Désirée, die Nachbarin Désirée Nosbusch spielt im "Tatort: Vergissmeinnicht" (So., 28.03., 20.15 Uhr, ARD) Seite an Seite mit ihrem Lebensgefährten Mehmet Kurtulus

In L.A. ist Désirée Nosbusch "niemand, den jeder kennt" - ein durchaus driftiger Grund, die Strapazen einer Vielfliegerin auf sich zunehmen, wie die Schauspielerin im Interview verrät.
11.03.2010, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Frank Rauscher

In L.A. ist Désirée Nosbusch "niemand, den jeder kennt" - ein durchaus driftiger Grund, die Strapazen einer Vielfliegerin auf sich zunehmen, wie die Schauspielerin im Interview verrät.

Eine ausländische Geheimagentin in einem "Tatort"-Krimi! - Das ist schon außergewöhnlich. Dass die attraktive Lady von Désirée Nosbusch (45) gespielt wird, der in Los Angeles lebenden Lebensgefährtin von Mehmet Kurtulus, dem Hamburger Ermittler, und dass diese beiden im "Tatort: Vergissmeinnicht" (Sonntag, 28.03., 20.15 Uhr, ARD) auch noch ein verliebtes Paar spielen, macht die Sache natürlich noch um einiges spannender. Auf die Idee, den Hamburger Undercover-Mann Cenk Batu in eine solche Amour fou zu schicken, sind Nosbusch und Kurtulus sogar selbst gekommen. Am Telefon in L.A. verrät die charmante Schauspielerin, wie es dazu kam und warum sie erst zögerte, diese Rolle zu übernehmen. Nachdenklich, aber gut gelaunt spricht sie über Zukunft und Vergangenheit - vor allem aber über ihr Leben im kalifornischen Hier und Jetzt.

teleschau: Guten Morgen, Frau Nosbusch! Los Angeles, Morgens, um 9 Uhr, die Sonne scheint. Wir sind neidisch!

Désirée Nosbusch: (lacht) Oh. Das müssen Sie nicht: Für hiesige Verhältnisse ist das Wetter im Moment nämlich nicht so super. Wir haben schon seit einigen Wochen immer wieder starken Regen ...

teleschau: Vom El-Nino-Wetter in diesem Winter mal abgesehen: Sie leben schon mehr als zwei Jahrzehnte in Kalifornien. Was schätzen Sie am Golden State?

Nosbusch: L.A. ist mein Lebensmittelpunkt. Meine beiden Kinder leben hier (aus einer Ehe mit dem Filmmusik-Komponisten, Drehbuchautoren und Produzenten Harald Kloser, d. Red.), die Stadt ist mein Zuhause. Ich genieße besonders die Anonymität. Sie gibt mir das Gefühl von Freiheit, das ich zum Leben brauche. Hier kann ich meinen Weg völlig unbeobachtet gehen, mich weiterentwickeln, fortbilden, mich auch mal in Frage stellen, mit etwas neu anfangen, ohne dass ich jeden Schritt gleich in der Öffentlichkeit diskutieren muss. Für meine Nachbarn hier, bin ich nur Désirée, die Nachbarin, niemand, den jeder kennt. Eine Anonymität, die natürlich auch für das Aufwachsen der Kinder sehr wichtig ist.

teleschau: Und sonst? Was ist mit dem sprichwörtlichen kalifornischen Lifestyle?

Nosbusch: Ohne die gängigen Klischees zu bemühen: Ich schätze das Praktische des Lebens hier sehr, mag die gute Laune der Menschen, die meiner Meinung nach eben nicht oberflächlich sind, sondern eine grundsätzliche Offenheit und Fröhlichkeit mitbringen. Ich finde das positiv: Wenn man sich gut gelaunt begegnet, ist der Alltag doch viel leichter zu bewältigen, als wenn man schlecht drauf ist.

teleschau: Woher kommt's?

Nosbusch: Ich glaube, die Menschen wollen sich einfach das Leben nicht unnötig schwer machen, und sie haben sich meist etwas Kindliches bewahrt. Wichtig für alles Berufliche in der Filmbranche ist auch: Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Los Angeles ist Hollywood ist Filmindustrie! Hier finde ich alles, was ich für meine Arbeit als Schauspielerin, aber auch als Produzentin und Regisseurin brauche.

teleschau: Sie haben in den USA Filmproduktion und Regie studiert. An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Nosbusch: Mein 'Baby', "Ticket to Lagos" nach einem Drehbuch meines Ex-Mannes, ist seit sechs Jahren in der Entwicklung und geht nun mit ganz großen Schritten Richtung Realisation. Und dann übernehme ich die Regie für einen Thriller mit dem Arbeitstitel "The Heir" - "Der Erbe". Die Produktion startet im Herbst, wenn alles gut geht.

teleschau: Ihre beiden ersten abendfüllenden Spielfilme als Regisseurin nehmen konkrete Züge an. Wie fühlt sich das an?

