Film der Woche: Tim Burton erzählt in seinem Kinomärchen „Big Eyes“ das Leben der Malerin Margaret Keane

Sind so große Augen

Bremen. Die Geschichte von Margaret Keane ist durchaus tragisch: In den 1950er-Jahren verlässt sie ihren ersten Ehemann, flieht mit ihrer Tochter Jane aus der Provinz nach San Francisco. Dort will die blonde, verträumt wirkende Frau neu durchstarten.
23.04.2015, 00:00
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Sind so große Augen
Von Iris Hetscher

Die Geschichte von Margaret Keane ist durchaus tragisch: In den 1950er-Jahren verlässt sie ihren ersten Ehemann, flieht mit ihrer Tochter Jane aus der Provinz nach San Francisco. Dort will die blonde, verträumt wirkende Frau neu durchstarten. Das aber ist in den 1950er-Jahren als allein Erziehende schwer: „Weiß ihr Mann, dass sie arbeiten wollen?“ fragt ein Personalchef sie beim Vorstellungsgespräch mit bedrohlichem Unterton. Als Margaret ihm antwortet, sie lebe getrennt, schaut er sie an, als ginge sie auf den Strich.

So beginnt Tim Burtons neuer Film „Big Eyes“ (Große Augen), der auf der wahren Geschichte der Malerin Margaret Keane fußt. Keane ist heute für ihre Bilder von verloren wirkenden Kindern mit übergroßen Augen bekannt – mehr Kitsch als Kunst, aber millionenfach als Poster-, Tassen-, Tellermotiv verkauft. Ihr Ruhm währt jedoch noch nicht lange, bis in die 70er-Jahre galt ihr zweiter Ehemann als Schöpfer ihres Werks. Margaret begegnet ihm in den 1950ern in San Francisco – und ist in ihrer Verletzlichkeit und Naivität leichte Beute. Walter Keane ist ein charmanter Hallodri, ein Lügner, ein Betrüger und vor allem ein Marketinggenie. Selbst talentlos, gibt er Margarets Bilder schon bald als seine aus und verdient damit ein Vermögen, was ihn noch großspuriger auftreten lässt.

Aus heutiger Perspektive ist es beinahe unerträglich mitanzusehen, wie Margaret sich wie eine Sklavin in einer Dachkammer abrackert und noch die größte Zumutung klaglos hinnimmt. Nicht einmal ihre Tochter darf wissen, dass sie die unzähligen Bilder malt und nicht Walter. Diese Geschichte hätte bei einem anderen Regisseur zu einem Melodrama oder zu einem Film mit deutlich frauenpolitischen Untertönen getaugt.

Doch

Tim Burton („Mars attacks“, „Sleepy Hollow“, „Alice im Wunderland“) macht, wie sollte es anders sein, daraus eines seiner schrägen Märchen, das einen oft das Gruseln, manchmal aber auch das Lachen lehrt. Burton hat dafür zu einer Palette mit oft unwirklich leuchtenden Farbtönen gegriffen. Margaret Keane fährt ein türkisfarbenes Auto, ihr Kleid leuchtet rot, der Rasen im Park lockt mit einem unnatürlich giftigen Grün. Im Gegensatz dazu stehen Margarets verschattete Bilder, auf denen die Kinder dunkle Augen haben, die groß wie Suppenteller sind – und in denen sich die tiefe Traurigkeit dieser Frau spiegelt. Doch nicht nur optisch inszeniert Burton gewohnt schrill Gegensätze – auch seine Hauptdarsteller hat er als Antipoden angelegt. Amy Adams spielt Margaret Keane mit aschenputtelhafter Stummheit, ab und an wirkt sie beinahe wie paralysiert.

Diese Introvertiertheit lässt Christoph Waltz als Walter reichlich Platz, sich zu spreizen – dabei gerät er mehr als einmal kurz vor den magischen Punkt, an dem eine überzeichnete Figur vollends in die Karikatur abrutscht. Dann zeigt Waltz sein sardonisches Grinsen, hinter dem, wie man spätestens seit Polanskis „Gott des Gemetzels“ weiß, stets der Ausbruch unterschwelliger Aggressivität lauert. Mit „Big Eyes“ erzählt Tim Burton nach seiner Hommage an den Trashfilm-Regisseur Ed Wood (1994) zum zweiten Mal vom Leben eines verkannten und verlachten Künstlers. Genauso wie Ed Wood, der in den 1950er-Jahren für Filme wie „Die Rache des Würgers“ oder „Plan 9 aus dem Weltall“ verantwortlich war, zweifelt Margaret Keane selbst aber keinen Augenblick lang an ihrer Kunst – auch nicht, als diese von Kritikern und Galeristen verhöhnt wird.

In diesen Momenten kommt eine weitere Stärke des Regisseurs Tim Burton zum Tragen: Sein Mitgefühl für alle, die nicht der angeblichen Norm entsprechen. In diesen Momenten ist der Film auf einmal gar nicht mehr schrill, sondern still und ganz dicht dran an seinen Figuren. Wer genau hinschaut, kann die echte Margaret Keane übrigens als Statistin entdecken: In einer Szene sitzt sie auf einer Parkbank, hält entspannt ein Buch in der Hand. Die 87-Jährige, für die es nach all den Demütigungen in ihrem Leben doch noch ein Happy End gab, malt immer noch jeden Tag ein Bild.

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