Nachhaltigkeit

Plastikfrei einkaufen kommt in Bremen gut an

Die Idee des umweltfreundlichen Einkaufens kommt aus ihrer Nische. Wenn nun der dritte Unverpacktladen eröffnet, hat Bremen damit mehr als jede andere deutsche Stadt in vergleichbarer Größe.
29.07.2018, 19:27
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Plastikfrei einkaufen kommt in Bremen gut an
Von Lieselotte Scheewe
Plastikfrei einkaufen kommt in Bremen gut an

Ulf Sawatzki, Inhaber des Unverpacktladens Füllkorn.

Christina Kuhaupt

Auf der interaktiven Karte der Seite nachhaltigleben.de tummeln sich die grünen Symbole. Sie stehen für verpackungsfreie Einkaufsmöglichkeiten in Deutschland und werden immer mehr. Einer nach dem anderen sprießt auch in Bremen aus dem Boden. In der Hansestadt eröffnen derzeit immer mehr kleine Einkaufskooperationen und Unverpacktläden. Die Idee des umweltfreundlichen Einkaufens kommt aus ihrer Nische. Das bisherige Randgruppengeschäft wird immer mehr zum Trend: deutschlandweit, in Bremen aber besonders. Denn wenn nun der dritte Unverpacktladen eröffnet, hat Bremen damit mehr als jede andere Stadt in vergleichbarer Größe.

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Auf der Welle dieses Trends schwimmen Ulf Sawatzki, Myriam Carneva und Selcuk Demirkapi. Oder sie bringen sie ins Rollen, je nachdem wie man es sieht. Selcuk Demirkapi eröffnete 2016 seinen plastikfreien Supermarkt "Selfair" Vor dem Steintor. Im April machte Ulf Sawatzki seinen Laden "Füllkorn" in der Bremer Neustadt auf. Dort soll Mitte August auch die "L'Epicerie-Bio" von Myriam Carneva eröffnen.

Leinenbeutel statt Plastiktüte

Plastikmüll zu reduzieren steht bei all diesen Läden erst einmal an erster Stelle. Das Prinzip: Müsli, Haferflocken, Mehl, Reis und Nudeln, aber auch Gewürze, Seife, Waschmittel, Kaffee, Obst und Gemüse füllen die Kunden sich in mitgebrachte oder im Laden erhältliche Gläser, Leinenbeutel oder Dosen ab. "Wenn wir Verpackungen reduzieren, auf Plastik verzichten, mehr Pfandsysteme einsetzen, Bioprodukte in Zero Waste-Mengen einkaufen und auf klimafreundliche Mehrwegprodukte achten, können wir den Müll reduzieren", sagt Myriam Carneva.

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Zu dem umweltbewussten Einkaufen gehöre aber auch, dass die Produkte aus ökologischem Anbau und möglichst von regionalen Anbietern kommen. "Mit der konventionellen Landwirtschaft und der Überdüngung der Böden entziehen wir uns unserer eigenen Grundlage", sagt Sawatzki, der Biologie studierte, bevor er sich mit seinem Laden selbstständig machte. Auf die Idee brachten nicht nur die aktuellen Zahlen und Berichte über das Thema Müll, sondern auch seine Erfahrungen im Ausland.

Pro Jahr 37 Kilo Plastikmüll bei jedem Deutschen

37 Kilogramm Plastikmüll produziert jeder Deutsche laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft pro Jahr. Ein großer Teil davon fällt beim Einkaufen an. Die Recyclingrate, lange die Hoffnung der Deutschen, die ach so gern ihren Müll trennen, stellte sich als viel zu gering heraus. Den Müll ins Ausland zu verkaufen, ist auch keine Lösung. Nach Angaben der Organisation „Seas at Risk“ gelangen aus der Europäischen Union jährlich rund 100.000 Tonnen Plastik ins Meer. Die EU-Kommission will den Einweg-Müll im Meer bis 2020 um 30 Prozent reduzieren.