Nosbusch: Großartig. Regie ist mein großer Traum. Auch wenn ich nie viel Aufhebens darum gemacht habe und das Thema lieber erst mal in aller Stille anging. Ich habe gelernt, mich mit meiner Euphorie etwas zurückzuhalten. Denn in unseren Breitengraden wird es leider nicht immer gern gesehen, wenn man mehr als ein Talent hat ...

teleschau: Sie meinen, in Deutschland?

Nosbusch: Ja. Aber inzwischen bin ich da selbstbewusster geworden und rede auch ganz offen über meine Projekte. Immerhin habe ich schon einen preisgekrönten Kurzfilm ("Ice Cream Sundae", 2001, mit Tippi Hedren in der Hauptrolle, d. Red.) gedreht.

teleschau: Trug die Engstirnigkeit in der Branche auch dazu bei, dass Sie vor über 20 Jahren Ihren Wohnsitz nach Übersee verlagerten?

Nosbusch: (lacht) Also: Ich bin nicht weggegangen, weil ich vertrieben wurde. Aber sicherlich suchte ich damals nach einem Umfeld, das mich mehr danach beurteilt, wie ich bin und was ich abliefere - offen, ohne ein vorgefertigtes Bild von Désirée Nosbusch. Ich hatte nun mal eine Vergangenheit in Deutschland. Und die Presse hatte sich damals, als ich noch sehr jung war, durchaus die Freiheit rausgenommen, besser über mich Bescheid zu wissen als ich selbst. Grundsätzlich sollen die Leute von mir aus schreiben, was sie wollen - aber mit 15, 16 Jahren berührt einen das sehr stark. Ich hatte damals nicht die nötige dicke Haut, um das alles an mir abprallen zu lassen. Als ich alt genug war, beschloss ich, wegzugehen. Das war dringend nötig, um mich selbst zu finden.

teleschau: Sie waren als Teenager der weibliche Shooting-Star der 80er-Jahre und durchlebten auch privat turbulente und schwere Zeiten. Denken Sie heute noch viel an diese Jahre zurück?

Nosbusch: Es ist vollkommen klar, dass eine so prägnante Zeit immer ein Teil von einem selbst bleiben wird. Den Rucksack, ob er nun auf dem Rücken liegt oder in meiner Seele, ist immer dabei. Aber ich bin ein Mensch, der gelernt hat, nach vorne zu schauen. Ich kann an der Vergangenheit nichts ändern, aber ich kann am Heute etwas ändern. Es gibt auch nicht wirklich die Zukunft, sondern immer nur das Heute. Natürlich könnte ich immer wieder überlegen, was ich damals hätte anders machen können. Aber das ist vertane Energie.

teleschau: Klingt schon sehr nach kalifornischer Coolness.

Nosbusch: Nein, Coolness ist das nicht. Aber es ist schon etwas, das ich hier gelernt habe. In Europa neigen wir von der Mentalität her eher dazu, das Leid der Welt auf den Schultern zu tragen. Man muss sich ständig grämen, sich hinterfragen ... Ist ja alles okay, und diese Tiefe macht das Leben auch interessant und spannend - aber eine gewisse Fähigkeit zum Loslassen ist schon auch nicht schlecht.

teleschau: Im November und Dezember letzten Jahres waren Sie für längere Zeit in Deutschland. Vier Wochen dauerten die Dreharbeiten zum Hamburger "Tatort: Vergissmeinnicht". Waren Sie von der Idee spontan begeistert, gemeinsam mit Ihrem Lebensgefährten Mehmet Kurtulus, der den Hamburger Ermittler Cenk Batu spielt, zu drehen?

Nosbusch: (lacht) So spontan war das Ganze nicht. Vor zwei Jahren saßen Mehmet und ich in einem Restaurant in Hamburg und überlegten, wie es mit der Figur des Cenk Batu weitergehen könnte. Wir haben kreativ rumgesponnen und kamen auf die Idee, dass Batu im dritten Tatort einer Frau ungeahnt auf 'Augenhöhe' begegnen könnte, die ihn kurz mal ins Schleudern bringt, damit er in Film Nummer vier wieder in eine ganz andere Richtung gehen kann. Die NDR-Redaktion sprang an und entwickelte die Idee weiter.

teleschau: Sie waren von Anfang an für die Rolle im Gespräch?

