Bremen: Einkaufen ohne Verpackung Plastik kommt nicht in die Tüte

Selcuk Demicapir ist Inhaber von Selfair, einem Zero-Waste-Laden. Um Müll zu sparen, füllen Kunden ihre Lebensmittel in Gläser ab. Nur: Wie nachhaltig ist unverpackt wirklich? Ein Blick hinter die Kulissen.
09.02.2020, 06:00
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Plastik kommt nicht in die Tüte
Von Imke Wrage

Selcuk Demirkapi will aufräumen. In seinem Laden stapeln sich die Säcke der neusten Lieferung. Den Begriff Unverpackt-Laden finde er „ziemlich irreführend“, sagt der Bremer. Er selbst hat einen solchen Laden, er heißt bloß anders: Selfair. Um Müll zu vermeiden, füllen Kunden ihre Lebensmittel dort in Gläser oder Dosen ab, packen Obst und Gemüse in Netze. „Manche Menschen denken bei dem Begriff, die Lebensmittel kommen unverpackt im Laden an“, sagt Demirkapi. Wie das gehen soll, frage er sie dann, „Tomaten haben doch keine Flügel“.

Besuch bei Selfair im Viertel. Demirkapi, 35, hat eingeladen, um über Müll zu sprechen. Besser: über das Vermeiden von Müll. Er führt durch den Laden. Obst und Gemüse sind lose drapiert. Milch, Öl und Getränke gibt es nur in Gläsern. In der Mitte stehen Kanister zum Abfüllen, darin befinden sich Linsen, Reis, Mehl, all das. Nach Müll, vor allem Plastik, sucht man auf den ersten Blick vergebens.

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Jeder Deutsche produziert durchschnittlich 220 Kilogramm Verpackungsmüll im Jahr. Das geht aus einer Studie des Statistischen Bundesamtes hervor. Damit sind die Deutschen Spitzenreiter in Europa. Unverpackt-Läden haben daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Dieses nennt sich Zero Waste – also ressourcen- und umweltschonendes, plastikfreies Einkaufen. Auch Demirkapi setzt auf Zero Waste. In Bremen war er damit Vorreiter. Als er Selfair 2016 eröffnete, gab es noch keine Konkurrenz. Mittlerweile gibt es noch Füllkorn und L' Epicerie Bio in der Neustadt sowie die Füllerei in Findorff.

Unverpackt einkaufen, das klingt erst einmal gut – für die Umwelt, aber auch fürs Gewissen. Nur: Wie viel Müll fällt eigentlich hinter den Kulissen an? Wird am Ende wirklich gespart? Oder verlagert der Zero-Waste-Kunde den Müll von Zuhause in den Laden? Für den Verbraucher ist das kaum nachvollziehbar. Eines muss klar sein, sagt Demirkapi: „Sobald etwas geerntet wird – ob Gemüse, Obst oder Getreide –, werden die Produkte verpackt.“ Nicht immer in Plastik, aber in Säcke, Kartons oder Holzkisten. Einiges davon landet im Müll.

Ein Keller voll Müsli und Mandeln

Wie genau das aussieht, zeigt Demirkapi dort, wo der Kunde sonst nicht hinkommt: im Keller. Dort stehen Regale aus Stahl, denn sie müssen viel aushalten. Kniehohe Papiersäcke sind darin gestapelt, vereinzelt auch aus Plastik, gefüllt mit Müsli, Mandeln und anderem, meist 25 Kilogramm, bei schnell Verderblichem weniger. Hier, im „Trockenlager“, füllt Demirkapi die Kanister aus dem Laden auf.

Ein System, das viel Verpackungsmüll spart, sagt er und rechnet vor: Kaufe jeder Kunde etwa ein halbes Kilogramm Müsli, würden 50 Verpackungen – im Supermarkt meist aus Plastik – eingespart. Er selbst müsse insgesamt nur fünf bis sechs große Papiersäcke pro Woche wegwerfen. Bei Trockenprodukten spare er ungefähr 80 bis 90 Prozent im Vergleich zum Einkauf im konventionellen Supermarkt ein.

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Bei Obst und Gemüse sehe das teilweise anders aus. Demirkapi führt in den zweiten Lagerraum, einen begehbaren Kühlschrank, in dem Kohl, Lauch und Kürbisse in Kisten aufgestapelt sind. Für viele dieser Kisten hat Demirkapi Pfand bezahlt. Heißt: Die Kisten werden zurückgegeben. Das betrifft vor allem regionale Lieferanten, Äpfel aus dem Alten Land oder Salate.

Je weiter die Reise, desto mehr Müll

Produkte, die einen langen Weg bis Bremen hatten, sind anders verpackt. Fenchel, Gurken und Paprika aus Italien und Spanien etwa kommen in Kartons hier an, oft mit Folie ausgelegt, um sie zu schützen. Die muss Demirkapi wegwerfen. Am Ende des Tages, sagt er, komme ein Müllberg, vor allem aus Pappe, zusammen. Der sei etwa so groß wie er selbst – also 1,80 Meter. „Das ist aber immer noch wesentlich weniger als im Supermarkt“, sagt Demirkapi. Dennoch: Durch ein Pfandsystem mit Ländern wie Italien und Spanien könne er einen Großteil davon vermeiden. Auf weit gereiste Produkte könne er nicht verzichten. „Meine Kunden wünschen sich ein Vollsortiment.“

Demirkapi kennt sich mit dem Kaufverhalten von Kunden aus. Er hat Wirtschaftspsychologie in Bremen studiert, Schwerpunkt Konsumpsychologie. Früher habe er oft bei Verwandten in türkischen Lebensmittelläden gearbeitet. „Was da an Müll anfiel, war unglaublich“, sagt er. „Mir war klar: Wir haben ein Riesenproblem mit Plastik. So können wir nicht weitermachen.“ Er wollte selbst Verkäufer werden, aber anders, nachhaltiger. Damals noch ein Modell, bei dem er „volles Risiko“ eingehen musste, sagt Demirkapi. Seit anderthalb Jahren beobachte er einen wachsenden Markt. „Die Hersteller liefern nun anders und achten vermehrt darauf, plastikfrei zu sein.“

Das hat allerdings seinen Preis: Bei Selfair einzukaufen ist teurer als im herkömmlichen Supermarkt. Der Laden läuft trotzdem, sagt Demirkapi. Das liege aber auch daran, dass er auf Transparenz setze. Demirkapis Laden hat keine Hintertür. Wenn neue Ware kommt, dann immer durch den Haupteingang. „Die Kunden können ruhig sehen, wie wir die Lebensmittel geliefert bekommen“, sagt er. „Und wer will, kann auch in den Keller.“

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