Brexit-Flüchtling in Kirchweyhe „Das ist nicht mehr mein Land“

Rund 38 Jahre lebte der gebürtige Bremer Günther Schwarz in Großbritannien. Aufgrund des Brexits hat er das Land verlassen und wohnt nun in Kirchweyhe.
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„Das ist nicht mehr mein Land“
Von Eike Wienbarg

Günther Schwarz sitzt auf seinem Sofa in seiner neuen Wohnung in Kirchweyhe. Zum Gespräch hat er extra ein T-Shirt mit einer unmissverständlichen Botschaft angezogen. „Stop Brexit“ steht dort in großen Lettern auf einem roten Alarmknopf. Auf dem Tisch vor ihm liegen zahlreiche Bücher zum gleichen Thema. Bis vor wenigen Monaten war noch die englische Stadt Newbury das Zuhause von Schwarz. Aufgrund des Brexits, also dem Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union, hat er das Land aber nach 38 Jahren verlassen. In der Gemeinde Weyhe hat der gebürtige Bremer und Brexit-Flüchtling nun eine neue Bleibe gefunden.

„Das ist nicht mehr mein Land“, sagt Günther Schwarz klar zu seinen Beweggründen, Großbritannien den Rücken zu kehren. Zu viel habe sich in den vergangenen Jahren geändert, berichtet er weiter. Im Jahr 1981 war Schwarz von Bremen nach Großbritannien gezogen. Zuvor hatte er in der Hansestadt eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker absolviert und später an der Universität Bremen Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt politische Bildung studiert. An der Volkshochschule (VHS) bereitete er dann Schüler auf den Hauptschulabschluss vor. In dieser Zeit lernte er auch eine Freundin kennen. „Wir wollten nochmal etwas Verrücktes machen“, erinnert sich Schwarz zurück. Daher erwogen sie den Schritt ins Ausland. „Ich sprach besser Französisch als Englisch, sie sprach perfekt Englisch“, erzählt der heute 71-Jährige. So entschieden sich beide für Großbritannien. Geplant war eigentlich nur eine begrenzte Zeit dort. „Daraus wurden dann 38 Jahre“, sagt Schwarz schmunzelnd.

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Auch wenn die Verbindung nicht hielt, blieb Günther Schwarz in England. In der Stadt Newbury, die in der Nähe zur englischen Hauptstadt London und zur bekannten Universitätsstadt Oxford liegt, arbeitete er in einem Bürgerhaus, einer Art Mehr-Generationen-Haus mit Aktionen und Angeboten für alle Altersstufen, berichtet er. 18 Jahre lang war er dort verantwortlich. Auch ein Haus kaufte er sich in Newbury.

Nach seiner vorzeitigen Pensionierung reiste Schwarz mit einem Wohnmobil durch Europa. „Ab 2015 ging es dann los mit der Brexit-Geschichte“, erinnert sich der Rentner an die folgenschweren Entwicklungen, die in den nächsten Jahren die Europäische Union erschüttern sollten. „Ich bin ein überzeugter Europäer, habe Freunde in vielen europäischen Ländern. Es war undenkbar, dass England aus der EU gehen würde“, sagt Schwarz rückblickend. Rund 3,5 Millionen EU-Bürger leben nach seinen Angaben in Großbritannien, 1,5 Millionen Briten in den übrigen EU-Staaten.

Mit Votum für den Brexit nicht gerechnet

In Newbury war Schwarz an der Gründung einer Anti-Brexit-Bewegung beteiligt. Diese warb mit Büchertischen, Veranstaltungen und Demonstrationen für einen Verbleib in der EU. Als die Briten dann im Jahr 2016 bei einem Referendum knapp für einen Austritt stimmten, kam für Günther Schwarz, der seit 1987 eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien hat, der Schock. „Jetzt reicht's“, habe er gedacht. Das Referendum sei eigentlich nur eine Vorkehrung des damaligen britischen Premierministers David Cameron gewesen, um die europakritischen Kräfte in seiner Partei zufriedenzustellen. Mit einem Votum für den Brexit habe auch Cameron nicht gerechnet. „Das ist in die Hose gegangen“, sagt Schwarz.

Das Misstrauen eines Teils der britischen Bevölkerung gegenüber der EU sitzt laut Günther Schwarz tief. Das habe schon in den 1960er-Jahren angefangen, als der Beitritt der Briten zur Europäischen Gemeinschaft, sozusagen der Vorläuferin der EU, zweimal am Veto Frankreichs scheiterte. „Da war der Schaden schon angerichtet, England fühlte sich gedemütigt“, sagt Schwarz. Erst 1973 kamen die Briten dann dazu.