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Plastiktüten sind deshalb aus dem deutschen Einzelhandel fast komplett verschwunden. Die Produkte sind aber immer noch in Plastik eingepackt. "Ich habe in Indonesien mit eigenen Augen Dämme voll Plastik gesehen, die die Flüsse verstopfen oder Seen mit Inseln voll Plastik darin", erzählt Sawatzki. Schon immer hat er sich für den Naturschutz interessiert, bei diesem Anblick aber, war seine Idee, etwas gegen den Plastikmüll zu unternehmen, geboren.

Günstiger als der Bio-Supermarkt

Das verpackungsfreie Angebot hat neben der Müllvermeidung aber auch einen wirtschaftlichen Vorteil. So beschreibt es zumindest Ulf Sawatzki. "Ich spare die gesamte Verpackungsindustrie aus und das ist ein großer Kostenfaktor", sagt er. Das wiederum ermögliche ihm, biologisch angebaute Lebensmittel noch unter den Bio-Supermarktpreisen anzubieten und trotzdem genug Gewinn zu machen. Einige Produkte, Gewürze zum Beispiel, seien in seinem Unverpackt-Laden Füllkorn sogar günstiger als im Discounter.

Indem er direkt beim Großhändler und bei regionalen Unternehmen einkauft, spart er eine Menge Kosten ein, sagt Sawatzki. Für ihn ist die Verpackungsindustrie im Lebensmittelbereich ein unnötiges Wirtschaftsfeld, das nur Ressourcen verbraucht. Die einzige Daseinsberechtigung sieht er in den vielen Jobs in dem Bereich. "Ich spare auch Beschäftigungsverhältnisse ein", sagt der 36-Jährige. Aus seiner Sicht wird die Verpackungsindustrie vor allem aufrecht erhalten, um Arbeitsplätze zu sichern.

Unverpackt-Läden in Kanada seit mehr als 30 Jahren

Nach den ersten zwei Monaten übertreffen seine Umsätze bereits seine Erwartungen, erzählt Sawatzki. Obwohl ihn der Erfolg freut, wünscht er sich, dass sich das Einkaufsverhalten der Menschen noch schneller ändert. "Deutschland hinkt bei der Entwicklung hinterher", sagt er. In Frankreich, Kanada, Italien und Spanien gibt es bereits ganze Einzelhandelsketten und erfolgreiche Franchise-Unternehmen, die Lebensmittel zum größten Teil unverpackt anbieten.

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Bulk Barn aus Kanada eröffnete schon im Jahr 1982. Heute hat der Unverpackt-Laden bereits 250 Filialen im Land. 2007 machte dann Unpackaged in London auf. Das französische Unternehmen Day by Day hat über 30 Filialen. In Italien expandiert Negozio leggero sogar bis in die Schweiz, in Spanien macht das Unternehmen Granel immer mehr Filialen auf. Erst 2014 kam der Trend nach Deutschland, als Jungunternehmerin Milena Glimbovski den ersten Original-Unverpackt-Laden in Berlin eröffnete und diesen auch medial geschickt vermarktete.

Heute existieren in den meisten größeren deutschen Städten Unverpackt-Läden. Eine Einzelhandelskette, die unverpackte Lebensmittel verkauft, hat Deuschland noch nicht. Supermärkte bieten vereinzelt mehr Produkte lose an. Damit sich tatsächlich etwas verändert, braucht es Menschen wie Myriam Carneva, Selcuk Demirkapi und Ulf Sawatzki. "Mein Versprechen mit diesem Laden ist, dass ich die Politik und Wirtschaft direkt verändern kann", sagt Sawatzki. Das sei nur der Anfang. "Es muss irgendwann der Standard sein."

Weitere Informationen

In der kommenden Woche startet der WESER-KURIER einen Selbstversuch: Wie lebt es sich ganz ohne Plastik? Redakteur Max Seidenfaden testet es aus.

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