Traditionsgeschäft Der Bremer Herrenfrisörsalon Joachim Riegel schließt nach fast 50 Jahren

Seit fast 50 Jahren steht Joachim Riegel von Dienstag bis Sonnabend um sechs Uhr morgens auf, öffnet um acht den Laden, ist bis 19 Uhr da. Doch damit ist Schluss: Ende März schließt der Salon für immer.
26.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Katharina Frohne

Seit fast 50 Jahren steht Joachim Riegel von Dienstag bis Sonnabend um sechs Uhr morgens auf, öffnet um acht den Laden, ist bis 19 Uhr da. Doch damit ist Schluss: Ende März schließt der Salon für immer.

Mit schnellen, fließenden Bewegungen wiegt er sich hin und her, kämmt Haarsträhnen in die Höhe, lässt die Schere heranfliegen, schneidet ab, wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel. Kämmt weiter, tanzt weiter.

Schnell und trotzdem präzise zu arbeiten, das brauche eben Übung, sagt Joachim Riegel. Und Übung hat er. 57 Jahre, um genau zu sein. 1960 begann er eine Lehre bei Friseurmeister Fritz Trier am ehemaligen Zentralbad, neun Jahre später gründete er seinen Herrenfriseursalon in der Marktstraße, gleich neben der Baumwollbörse. Den führt er bis heute. Seit fast fünf Jahrzehnten steht er von Dienstag bis Sonnabend um sechs Uhr morgens auf, öffnet um acht den Laden, ist bis 19 Uhr da. Doch damit ist es bald vorbei. Ende März schließt Joachim Riegel seinen Salon für immer. Er geht in Ruhestand.

Ein schwerer Schritt für den Friseurmeister. „Wir haben lange nach einem Nachfolger gesucht“, sagt Joachim Riegel – nach jemandem, dem er den schönen Salon mit den Wänden aus Mahagoniholz, den grünen Marmorablagen unter den Spiegeln und den edlen Lederstühlen vermachen könnte. Doch es fand sich niemand. Und so machte er weiter. Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre. „Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen“, sagt Riegel. Mit seinen 73 Jahren ist er reif für den Ruhestand, will noch ein Leben nach der Arbeit leben. Ausspannen, lange vernachlässigte Hobbys pflegen, reisen. Auf Norderney haben seine Frau und er eine Ferienwohnung, dorthin geht es als erstes.

Viel Geld in den Umbau gesteckt

150.000 Mark steckte Riegel 1977 in den Umbau des Ladeninneren. Hochwertig sollte die Einrichtung sein – und lange halten: „Das war damals für die Ewigkeit gedacht.“ Das Bedürfnis, seinen Laden denen anderer Betreiber anzupassen, ihn moderner zu machen, hatte er nie. „Warum etwas ändern, das gut ist?“, fragt Joachim Riegel. Und: „Bei uns hat alles Tradition.“ Für viele seiner heutigen Gäste ist er ein Friseur wie früher. Einer, der noch Rasuren anbietet, der Baumwoll- statt Kunststoffumhänge benutzt und seinen Gästen die Tür aufhält. Und dessen Lieblingsföhn 30 Jahre alt ist.

Inzwischen steht fest, wie es weitergehen wird mit Riegels Salon. Luca Rizzo, der schon ein Friseurgeschäft in der Böttcherstraße betreibt, wird einen zweiten Laden eröffnen. Er setzt damit eine lange Tradition fort: In der 115-jährigen Geschichte des Hauses war die Ladenfläche immer an Friseure vermietet. 1902 zog Friseurmeister F.A.C.H. Schwärzel ein, 1919 übernahm Johannes Müller, der den Salon nach 50 Jahren an Joachim Riegel übergab. Und nun

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also Luca Rizzo. Vier bis sechs Wochen sollen die Umbauarbeiten dauern.

Dann wird nichts von Joachim Riegels Traditionsgeschäft übrig sein. „Sehr schade“, findet auch Riegels Frau Marlies. „Wir haben sehr viel Liebe reingesteckt.“ Auch sie ist Friseurmeisterin, ihren Mann lernte sie auf der Meisterschule in Oldenburg kennen. Doch so ganz wird das Geschäft nicht verschwinden. Für die Inneneinrichtung hat sich ein Käufer gefunden, der sie in einen neuen Salon einbauen will. „Wahrscheinlich in Frankfurt“, erzählt Joachim Riegel. Ein beruhigender Gedanke, findet er. Und zumindest „ein kleiner Trost“.

„Sehr bedauerlich“, findet es auch Hanspeter Stabenau, dass Joachim Riegel seinen Laden schließen wird. Während der Friseurmeister um ihn herumwirbelt, ruht der Blick des 82-Jährigen entspannt auf seinem Spiegelbild. Er bekommt heute „das Gleiche wie immer“: Waschen und Schneiden, für 25 Euro. Hanspeter Stabenau ist Stammgast, seit 50 Jahren hält er Riegel die Treue. Früher überzeugte ihn der kurze Weg: Von 1965 bis 1999 leitete er die Deutsche Außenhandels- und Verkehrs-Akademie direkt gegenüber. Heute kommt er aus Schwachhausen in die Innenstadt. Einmal im Monat, damals wie heute.

Bremer Persönlichkeiten kommen in Salon

Während Riegel ihm die Haare schneidet, reden sie über aktuelle Politik und geplante Nordseeurlaube, über das Wetter und das Leben. Manchmal schweigen sie auch – und Hanspeter Stabenau schließt für ein paar Sekunden die Augen. Fast alle seiner Kunden seien Stammgäste, sagt Joachim Riegel. Viele von ihnen kennt er seit Jahrzehnten. „Unser ältester Kunde ist 95, unser jüngster ein Jahr alt“, sagt er. Die unterschiedlichsten Menschen kommen zu ihm in den Salon, das sei schon immer so gewesen. Geschäftsleute, Arbeiter, Junge, Alte.

Und schon immer zählten auch bekannte Bremer Persönlichkeiten zu seinen Kunden. In seinen Lehrjahren schnitt er dem Autofabrikanten Carl Borgward die Haare, später frisierte er den Verleger Carl Schünemann und den Schriftsteller Heinrich Schmidt-Barrien. Sogar Bremens Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Kaisen kam zu ihm in den Salon. Wie der so war? „Herr Kaisen hatte einen trockenen Bremer Humor“, sagt Joachim Riegel. Und er war ein Mann weniger Worte, „kein Schwätzer“. Joachim Riegel wüsste noch mehr zu berichten über seine prominenten Bremer Kunden. Doch es zählt zu seinen Prinzipien, ihm Anvertrautes für sich zu behalten. Diskretion ist ihm wichtig. Was man ihm erzähle, sagt Joachim Riegel, das sei bei ihm sicher.

Mit einem Föhn trocknet er Hanspeter Stabenaus Haare, entfernt mit einem Pinsel letzte Haarreste, nimmt das Handtuch von den Schultern seines Kunden. Begleitet ihn zur Garderobe, hilft ihm in den Mantel. Im Vorraum des Salons bleiben die beiden stehen. Für Hanspeter Stabenau war es der letzte Besuch; wann sie einander wiedersehen, wissen sie noch nicht. Stabenau reicht seinem langjährigen Friseur die Hand. Der umfasst sie mit beiden Händen. „Tschüss, mein alter Freund“, sagt Stabenau. Dann geht er.

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