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Gleichzeitig habe ein Großteil der Medien, die in der Hand weniger Verleger liegen, immer wieder gegen die EU gewettert und damit die ablehnende Haltung gefördert. Teilweise auch mit Falschbehauptungen, sagt Schwarz. Pro-europäische Inhalte kamen kaum vor. Während auf dem Festland an vielen Gebäuden die EU-Flagge weht und Plaketten von einer Förderung von Projekten durch die EU zeugen, sei dies in Großbritannien nicht der Fall. Auch wenn das Land genau wie alle anderen von Fördergeldern der EU profitierte, sagt Schwarz. „Als wenn es sie gar nicht gibt“, sagt der 71-Jährige. Selbst Mitglieder der sozialdemokratischen Labour-Party, in die Günther Schwarz 2014 eintrat, hätten teilweise nichts von den Vorteilen durch die EU gewusst. „Keiner konnte etwas dazu sagen, die hatten null Ahnung“, berichtet Schwarz von Parteitreffen. Mit Argumenten versuchte er, sie zu überzeugen.

Viele hätten sich ebenfalls keine Vorstellungen davon gemacht, was ein Austritt aus der EU für das Land wirklich bedeutet, sagt Schwarz weiter. So kommen 60 Prozent der Lebensmittel dort aus anderen EU-Ländern. Die Preise vor Ort seien jetzt schon angestiegen, einige Händler würden bereits Warnungen vor Versorgungsengpässen aussprechen, berichtet er. Gleiches gelte für die Versorgung mit Medikamenten. Autobauer hätten Produktionen eingestellt, Fluggesellschaften und EU-Einrichtungen verlagern ihre Hauptsitze aufs Festland, Erntehelfer kommen nicht mehr ins Land und auch der Flugzeugbauer Airbus, der als explizit europäisches Projekt aufgestellt ist, kommt in die Bredouille, zählt Schwarz auf.

Abstieg zu einem Billiglohnland

Bis heute gibt es kein Abkommen, wie die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien geregelt seien könnten. Die aktuellen Gespräche werden immer wieder durch die Corona-Pandemie unterbrochen, berichtet Schwarz. „Was passiert, wenn es keinen Deal gibt?“, fragt er und drückt damit auch die Verunsicherung bei vielen anderen aus. Er befürchtet, dass Großbritannien zu einem Billiglohnland absteigen könnte. Auch Menschen, die seit Jahren schon in dem Land leben, müssten sich nun neu um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern, teilweise herrsche bei ihnen Panik, dass sie ausgewiesen werden könnten, berichtet Schwarz.

Ein Leben lang habe er vor Ort gearbeitet, sich auch ehrenamtlich in seiner neuen Heimat engagiert, sagt er weiter. Trotzdem habe sich die Stimmung verändert. Angestachelt von rechten Medien und der Partei UKIP um ihren damaligen Vorsitzenden Nigel Farage, die den Brexit-Gedanken vorantrieb, kam es zu Hetze gegen Ausländer, sagt der Brexit-Gegner Schwarz. „Wir wurden auf der Straße und an Büchertischen brutal mit Worten angegriffen“, berichtet er. Trauriger Höhepunkt war dann die Ermordung der Labour-Partei-Abgeordneten Jo Cox, die von einem Brexit-Befürworter nach einer Bürgersprechstunde im Vorfeld des Referendums getötet wurde, erzählt Schwarz. Auch seien Geschäfte, die von EU-Bürgern betrieben wurden, angegriffen worden. „Die Sicherheitslage wurde immer bedrohlicher“, berichtet Schwarz. So verfestigte sich der Entschluss, zurück nach Deutschland zu ziehen.

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In Kirchweyhe fand Schwarz eine Wohnung. „Ich bin jetzt dabei, mich hier einzuleben“, sagt er. Auch vor Ort engagiert er sich ehrenamtlich. Schwarz fährt für den Bürgerbus und hilft beim Reparatur-Café in der Alten Wache. Bei der Europa-Union im Landkreis Diepholz berichtete er von seinen Erfahrungen in Großbritannien. Immer mal wieder kehrt er zurück, um nach seinem Haus und seinen Mietern zu sehen oder um Freunde zu treffen.

Schwarz hat aber auch die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Großbritannien irgendwann wieder in den Kreis der EU zurückkehren könnte. „Für die nächsten fünf bis zehn Jahre wird das so bleiben. Aber es gibt jetzt schon eine große Kampagne für eine EU-Rückkehr“, sagt er. Nach letzten Meinungsumfragen halten 70 Prozent der Briten den Brexit für einen Riesenfehler, berichtet Schwarz, der die Entwicklungen auch weiterhin im Auge behalten möchte.

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