Leichtathletik im Landkreis Osterholz

Eine Sportart und die Zukunftsfrage

Die Perspektiven der Leichtathletik im Kreis Osterholz waren sicherlich schon besser. Das weiß auch der KLV-Vorsitzende und Trainer Reinhard Wagner. Es gibt einige Fragezeichen. Aber auch Mutmacher.
09.05.2021, 15:54
Lesedauer: 6 Min
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Von Thorin Mentrup
Eine Sportart und die Zukunftsfrage

Die Leichtathletik ist seine Leidenschaft - doch Reinhard Wagner macht sich auch Sorgen um seinen Sport.

Thorin Mentrup

Der Fußball hat es geschafft, das Turnen auch. Und auch Tennis, Handball oder Reiten haben der Leichtathletik im Landkreis Osterholz den Rang abgelaufen. Diese Sportarten haben deutlich mehr Mitglieder. Laufen, Werfen, Springen – das scheint in seiner ursprünglichen Form, wie sie die Leichtathletik umfasst, nicht mehr sonderlich gefragt zu sein. „Diese Entwicklung beobachten wir seit Langem“, sagt Reinhard Wagner. Der Vorsitzende des Kreisleichtathletikverbandes und Leistungstrainer sieht keine rosigen Perspektiven für seinen Sport – aber er findet auch Hoffnungsträger.

Den Abgesang auf die Leichtathletik will Wagner noch nicht anstimmen. „Wir haben uns in den letzten Jahren stabil gehalten“, sagt er. Generell aber sinke der Stellenwert der Leichtathletik. Das liege nicht nur an der Corona-Pandemie, sondern auch daran, dass Kinder und Jugendliche, die Wagner nach wie vor für begeisterungsfähig hält, zu wenig Zeit hätten. Auch die Unterstützung im Schulsport fehle. „Dort wird zu wenig Leichtathletik angeboten. Die Förderung ist nicht gut“, bemängelt der 68-Jährige und zieht ein ernüchterndes Fazit: „Viele kennen den Sport fast gar nicht.“ Stars gebe es für die Heranwachsenden im Fußball, nicht in der Leichtathletik. Selbst Ausnahmeathleten wie die Weltmeister Malaika Mihambo (Weitsprung) und Niklas Kaul (Zehnkampf) seien vielen Kindern kein Begriff. Dabei wären sie gute Vorbilder.

Die gibt es auch im Kreis Osterholz zur Genüge: Jana Müller-Schmidt und Karl-Heinz Marg sind hochdekorierte Athleten im Seniorenbereich, Christoph Meyer war Dauergast auf Deutschen Meisterschaften, in jüngerer Vergangenheit feierten Tom Schröder und Linus Pieper viele Erfolge. Doch einen Leichtathletik-Boom konnten sie nicht auslösen. Sie sind eher Ausnahmen als die Regel.

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Vor allem Wettkampf-Athleten, die sich auf Meisterschaften messen, fehlen. Dem wirkte der Kreisleichtathletikverband bereits 1987 entgegen, als er die Startgemeinschaft Osterholzer Leichtathleten (SOL) ins Leben rief, um starke Staffeln und Mannschaften ins Feld zu schicken. „Damals war es schon wenig“, sagt Wagner. Mittlerweile fehle es noch mehr an Trainern, Betreuern und überhaupt an Angeboten. Leichtathletik ist eine Sache der Großen geworden: Sie läuft etwa beim TV Lilienthal, beim TV Schwanewede oder beim VSK Osterholz-Scharmbeck, aber eben auch nicht bei allen Schwergewichten unter den Vereinen im Kreis. Bei den kleinen Klubs wird sie sehr rar.

