Ein langer Weg in die Zukunft Der Hybrid-TV-Standard HbbTV bringt Internet und Fernsehen zusammen. Doch bislang fehlen die Geräte.

HbbTV ist zwar in aller Munde, aber noch längst nicht in allen Geräten: Bis auf einige Ausnahmen warten die Hersteller noch ab, bis sie den Hybrid-TV-Standard in ihre Produkte implementieren.
13.11.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Andreas Fischer

HbbTV ist zwar in aller Munde, aber noch längst nicht in allen Geräten: Bis auf einige Ausnahmen warten die Hersteller noch ab, bis sie den Hybrid-TV-Standard in ihre Produkte implementieren.

Leicht hat es die gute alte Flimmerkiste im Moment nicht. Auch wenn der Fernseher noch immer das beliebteste Unterhaltungsgerät ist: Als Leitmedium hat sich im neuen Millennium das Internet etabliert. Was liegt also näher, als beide Konkurrenten zusammenzubringen? Dem hybriden Fernsehen gehört die Zukunft. Und zwar sofort - hätte man im September meinen können: Auf der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin im September war der Begriff HbbTV fast noch gegenwärtiger als das bereits allgegenwärtige 3D. Einfacher Zugriff auf die Mediatheken der Sender, Programm ergänzende Internetangebote per "Red Button" auf der Fernbedienung, ein multimediales Videotextangebot, offenes Internet - alles auf dem Fernsehbildschirm ... Doch die Zukunft lässt noch auf sich warten.

HbbTV funktioniert ähnlich wie der Videotext: Ein entsprechender Impuls wird mit dem digitalen Rundfunksignal ausgeliefert, sodass im Hintergrund Daten geladen werden können. Per DSL-Leitung, entweder Fernseher oder Receiver müssen ans Breitband-Internet angeschlossen sein, wird dann auf die senderspezifischen Informationen zugegriffen: auf dem Bildschirm und gesteuert mit der Fernbedienung.

Die "Sportschau" könnte durch Grafiken und Statistiken aus Internetdatenbanken aufgepeppt, Spielfilme könnten von Live-Newstickern begleitet werden. Das geschieht mit Hilfe von CE-HTML, einer Abwandlung des Internetstandards HTML der für Unterhaltungselektronik (Consumer Electronics) optimiert wurde. Hybrid-TV dürfte aber vor allem für die Nutzer der Mediatheken interessant sein. Versäumte Sendungen lassen sich jetzt auf dem normalen Fernseher ansehen. Wer die "Tagesschau" verpasst hat, weil er das Kind ins Bett brachte, muss nicht mehr extra den Rechner hochfahren.

"Wir gehen davon aus, dass sich HbbTV durchsetzen wird", sagt Thomas Schierbaum vom Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT). Dort wurde der Standard, in Zusammenarbeit mit etwa 60 Geräteherstellern, Sendern und Software-Firmen, entwickelt und im Juni 2010 verabschiedet. Mit den verbindlichen und einheitlichen Richtlinien endete, zumindest theoretisch, eine Zeit der Ungewissheit.

Die Vorteile liegen auf der Hand: "Jeder Hersteller, jeder Sender, kann HbbTV nutzen. Anwendungen für das hybride Fernsehen müssen nur noch einmal entwickelt werden - sie laufen dann auf allen HbbTV-Geräten", erklärt Schierbaum. Der Standard ist zudem offen, kann also weiterentwickelt werden, und eine Lizenzgebühr wird auch nicht fällig. Bei all den Vorteilen müssten die Hersteller, die bislang ihr eigenes Hybrid-Süppchen kochten, dankbar auf den HbbTV-Zug aufspringen: Im Handel erhältlich sind bislang allerdings nur Digitalreceiver von Humax, Videoweb, Volksbox und Smart.

In den Fernsehgeräten hingegen ist HbbTV noch nicht in vollem Funktionsumfang angekommen. Der Mittelstand, der laut Schierbaum "voll auf HbbTV setzt", arbeitet zumindest bereits an der Implementierung des Standards in seine Geräte. Das fränkische Traditionsunternehmen Metz plant, im nächsten Jahr erste Geräte auf den Markt zu bringen. Dass es eine Weile dauert, bis sich ein neuer Standard durchsetzt, ist für Firmensprecher Thomas Hey ein natürlicher Vorgang. "Bei HDTV war das nicht anders. 2003 wurde damit begonnen, ab 2005 gab es erste Sendungen, und erst heute wird es langsam Standard."

Premiumanbieter Loewe geht einen anderen Weg: Die Fernsehgeräte (Connect-Line und Art-Line) des ebenfalls in Franken ansässigen Unternehmens sind bereits internetfähig und sollen, so versprach Pressesprecher Dr. Roland Raithel, spätestens zum Jahreswechsel per Software-Update HbbTV-tauglich gemacht werden. Am weitesten ist Philips: Die Niederländer haben mit ihrem NetTV, das dann auch quasi als Basis für HbbTV diente, früh die Bedeutung von hybridem Fernsehen erkannt. Alle mit NetTV ausgestatteten Philips-Geräte ab dem Produktionsjahrgang 2009 sind prinzipiell HbbTV-fähig. "Der Funktionsumfang wird kontinuierlich erweitert", sagte Pressesprecher Georg Wilde.

Die ganz großen, die Global Player, sind etwas zurückhaltender. Samsung hat in sein Hybrid-Angebot "Internet @ TV" gerade Yahoos "Connected TV" integriert, Panasonic setzt mit Viera Cast auf ein eigenes proprietäres, also vorinstalliertes und geschlossenes System. LG und Toshiba kündigten erste HbbTV-Geräte für das nächste Jahr an, ohne konkret zu werden. Bei Sony gab man sich offen reserviert. "Abwarten" ist dort die Devise - und das kann einem weltweit operierenden Unternehmen, das im Moment auf Google TV setzt und erste Geräte in den USA vorgestellt hat, gar nicht einmal verübelt werden.

HbbTV ist bislang "nur" ein europäischer Standard mit Deutschland als Vorreiter und erstem Land mit HbbTV-Regelbetrieb. Frankreich soll im Frühjahr 2011 folgen. Wie es weiter geht, steht in den Sternen. Es wird also darauf ankommen, wie schnell HbbTV von den Konsumenten akzeptiert wird - wobei sich die Katze natürlich in den Schwanz beißt. Wenn es kaum Geräte gibt, kann die Akzeptanz nur langsam wachsen. Eine Schlüsselrolle wird wohl den Sendern zukommen, die entsprechende Inhalte bereitstellen müssen.

Dass die Fernsehanstalten, neben den Öffentlich-rechtlichen, haben auch die RTL-Gruppe und ProSiebenSat1 erste Applikationen entwickelt, auf HbbTV setzen, scheint angesichts der drohenden Konkurrenz von proprietären Diensten wie Google TV logisch. Der Internetriese drängt mit Macht auf den Fernsehmarkt, will sich dort einen Teil des Werbekuchens sichern. Das könnte mit einem einfachen technischen Trick klappen, wie IRT-Sprecher Thomas Schierbaum erklärt: "Bei proprietären Hybrid-Systemen können sich zwei Inhalte überlagern: So lässt sich zum Beispiel Bandenwerbung bei Fußballspielen mit Internetlayern überblenden." Das wäre zwar eine parasitäre Nutzung von Hybrid-TV in einem noch nicht genauer definiertem Bereich der Legalität, aber ausgeschlossen werden kann sie nicht. HbbTV jedenfalls lässt sie nicht zu.

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