Der Fall Organo-Fluid in Ritterhude

Rundt weist Vorwürfe zurück

Sozialministerin Cornelia Rundt hat Vorwürfe zurückgewiesen, sie habe das Parlament über die Hintergründe zum Explosionsunglück in der Ritterhuder Chemiefirma Organo-Fluid nur unzureichend informiert.
20.02.2015, 12:11
Lesedauer: 3 Min
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Rundt weist Vorwürfe zurück
Von Hans Ettemeyer
Rundt weist Vorwürfe zurück

Fünf Monate nach der Explosion von Organo Fluid in Ritterhude: Die Entscheidung ist gefallen, das Haus der Familie Ovcar ist nun doch abgerissen worden. Es wird Monate dauern, bis sie wieder ein eigenes Dach über dem Kopf haben. Abgesehen von diesem Haus sind noch elf weitere Häuser noch nicht wieder von ihren Bewohnern bezogen. Foto: Karl-Friedrich Brust

Karl-Friedirch Brust

In einer Regierungserklärung hat Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) im Landtag ihre Angaben zum Chemieunglück in Ritterhude in der Chemiefirma Organo-Fluid vom Vortag verteidigt. Sie habe die Abgeordneten korrekt über Fragen zu den Hintergründen informiert, sagte Rundt. In Ritterhude leben unterdessen noch immer zwölf Familien in Ausweichquartieren, weil ihre Häuser auch mehr als fünf Monate nach dem Unglück noch nicht wieder bewohnbar sind.

Die CDU/FDP-Opposition hatte am Donnerstag demonstrativ den Plenarsaal verlassen und Rundt eine „offensichtliche Missachtung der Parlamentsrechte“ vorgeworfen, weil sie keine konkreten Angaben zu den auf dem Gelände in Ritterhude gelagerten Flüssigkeiten geliefert habe. Nach dem Eklat hatte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) für gestern Morgen eine Erklärung angekündigt. Doch nicht er, sondern Sozialministerin Rundt erklärte: „Es gibt – Stand heute – keine belastbaren Zahlen.“ Alle Angaben beruhten auf unterschiedlichen Datenquellen, Schätzungen und Messgrößen. Es gebe erhebliche Widersprüche, sagte sie mit Hinweis auf einige von ihr genannte Zahlen. Es werde deshalb auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ankommen, Mengen und Zusammensetzung der gelagerten und verbrannten Flüssigkeiten genau zu bewerten.

Martin Bäumer, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, sieht auch nach den erneuten Ausführungen von Rundt das Parlament nicht ausreichend informiert. „Nach wie vor steht damit der Verdacht im Raum, dass die Landesregierung bewusst Informationen zurückhält, um Staatssekretär Mielke aus der Schusslinie zu nehmen“, teilte er mit. Mielke war von 2005 bis 2013 als Baudezernent und Landrat des Landkreises Osterholz für die Bauaufsicht über das Ritterhuder Chemieunternehmen zuständig. Er hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen.

Grant Hendrik Tonne, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, warnte vor vorschnellen Schlüssen in einem äußerst komplexen Verfahren. Die Öffentlichkeit habe einen Anspruch darauf, dass sauber und gründlich aufgeklärt werde, erklärte Tonne. „Wer aufklären will, der muss gründlich und sorgfältig recherchieren“, sagte der Abgeordnete Helge Limburg (Grüne). Sollte es eine Vielzahl von Zahlen geben wie im konkreten Fall, so sei es Aufgabe der Landesregierung, diese zunächst zu überprüfen.

Zwölf Häuser weiterhin nicht bewohnbar

Zwölf Häuser in der Nachbarschaft des zerstörten Chemiewerkes sind auch mehr als fünf Monate nach dem Explosionsunglück noch nicht wieder bewohnbar, berichtet Anwohner Karl-Friedrich Brust. „Die Sanierung ist nicht abgeschlossen.“ In einem Fall sei sogar der Abrissbagger angerückt: Ein Haus sei abgerissen worden. Nach langem Ringen mit ihrer Versicherung stehe die sechsköpfige Familie nun vor einem kompletten Neuanfang.

Doch auch die Anwohner, die bereits in ihre Häuser zurückgekehrt sind, kommen nicht zur Ruhe. So leben einige von ihnen nicht nur auf einer Baustelle. Auch der mit Lärm und Staub verbundene Rückbau der Firmen-Ruine zerrt an ihren Nerven. Sie befürchten, dass ihre Häuser weiteren Schaden nehmen. „Die haben die großen Tanks, in denen die Chemikalien gelagert wurden, hier vor Ort mit 40-Tonnen-Baggern zerschnitten; vier Monate lang bebte die Erde“, sagt Ernst Rebenstorff, wie Brust Mitglied der Interessengemeinschaft Kiepelbergstraße. Dabei seien die Tanks zum Teil aus großer Höhe auf den Boden gekracht. Das habe die Erschütterungen ausgelöst.

Druckwelle und Trümmerteile hatten auch das Haus von Inke Blazy stark beschädigt. „Zwei Tage vor Weihnachten sind wir wieder eingezogen“, erzählt sie. „Da war unser Haus kernsaniert.“ Inzwischen zeigten sich neue Risse an Türzagen, über Fußbodenleisten, am Übergang zur Decke, quer in der Wand und auch die Holzdecke selbst sei locker, sagt Blazy. „Das sind neue Schäden.“ Sie vermutet, dass Erschütterungen beim Abriss der Firmen-Ruine diese Risse verursacht haben. „Aber wer dafür aufkommt – das Abriss-Unternehmen, die Versicherung von Organo-Fluid oder wer sonst – das muss noch geklärt werden.“

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