresso. Wer will, der kann hier also auf den Wegschmeiß-Behälter verzichten. Viele Stammgäste aus den Unternehmen in der Nähe kämen regelmäßig mit ihrem eigenen Becher in das Café, sagt Arne mit dem Smiley.

30 Cent „Cup Discount“ gibt es für den eigenen Becher – so ist es auch auf dem Bon vermerkt. Der Cappuccino für 3,15 kostet also 2,85 Euro. „Wir wollen der Umwelt helfen“, sagt Patrick Czwojdrak, Leiter der Filiale Am Markt. Allerdings nähmen nur wenige Kunden die Aktion wahr, sagt Czwojdrak. Dennoch sei der Schritt wichtig.

Gänzlicher Verzicht auf Kunststoff schwierig

Gibt es die Leberwurst auch ohne Plastikpapier? In der eigenen Dose? „Da spricht nichts dagegen“, sagt René Falkenberg, Filialleiter für den Bereich. Er wiegt den Behälter und zieht das Gewicht ab, um den Preis zu berechnen. „Klar kann man das machen. Es ist ja Ihre Sache, was Sie im Anschluss damit machen.“ Die Kosten, der Müll – er könne nur empfehlen, dass die Kunden eigene Aufbewahrungsmöglichkeiten mitbringen. Die Plastikverpackung sei für den Kunden aber natürlich bequemer und hygienischer.

Ganz auf Kunststoff zu verzichten, das sei zudem schwierig. Für klebrige Wurst und Käsescheiben brauche es eine Trennfolie. Brot bietet der Laden dagegen ausschließlich in Papiertüten an. Gibt es beim regionalen Schlachter ebenfalls Leberwurst ohne Verpackung? Ein Anruf ins Viertel. Nein, mitgebrachte Behälter dürften in seinem Geschäft nicht über die Ladentheke gereicht werden, sagt Volker Safft. „Das können wir aus hygienischen Gründen gar nicht machen. Wir wissen ja nicht, ob die Behälter genügend gereinigt wurden.

Sie kommen dann in unseren Kreislauf.“ Außerdem sei er letztlich für die richtige Verpackung des sensiblen Produkts verantwortlich, sagt der Geschäftsführer der Bremer Schlachterei. „Gerade bei Mett ist das wichtig. Sonst verdirbt es.“ Für den Bäcker Tantzen in der Langenstraße gilt die Grenze Tresen ebenfalls. „Ich darf gar nichts zu mir rübernehmen“, sagt die junge Verkäuferin. Sie könne die Getränke höchstens vor der Theke in den Becher umfüllen – mehr geht aus hygienischen Gründen nicht.

Belohnungssystem bei Dean & David

„Schluss mit dem Müll.“ Schon im Eingang konfrontiert das Restaurant Dean & David den Besucher mit dieser Ansage. Sie wirbt für die wiederverwendbare Box für Gerichte außer Haus. Acht Euro kostet sie. Wer möchte, der bekommt darin seinen Salat oder sein Curry serviert.

„Das wird immer mehr genutzt. Vor allem von Stammkunden“, sagt Betriebsleiter André Dornauf. Viele brächten außerdem einen Thermobecher für Getränke mit. Und auch Dean & David bieten eine Belohnung: Wer die Schale für das Essen sauber mitbringt, bekommt eine Zutat zum nächsten Salat geschenkt. „Das ist eine Motivation.“

Jutebeutel, Einweckgläser, Thermobecher – das Bewusstsein für einen nachhaltigeren Konsum scheint bei den Verbrauchern zu wachsen. Lose Lebensmittel bieten auch in Bremen mehrere Läden an. Doch in den großen Supermarktketten ist von der Bewegung nur ein wenig angekommen. Praktisch abgepackt, abgewogen und eingeschweißt, scheint das Lebensmittel mit dem Wegwerfprodukt Plastik wie verschmolzen. Kunststoff ist eben nicht nur hygienisch, sondern macht den spontanen Einkauf möglich.

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Nachfrage nicht überall groß

Gleich gegenüber von Dean & David liegt Le Crobag. Die französische Kette verkauft wie Starbucks eigene wiederverwendbare Becher für ihre Getränke. Auch den mitgebrachten Thermobecher könne man sich ohne Probleme befüllen lassen, sagt Bedienung Julia Wördemann. „Wir kontrollieren vorher, ob er sauber ist. Darauf müssen wir achten.“ Der normale Becher sei aus Pappe – bis auf den Deckel. Der Kunde könne aber selbst entscheiden, ob er ihn überhaupt brauche. Hinunter geht es nun in den Edeka von Michael Bredow in der Galeria Kaufhof. Hier gibt es frische Salate und diverse Suppen zum Mitnehmen.

Über dem Buffet stapeln sich Plastikbecher in verschiedenen Größen. Doch auch Bredows Markt setzt seit zwei Monaten auf ein nachhaltigeres Angebot: Wer im Laden eine Box kauft, kann damit Salat und Suppe bekommen und etwas Rabatt auf den Preis pro 100 Gramm. Allerdings funktioniert das nur mit den vor Ort gekauften Dosen, weil das Gewicht des Behälters an der Kasse abgezogen werden muss. Wenn sich viele Kunden beteiligten, könne er zusätzlich zum Umweltaspekt auch einige Kosten für die Verpackung sparen, sagt Bredow. Doch noch sei die Nachfrage nicht groß genug: „Ich habe gehofft, dass die Resonanz größer ist. Das muss noch in unsere Köpfe rein.“

Probleme mit der Hygiene

Hygieneprobleme mit privaten Behältern? Ja und nein. „Im Prinzip können alle Lebensmittel unverpackt zum Verkauf angeboten werden“, sagt Christina Selzer vom Senatsressort für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz. Allerdings sei die „Umhüllung“ selbst mitgebrachter Behältnisse problematisch, da in jedem Fall von einer möglichen häuslichen Verschmutzung ausgegangen werden müsse. Der Lebensmittelhändler müsse deshalb dafür Sorge tragen, dass seine eigenen Produkte von derartigen Behältnissen nicht kontaminiert werden.
Dass der Händler separate Behältnisse zum Verkauf anbietet und auch seine Produkte so verpackt, dass sie nicht direkt mit dem mitgebrachten Behälter in Berührung kommen, sei ein Mittelweg. Am Ende sei es aber die Verantwortung des Betreibers, dass seine Produkte nicht durch mitgebrachte Aufbewahrungsmittel verschmutzt werden. Und die Alternative? Papiertüten! „Es geht ja bei der Hygiene darum, dass keine verschmutzen Verpackungen von außen in den Laden mitgebracht werden sollen. Und wenn Papiertüten bereitgestellt werden, ist das kein Problem“, erklärt Selzer.
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