Interview mit dem Worpsweder Pastor Contag „Das Dunkel spüren viele im Moment deutlich“

Pastor Jörn Contag aus Worpswede spricht im Interview über Ostern und die Bedeutung der Festtage für das Christentum während der Pandemie.
01.04.2021, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Undine Mader
Herr Contag, Ostern gilt als das höchste Fest der Christen. Warum?

Ostern ist das höchste Fest, weil es das Fest des Lebens ist. Aber man kann Ostern nicht ohne Karfreitag denken. Die Bedrückung und die Schwierigkeiten gehören auch dazu, und angesichts dieser Bedrückung feiern wir trotzdem das Leben. Es ist also ein Fest, das das Schwere ernst nimmt.

Die Osterfeierlichkeiten bestehen aus drei Gottesdiensten am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag. Wie wird die Kirchengemeinde Worpswede das in diesem Jahr gestalten?

Wir gehen davon aus, dass wir alle Gottesdienste als Präsenzgottesdienste feiern - mit strengen Corona-Auflagen, die wir erfüllen, auf die Gefahr hin, dass nicht jeder in die Kirche kommen kann.

Kann da noch etwas dazwischen kommen?

Theoretisch kann etwas dazwischen kommen, aber wir rechnen nicht damit. Im Moment sieht es danach aus, dass Gottesdienste erlaubt sind, und auch andere Gemeinden handhaben das so.

Sie sagen, nicht jeder wird reinkommen, werden Sie auch etwas online anbieten?

Wenn wir kurzfristig die Gottesdienste absagen müssen, dann ja. Aber wir haben zwei Ostergottesdienste, und wenn man sich die Besuchszahlen der letzten Jahre anschaut, dann kommen wir damit hin. Zumal wir auch feststellen, dass in Corona-Zeiten viele Leute den Präsenzgottesdienst meiden und auf Fernsehgottesdienste ausweichen.

Braucht gelebter Glaube Rituale?

Auf jeden Fall. Nehmen wir Ostern, wenn wir aus dem Dunkel ins Helle kommen: Wir entzünden die Osterkerze, und die Gemeindemitglieder entzünden daran eine eigene Kerze und betonen damit die Helligkeit. Das ist ein ganz starkes Symbol auch der Gemeinschaft, das man mit nach Hause nimmt. Das lässt einen nicht kalt.

Wie kann das ein Online- oder Fernsehgottesdienst vermitteln?

Da sind die Grenzen des Online- und Fernsehgottesdienstes. Aus diesem Grunde möchten wir die Präsenzgottesdienste durchführen, auch wenn es mit Maske und Abstand nur eine bedingte Gemeinschaft ist, wir auf den Ostergruß verzichten müssen, wir auf das Singen verzichten müssen, am Gründonnerstag auf das gemeinsame Essen verzichten müssen und auch auf das Abendmahl mit Gemeinschaftskelch verzichten müssen. Dennoch ist das Gemeinschaftsgefühl in einem Präsenzgottesdienst einfach viel eher vorhanden.

Sie haben gerade ganz oft das Wort „verzichten“ benutzt. Was bleibt noch übrig?

Es bleibt übrig, dass wir in der Kirche gemeinsam sind, und die Rituale wie die Osterkerze, die hereingetragen wird. Das Symbol, dass das Leben stärker ist als der Tod oder anders ausgedrückt, dass der Mut, der uns zugesprochen wird, stärker ist als all die Bedrängnis, die wir im Moment haben. Viele fragen sich, ich frage mich das auch: Hat das jemals ein Ende mit diesen Corona-Einschränkungen? Haben wir jemals eine Perspektive? Da ist Ostern ein starkes Symbol, weil das genau die Situation der Frauen am Grab widerspiegelt, die auch völlig perspektivlos dahin gehen am frühen Morgen und dann mit ganz großer Zuversicht wieder nach Hause gehen.

Sehen Sie eine Parallele zwischen der gegenwärtigen Situation und der Osterbotschaft?

Ich glaube, wir können im Moment besser als jemals zuvor nachvollziehen, was es bedeutet, in einer bedrängten Situation zu sein. Die Zusage des Lebens, dass das letzte Wort ein gutes sein wird, brauchen wir jetzt wirklich, und die kommt jetzt auch noch mehr an. Ostern lebt aus diesem Weg vom Dunkel ins Licht, und ich glaube, das Dunkel spüren viele im Moment deutlich.

Stärkt die Corona-Krise das Gottvertrauen, oder muss man jetzt sein letztes bisschen Gottvertrauen zusammensuchen?

Es gibt Menschen, die verlieren ihren Glauben in Krisensituationen, weil sie Beistand erhofft haben und nicht bekommen. Andererseits gibt es viele Menschen, die finden in der Krise erst zum Glauben, weil sie aus der Hoffnung, die von außen zugesprochen wurde, die Kraft geschöpft haben, um aus der Krise heraus zu kommen. Ich glaube, dass Ostern zu Gott führen kann, aber für andere kann diese Corona-Krise eine Anfrage an Gott bringen. Die Bibel ist voll davon, dass Menschen Gott anklagen. Es gibt ja mehr Klage- als Lobpsalmen. Das ist auch ein Teil des Glaubens.

Haben Sie den Eindruck, dass die Pandemie biblische Themen auf unsere Lebensebene bringt?

Natürlich. Wir haben es hier mit existenziellen Fragen zu tun. Es geht um Fürsorge zueinander, es geht um persönliche Ängste, es geht um Lebensperspektiven, um Freiheit. Das sind alles ganz grundlegende menschliche Themen, und die sind alle im christlichen Glauben angesprochen.

Es heißt, in Krisenzeiten sind die Kirchen voller - können Sie das bestätigen?

Das kann ich nicht bestätigen, allein, weil sie nicht voller sein dürfen. Aber ich glaube, es ist lange nicht so viel davon geredet worden, wie wichtig Gottesdienste sind.

Haben Sie abschließend einen Tipp, wie man Ostern daheim angemessen gestalten kann?

Ich würde diese eine Kerze anzünden und mir sagen, das ist eine von Millionen Kerzen, die im Moment brennen, und dass viele andere Menschen in einsamen Situationen so jetzt Ostern feiern. Auch so kann man Gemeinschaft spüren.

Info

Zur Person

Jörn Contag ist seit August 2020 Pastor der Kirchengemeinde Worpswede. Mit Frau und Hund hat sich der 55-Jährige inzwischen im Künstlerdorf eingelebt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+