Schwer hat es die Leichtathletik laut Wagner besonders bei den Jugendlichen. „Bei den 15- und 16-Jährigen bröckelt es gewaltig“, sagt der Vollersoder. Nun ist diese Sorge keine leichtathletikspezifische. Selbst der Fußball muss in diesen Altersklassen um seine Talente kämpfen. In Wagners Augen trifft es seinen Sport trotzdem besonders hart, denn die Anforderungen seien sehr hoch für Athletinnen und Athleten im Leistungsbereich. „In der Leichtathletik muss man schon sehr viel trainieren, wenn man ein bisschen was werden will. Das schaffen die Wenigsten, das wollen auch nur die Wenigsten.“ Spontan fällt Wagner nur eine Athletin ein, die in naher Zukunft das Zeug dazu hat, sich auf Titelkämpfen nach vorn zu arbeiten: Nike Oeljeschläger aus Schwanewede. „Sie ist bereit, viel auf sich zu nehmen und wird von ihren Eltern unterstützt. Aber sie ist fast allein“, sagt er. Eine Trainingsgruppe und damit ein wichtiger Faktor mit Blick auf die Motivation und die Entwicklung fehle. Das sei ein weiteres Problem der Leichtathletik: Sie ist in aller Regel eine Einzelsportart. „Bei Kindern und Jugendlichen geht es aber viel um die Gruppe. Wenn mehrere zum Fußball gehen, gehen die anderen auch“, erklärt Wagner.

Nach einer verheißungsvollen und titelreichen Zukunft, sei es auf Landes-, norddeutscher oder nationaler Ebene, klingt all das aus Osterholzer Sicht nicht. Im Gegenteil: Wagner sieht einige Fragezeichen mit Blick auf die Leichtathletik im Kreis. Zum Beispiel bei der SOL. „Ich habe keine Ahnung, wie lange wir die Startgemeinschaft noch aufrecht erhalten können“, gibt er zu. Doch es geht um mehr, sogar den Kreisverband an sich. „Es bröckelt“, sagt der Vorsitzende. Der 68-Jährige kündigte bereits vor zwei Jahren an, sein Amt als Leichtathletikchef abgeben zu wollen. „Aber es findet sich keiner“, blieb die Nachfolgersuche ergebnislos. Wagner glaubt, der Kreisverband könnte in naher Zukunft in einem anderen Kreis aufgehen. Rotenburg zum Beispiel. „Wir sind nah beieinander. Wir haben auch schon darüber gesprochen. Sie wären bereit, uns aufzunehmen“, sagt er. Entschieden sei noch nichts. Klar ist: Der Niedersächsische Leichtathletikverband befürwortet Fusionen. Er dürfte kein Stolperstein sein.

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Insgesamt sei die Leichtathletik-Basis zu dünn, findet Wagner. In den vergangenen Jahren habe auch der Seniorensport gelitten. Dafür hat der Leichtathletikchef eine einfache Erklärung: „Leichtathletik ist keine Breitensportart im Erwachsenenalter. Man kann laufen, aber wer geht noch auf die Hochsprunganlage oder macht Speerwurf, wenn man es nicht trainiert hat? Da wird man nur noch schlechter und dann hat man keine Lust, sich in Wettkämpfen zu zeigen.“

Die Hoffnung ruht also auf der jungen Generation. Und einzelnen Trainerinnen und Trainern, die sich der Talente annehmen. Und hier findet Wagner im Kreis einige Beispiele, die Mut machen. Beim VSK Osterholz-Scharmbeck haben Tanja und Andreas Motscha wieder etwas aufgebaut und die Schwächephase des Klubs beendet. In der Kreisstadt gibt es wieder Zulauf. Beim TV Lilientahl haben laut Wagner Sandra Traub und Andrea Wedemeyer für einen Aufschwung gesorgt. „Da läuft es wie geschmiert. Die beiden haben einen Boom ausgelöst“, freut er sich. Nicht nur dort zeige sich: „Die Trainer sind die treibenden Kräfte. Sehr viel hängt von ihnen ab.“ So hat sich etwa unter Jan Petermann eine hoffnungsvolle Nachwuchs-Laufgruppe in Lilienthal gebildet. Unter anderem ist auch Trainersohn Robin dabei. Er hat als einziger Sportler aus dem Kreis Osterholz 2020 eine Platzierung in der deutschen Jugendbestenliste erzielt. Die 3000-Meter-Distanz legte er in 10:16,07 Minuten zurück – Platz 14.

