Gülleausbringung Wie viel Gülle verträgt das Land?

Anwohner einer Straße glauben, dass eine Fläche regelmäßig überdüngt wird. Die Landwirtschaftskammer kann nach eigener Aussage keinen Verstoß nachweisen. Die Zweifel der Anwohner sind damit nicht zerstreut.
28.05.2019, 17:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter von Döllen

Hambergen. Es ist wohl eher Zufall, dass die Anwohner der Straße Am Wasserwerk in Hambergen gerade am Tag eines geplanten Gesprächs mit Politikern und Vertretern der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Post vom Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium bekamen. Darin wird eine Beschwerde gegen den Prüfdienst der Landwirtschaftskammer abgelehnt. Es ist symbolisch für ihre gefühlte Machtlosigkeit. Denn passend dazu hatten auch die erwarteten Gesprächspartner ihr Kommen abgesagt.

Eigentlich wollten sich die Bürger mit Birgit Blum aussprechen. Sie ist bei der Landwirtschaftskammer Leiterin für Kontrolle und Überwachung / Düngung, Pflanzenschutz und Saatgut. Der Landtagsabgeordnete Oliver Lottke (SPD) wollte vermitteln. Aber daraus wurde nun nichts. Sie sei nicht befugt, an öffentlichen Terminen teilzunehmen, teilte Birgit Blum auf Anfrage mit. Im Vorfeld sei von einem öffentlichen Teilnehmerfeld nicht die Rede gewesen, weist sie hin. Auf diese Öffentlichkeit hatten die Anwohner aber bestanden. Und so sahen auch Oliver Lottke und der Samtgemeindebürgermeister Reinhard Kock keinen Grund mehr, zu dem Ortstermin – ohne Kammer-Vertreterin – zu kommen.

So saßen die Betroffenen allein zusammen und sahen ihre Felle davon schwimmen. Sie haben ihrer Meinung nach keine ausreichende Auskunft erhalten, wie viel Gülle ein bestimmter Landwirt auf eine etwa zehn Hektar große Fläche ausgebracht hat. Seit Herbst 2017 sammeln sie dazu Informationen und haben ein Dossier erstellt. E-Mail-Verkehr und Telefonate haben sie aufgelistet. Und sie haben die Transporte gezählt.

13-mal an einem Tag gegüllt

13 Ausbringungen auf die zehn Hektar haben sie beispielsweise am 7. März 2018 gezählt. Die Fahrzeuge fassten ihren Schätzungen nach 25 000 bis 28 000 Liter. Sie rechnen vor: Bei 13 Fahrten seien rund 364 000 Liter Gülle auf die Fläche gekommen, also 364 Kubikmeter. Dass da etwas nicht stimmen könne, ist für sie Fakt. Doch die Landwirtschaftskammer habe sie immer wieder hingehalten und verwirrende Auskünfte erteilt. Für deren Prüfdienst sei an der Ausbringung nichts zu beanstanden.

Die Lage ist inzwischen kompliziert und kann kaum noch zufriedenstellend entwirrt werden. Trotzdem, Birgit Blum bleibt auf Nachfrage der Redaktion dabei: Es hat sich bei der Prüfung keine Überdüngung ergeben. Das Amt hatte demnach eine erfahrene Prüferin nach Hambergen geschickt. Sie konnte die Ausbringung von Gülle feststellen. „Bodenproben waren in diesem Fall aber nicht zielführend“, erklärt Blum. Bei Grünflächen und bestellten Äckern könne durch eine Probe in der Regel nicht nachgewiesen werden, welche Menge, mit welchen Stoffen wann ausgebracht wurde. In dem Boden gebe es eine hohe Aktivität, die den Gehalt an Stoffen ständig beeinflusse. Heißt: Es kann der Stickstoffgehalt bestimmt werden. Wie er dort hinkommt aber nicht.

Die Gülle wurde am besagten Tag bodennah durch einen Schleppschlauch ausgebracht und nicht eingearbeitet. Die Ausbringungsmenge solcher Anlagen ist laut Blum aber begrenzt, eine doppelte Ausbringung konnte durch die Prüferin nicht festgestellt werden. „Das kann ein erfahrener Prüfer sehen“, erläutert Blum. Das gehe zwar nicht auf fünf Kubikmeter genau. Eine so große Menge, wie vermutet wäre aber bemerkt worden. Gleichwohl räumt Birgit Blum ein, dass eine Überdüngung einer Einzelfläche nur in Ausnahmefällen sicher beweisbar ist.

Bei der Kontrolle gehe es eher um eine umfassende Sicht der landwirtschaftlichen Betriebe. Dabei werden laut Blum Obergrenzen, Dokumentationen, Tierzahlen und vorhandene Flächen berücksichtigt. „Bei Güllezukäufen machen wir auch Querchecks“, sagt Blum. Landwirte müssen demnach vor der Düngung eine Düngebedarfsermittlung für ihre Flächen erstellen. Die habe der Landwirt im März 2018 bei der Kontrolle der gemeldeten Vorkommnisse auch vorgelegt. Blum: „Die Düngebedarfsermittlung entsprach den Anforderungen der Düngeverordnung.“ Einen Nachweis, ob und wie der Düngebedarf genutzt wurde, müssen Landwirte nicht erbringen. „Leider“, wie Blum hinzufügt.

Laut Kammer Grenzwerte eingehalten

Zukäufe von Gülle müssen dokumentiert und an die Niedersächsische Meldedatenbank für Wirtschaftsdünger gemeldet werden. Hier wurden laut Blum bei besagtem Landwirt tatsächlich geringe Mängel festgestellt. Art und Umfang spielten für eine Überdüngung aber keine Rolle. Auch der Nährstoffvergleich für den gesamten Betrieb gab keinen Anlass zu Beanstandungen. Er sei am 19. März 2019 für 2018 geprüft worden. „Die nach der Düngeverordnung festgelegten Grenzwerte werden seitens des Betriebes eingehalten“, so Blum. Die Einzeldaten will die Kammer aus Gründen des Datenschutzes nicht herausgeben. Die Anwohner haben weiter Zweifel. Sie wollen nun prüfen, ob sie einen Strafantrag gegen die Landwirtschaftskammer oder den Landwirt stellen.

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