Prozess um eskalierten Streit in Stuhrbaum Angespannte Familienverhältnisse

Im Prozess um einen eskalierten Bruderstreit in Stuhrbaum haben am Mittwoch der jüngste Bruder des Trios und die Frau des Angeklagten ausgesagt. Sie schilderten ein angespanntes Verhältnis in der Familie.
10.11.2021, 17:02
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Von Angelika Siepmann

Verden/Stuhr. Weil er versucht haben soll, seinen zwei Jahre jüngeren Bruder zu töten, muss sich ein 66-Jähriger vor dem Landgericht Verden verantworten. Ihm werden darüber hinaus gefährliche Körperverletzung, Brandstiftung und Straßenverkehrsgefährdung zur Last gelegt, begangen am 1. April dieses Jahres in Stuhrbaum. Zum Auftakt des Prozesses hatte der Mann ein weitgehendes Geständnis abgelegt, eine Tötungsabsicht jedoch bestritten. Am zweiten Tag der Hauptverhandlung kamen nun Angehörige des Angeklagten und des – noch nicht anwesenden – Nebenklägers zu Wort und zeichneten das Bild einer Familie, in der es offenbar nicht immer harmonisch zuging.

Dem 66-Jährigen wird vorgeworfen, dem Bruder während eines Streits in dessen Lagerhalle im Gewerbegebiet mit einem langen Holzstab „unvermittelt“ zwei Schläge an den Kopf versetzt zu haben. Nachdem das Opfer in einem Transporter entkommen war, soll der Angeklagte die Halle an der Nikolaus-Otto-Straße mit Benzin in Brand gesetzt und dann dem Bruder nachgefahren sein. Während dieser in der Nähe in seinem Wagen saß und um Hilfe telefonierte, soll der Angeklagte seinen Wagen ungebremst gegen die Fahrerseite des Bullys gelenkt haben. Laut dem am Mittwoch verlesenen Gutachten eines Verkehrssachverständigen stand der Wagen während der Kollision. Das Auto des Angeklagten soll mit einem Tempo von etwa 25 bis 30 Stundenkilometer aufgefahren sein.

Hintergrund der eskalierten Auseinandersetzung waren vermutlich nicht nur Geldstreitigkeiten nach dem Verkauf des alten Autos, das der im Dezember verstorbenen Mutter der Geschwister gehörte. In der Einlassung des 66-Jährigen war bereits angeklungen, dass es in der Vergangenheit auch Zwistigkeiten wegen des wohl nicht ganz freiwilligen Ausscheidens des Angeklagten aus der alteingesessenen Firma der Familie gegeben haben dürfte. Der jüngste der drei Brüder erklärte bei seiner Befragung, er und sein Vater (der vor einigen Jahren verstorbene Firmengründer) hätten 2004 „entschieden“, dass der Angeklagte „gehen muss“.

An Erklärungen für diesen Schritt mangelte es nicht. So habe sein ältester Bruder, der zuletzt als Geschäftsführer wirkte, auch „Probleme“ bereitet, die sich „zum Nachteil der Firma“ ausgewirkt hätten. Der „gerade in Geldangelegenheiten depressive“ Bruder sei „überdurchschnittlich gut“ abgefunden worden, betonte der Zeuge, habe sich seither aber „durch die Bank ungerecht behandelt gefühlt“ und die damalige Entscheidung „nie akzeptiert“ und „verarbeiten“ können.

Man habe aber „zum Schutz des Bestandes“ der Firma gehandelt. Es sei in der „impulsiv geprägten“ Familie auch „verbal eher mal ruppig“ zugegangen, sagte der 58-Jährige weiter. „Verbalen Streit“ habe es immer wieder gegeben – „wie es in einer Unternehmerfamilie auch zu erwarten ist“. Die Ehefrau des Angeklagten formulierte es später noch etwas drastischer: „Die Umgangssprache war sehr derb“, meinte sie. „Empathie war ein Fremdwort in der Familie“. Es habe „kein Miteinander“ gegeben.

Ihr Mann – das Paar lebt seit einigen Jahren räumlich getrennt – sei tatsächlich permanent von Existenzängsten geplagt gewesen. Ein Arzt habe sogar einmal von „Verarmungswahn“ gesprochen. Der Angeklagte sei „hochgradig depressiv“ und auch sonst gesundheitlich mehrfach beeinträchtigt. Als aufbrausend und impulsiv habe sie ihn durchaus erlebt, aber niemals als „körperlich aggressiv“, sagte die 68-Jährige. Umso weniger habe sie fassen können, was sich am Gründonnerstag abgespielt haben soll. „Ich dachte erst an einen Aprilscherz“, so die Zeugin.

Der Prozess wird am 15. November fortgesetzt.

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