Hoffnungsträger findet Wagner auch in Schwanewede. Dort sind mit Linus Pieper, Julia Fuhrmann und Christin Müller mehrere junge Fachkräfte in das Training eingebunden – und damit direkte Vorbilder für den Nachwuchs. „Ich hoffe, dass sie noch lange hier bleiben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie das in Schwanewede weiterführen werden“, sagt Wagner.

Das wäre ein Faustpfand für die Leichtathletik-Zukunft im Kreis. Die wird ohnehin geprägt von tartanerprobten (Ex-)Athletinnen und -Athleten. Zu diesen gehört auch Sebastian Schmitz, der sich bei der SG Platjenwerbe einbringt. Diejenigen, die sich engagieren, täten das mit Herzblut, ist Wagner überzeugt.

Es ist also bei Weitem nicht alles schlecht. In einem Punkt ist der Kreisleichtathletikverband Osterholz einigen anderen Verbänden sogar voraus: „Wir haben immer noch sehr gute Anlagen, die saniert und fit gehalten werden“, sagt Wagner. Ein Aber allerdings bleibt: „Sie könnten häufiger genutzt werden.“

Info

Zur Person

Reinhard Wagner (68)

stammt aus Osterholz-Scharmbeck, wohnt aber schon lange in Vollersode. Zur Leichtathletik kam er als Jugendlicher. Dabei war er ein guter Schwimmer und Turner, das Sprinten habe ihm dagegen gar nicht gelegen. Dennoch schnupperte er bei der Leichtathletik rein. „Die Gruppe war so toll, dass ich hängen geblieben bin“, fand er seine Leidenschaft. Wobei er recht lange darauf warten musste, auch seine Disziplin für sich zu entdecken. In seinen Dreißigern begann Wagner, der seit 1993 den Kreisleichtathletikverband anführt und zudem zahlreiche Statistiken pflegt, mit dem Marathonlauf. „Da hatte ich das meiste Talent“, sagt er. Die 42,195 Kilometer bewältigte in unter drei Stunden. Fünfmal pro Woche trainierte er - zusätzlich zur Arbeit und seinen Traineraufgaben. Coach war er früh geworden. Als Trainer fehlten, übernahm er kurzerhand eine Kindergruppe. „Und dann wächst man da so rein“, verrät der NLV-Trainer des Jahres 2016. Vor allem die Arbeit mit den Jugendlichen mache ihm Spaß. „Die hält mich jung“, glaubt er. Leichtathletik sei zu seinem Lebensinhalt geworden. Viel Wissen habe er sich von Größen des Sports abgeschaut, zum Beispiel von Edgar Eisenkolb, der knapp 20 Jahre lang Leitender Landestrainer beim Niedersächsischen Leichtathletikverband war und mittlerweile zum Bundestrainer für die 400 Meter der Männer, die 4x400-Meter-Staffel der Männer und die 4x400-Meter-Mix-Staffel aufgestiegen ist.

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Zur Sache

Leichtathletik im Landkreis Osterholz

Im Jahr 1958 gründete sich der Kreisleichtathletikverband (KLV) Osterholz. Erster Vorsitzender war der mittlerweile verstorbene Hans Lucht, dessen Männer-Riege beim VSK Osterholz-Scharmbeck weit über den Kreis hinaus mit ihren Leistungen auf sich aufmerksam machte. Auf Lucht folgte 1976 Wilhelm Bruns, eine Institution bei der SG Platjenwerbe, ehe 1983 Carsten Spöring im Alter von 25 Jahren übernahm. Der Vorsitz kehrte also in VSK-Hand zurück. Dort ist er bis heute: Heidrun Müller beerbte Spöring 1991, zwei Jahre später übernahm dann Reinhard Wagner.

Die ersten deutschen Meistertitel seiner Athletinnen und Athleten feierte der KLV in den 70er Jahren, im Folgejahrzehnt waren besonders die LG Wörpe und die TuSG Ritterhude überregional erfolgreich. 1987 gründete sich dann die Startgemeinschaft Osterholzer Leichtathleten, die der TV Lilienthal vor einigen Jahren verließ. Seit 1993 hat Wagner für die SOL 30 deutsche, 24 norddeutsche und mehr als 100 Landesmeistertitel erfasst. Dazu kommen besonders im Seniorenbereich internationale Topplatzierungen.

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