Nosbusch: Die Frage stand irgendwann im Raum. Aber ich war erst zögerlich, weil ich nicht wollte, dass es in den Medien heißen könnte: "Die spielt da nur mit, weil ihr Freund der Kommissar ist!" Ich überlegte eine Weile, und dann sagte ich mir: Warum eigentlich nicht! Ich bin Schauspielerin, das ist mein Beruf, das ist ein gutes Buch, eine gute Rolle, ich schätze den Regisseur - also: Natürlich mach ich mit. Was unser Dasein als Paar angeht, halten Mehmet und ich uns ohnehin sehr zurück. Wir geben alles für den Job, aber privat sind wir ungemein sparsam.

teleschau: Sie spielen die Schwedin Mia Andergast - höchstwahrscheinlich die erste ausländische Geheimagentin überhaupt in einem "Tatort". Eine besonders herausfordernde Rolle?

Nosbusch: Ja. Weil es eine ungeheuere Gratwanderung ist: Auch Mia Andergast ist eine Coveridentität. Der Reiz solcher Doppelrollen liegt darin, die Funktion und Absicht jeder Figur klar voneinander zu trennen, sie aber trotzdem in einer nachvollziehbaren Person glaubhaft verschmelzen zu lassen. Diese 'Doppel-Persönlichkeit' schauspielerisch so minimalistisch darzustellen, dass die inneren Konflikte trotzdem spürbar bleiben, ist die große Herausforderung.

teleschau: Mia und Cenk Batu verlieben sich sehr schnell ineinander. Ist es hilfreich für eine solche Konstellation, wenn die Schauspieler auch privat ein Paar sind?

Nosbusch: Ich kann nur sagen: Es gibt nichts Unerotischeres, nichts Technischeres, als das Drehen von Liebesszenen. Ich kenne keine Kollegin, die sich auf so eine Szene freut. Und es wäre auch nicht einfacher, wenn da, sagen wir, Clooney neben einem im Bett liegen würde. Selbstverständlich ist es angenehmer, intime Szenen mit einem Partner zu spielen, der einem vertraut ist. Wir hatten Glück, denn wir konnten uns unverkrampft über die "persönliche Scham" hinwegsetzen und uns ganz dem Inhalt widmen. Ich konnte mich fallen lassen ... was bei solchen Szenen eher die Ausnahme ist. Aber trotzdem ist das ist alles hart erarbeitet.

teleschau: Was heißt das für den Film?

Nosbusch: Was Sie im Film sehen, sind nicht Mehmet und Désirée - das sind Cenk Batu und Mia. Das hat nichts mit uns privat zu tun: weder die Blicke noch die Berührungen. Es sind nur zwei Figuren, die wir entwickelt haben.

teleschau: Nun sind Sie wieder zurück in L.A. Spontan: Was vermissen Sie am meisten?

Nosbusch: Meine Freunde, die alle in Europa leben. Und ich würde gerne öfter durch eine schöne europäische Innenstadt schlendern. Und ab und zu mit Menschen reden, die nichts mit dem Filmgeschäft zu tun haben (lacht). Man hat halt immer eine Sehnsucht im Herzen, nach dem, was man gerade nicht hat. Mit dieser Sehnsucht musste ich meinen Frieden schließen.

teleschau: Was bezeichnen Sie heute als Heimat?

Nosbusch: Meine Heimat teilt sich auf. Ich kann das nicht verorten.

teleschau: In welcher Regelmäßigkeit besuchen Sie Berlin, wo Mehmet Kurtulus lebt?

Nosbusch: Alle sechs Wochen bin ich da. Die Fliegerei, inklusive Jetlag, das ist der unangenehme Teil dieser Geschichte, aber solange die Lufthansa uns noch nicht hin- und herbeamen kann, muss ich da eben durch.

teleschau: Liebäugeln Sie nicht damit, ganz nach Berlin zu ziehen?

Nosbusch: Immer wieder mal. Aber fairerweise muss ich sagen, dass es dabei nicht nur um mich geht, sondern vor allem um meine beiden Kinder. Sie sind in einem Alter, in dem ich ihnen eine Entwurzelung nicht zumuten möchte. Mein Sohn wird wohl in vier Jahren am College sein, meine Tochter in fünf - dann könnte ich sicher auch irgendwo in Europa gut leben.

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