Amaya Lubeigt und Wilfried van Poppel bringen mit Kindern aus Bremen-Nord ein Tanztheaterstück auf die Bühne Perspektive zeigen

Sie sehen sich als Tänzer, nicht als Pädagogen. Amaya Lubeigt und Wilfried van Poppel erarbeiten mit Kindern und Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten ein Tanztheaterstück, in dem es um Perspektiven geht. Eine Woche lang haben sie im Vegesacker Kulturbahnhof geprobt.
20.10.2013, 00:00
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Von Maike Schlaht

Sie sehen sich als Tänzer, nicht als Pädagogen. Amaya Lubeigt und Wilfried van Poppel erarbeiten mit Kindern und Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten ein Tanztheaterstück, in dem es um Perspektiven geht. Eine Woche lang haben sie im Vegesacker Kulturbahnhof geprobt.

Der rechte Arm schreibt einen Kreis in die Luft, das rechte Bein hebt sich ausgestreckt zur Seite. Warming-up im Vegesacker Kulturbahnhof. Wilfried van Poppel macht es vor, 42 Kinder zwischen sechs und 19 Jahren machen es nach. Die Mädchen und Jungen stehen auf dem schwarzen Tanzboden, den der Choreograf in den Kulturbahnhof mitgebracht hat. Konzentration. Die Bewegungen fließen.

„Wow, das klappt!“, ruft Amaya Lubeigt, die wie ihr Partner mehrere Jahre in der Compagnie des Bremer Theaters getanzt hat. „Ballettabteilung, erste Position“, sagt van Poppel und grinst. 2003 gründete er den Verein „De Loopers“, mit dem er Tanztheaterstücke für ein junges Publikum produziert. Seit 2009 bietet er die Herbsttanzakademie für Kinder und Jugendliche an, Träger ist das Kulturbüro. Was mit 25 Kindern anfing, ist Jahr für Jahr gewachsen.

Dann geht es weiter, die nächste Übung. „Sieben, acht, und... wababa, fliegen!“ Zwei Stunden dauert das Aufwärmtraining. Ein paar der kleineren Kinder sitzen auf der Zuschauertribüne und ruhen sich aus. Die achtjährige Lara wohnt in der Grohner Düne, genau gegenüber. Sie tanzt zum ersten Mal. Ob sie sich die Schritte merken kann? Lara schüttelt den Kopf.

Kinder aus allen Schichten, mit und ohne Handicap, stehen im Scheinwerferlicht des Kulturbahnhofs, auch eine Austauschschülerin aus Australien. „Wir wissen nicht, welches Kind woher kommt“, sagt Amaya Lubeigt, die aus Spanien stammt. „Das möchten wir auch nicht wissen“, fügt ihr Mann hinzu. „Man sucht in jedem Kind das Schöne.“ Manche der jungen Teilnehmer haben Balletterfahrung, viele jedoch noch nie getanzt.

Aljoscha Thiel, einer der wenigen Jungen, ist schon zum zweiten Mal dabei. Der Achtjährige aus Leuchtenburg, der sonst schwimmt und reitet, hat im vergangenen Jahr das Tanzen für sich entdeckt. Sehr schüchtern sei er damals noch gewesen, erzählt Sonja Könnecke, die das Projekt leitet und eine wichtige Ansprechpartnerin für die Kinder ist. Bei der Aufführung im Bremer Goethetheater Anfang des Jahres sei Aljoscha ganz schnell auf die Bühne gerannt. „Ich wollte nicht, dass die mich sehen“, sagt der blonde Junge, der jetzt überhaupt nicht mehr schüchtern wirkt.

Amaya Lubeigt und Wilfried van Poppel ist nicht nur wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen mit dem Tanztheater in Kontakt kommen – „wir möchten, dass sie mit sich selbst, mit ihrem Körper in Kontakt kommen“. Im Sport gehe es oft um Konkurrenz, sagt Lubeigt, „beim Tanzen geht es darum, zusammen zu wachsen“. Für die 50-jährige Tänzerin ist es ein Luxus, mit den Kindern zu arbeiten. „Wir lieben es“, sagt sie, und ihre dunklen Augen strahlen. „Wenn Menschen zusammen tanzen können, können Menschen zusammen leben“ – so lautet das Motto der beiden Tänzer.

Eine Woche lang proben sie mit der Gruppe im Kulturbahnhof. In der ersten Woche der Herbstferien haben sie das Stück mit einer Gruppe in Osterholz-Tenever einstudiert. Ende des Monats werden beide Workshopgruppen dann zusammengeführt. Für van Poppel ist es Luxus, „dass so viele Leute meine Idee auf die Bühne bringen“. Sein Vorbild ist der britische Choreograf Royston Maldoom, der weltweit Tanzprojekte für jedermann leitet und in Deutschland durch den Film „Rhythm is it“ bekannt wurde. „Er hat mich infiziert“, sagt der 55-jährige van Poppel. Einige Teile der Choreografie hat sich der Niederländer ausgedacht, andere entwickeln die Teilnehmer der Herbsttanzakademie selber. „Perspektiven“ heißt das Thema, mit dem sie sich beschäftigen. Sie hatten Besuch von Unicef und haben sich Bilder in der Bremer Kunsthalle angeschaut.

„Man kann hier seine Kreativität ausleben“, sagt Angelique Brau. Die 14-Jährige aus St. Magnus sitzt während der Pause mit anderen Mädchen auf dem Boden. Auch die 17-jährige Kristine Emde aus Delmenhorst hat Gefallen am Tanzen gefunden. „Es ist toll, durch Bewegung etwas auszudrücken – Emotionen, Gefühle.“ Und mit Amaya sei das Training ganz locker und frei. „Man kann anderen zeigen, wie es einem geht“, erklärt die 13-jährige Sarah Wudick. Am 12. Januar werden sie das gemeinsam Geschaffene in einer Aufführung im Theater am Goetheplatz präsentieren. Aljoscha wird dann vermutlich nicht ganz so aufgeregt sein wie beim ersten Mal.

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