Nach mutmaßlichem Angriff

Ein Wolf macht Steinfeld berühmt

Nach dem möglichen Angriff eines Wolfs auf einen Menschen ist das Dorf Steinfeld im Landkreis Rotenburg in die Schlagzeilen geraten. Die Verunsicherung in der Region ist groß.
29.11.2018, 16:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Johannes Heeg

Ob es nun ein Wolf war oder ein Hund, der den 55-jährigen Gemeindearbeiter auf dem Steinfelder Friedhof in die Hand gebissen hat – der Vorfall vom Dienstag hinterlässt Spuren in dem 200-Seelen-Dorf, er beschäftigt die Menschen. „Die Leute haben Angst, das ist schon zu spüren“, sagt Jürgen Maack, „sie gehen nur ungern auf den Friedhof.“ Schon seit einigen Monaten beobachte er, dass weniger Menschen im Wald spazieren gehen als früher. Er sei als Jäger sehr viel in der Natur unterwegs und gehe davon aus, dass der Wolf mittlerweile in der Region sesshaft geworden ist.

Die Wolfsgeschichte, die vielleicht gar keine Wolfsgeschichte ist, hat dem kleinen Ort binnen Stunden eine überregionale Medienpräsenz beschert. Schließlich wäre der Angriff auf einen Menschen der erste bestätigte Fall dieser Art seit der Rückkehr des Wolfs nach Deutschland. „Unser Friedhof war im Frühstücksfernsehen“, sagt Maack. Viel zu sehen gibt es dort nicht, schon gar keinen Wolf. Dennoch tummeln sich spätestens seit Donnerstagmorgen mehrere Fernsehteams am und auf dem Friedhof. „Die waren vorher alle bei mir“, sagt Samtgemeindebürgermeister Frank Holle. Ein gutes Dutzend Interviews habe er am Vormittag gegeben, er habe dafür sogar eine Sitzung des Wasserverbands, dem er vorsteht, sausen lassen. Schon am Vorabend nutzte Holle eine kurze Sitzungspause des Samtgemeinderates, um Fragen eines TV-Reporters zu beantworten. Viel zu sagen hatte Holle allerdings weder Mittwoch noch Donnerstag: „Es gibt einen Verdachtsmoment, am Dienstag oder Mittwoch kommender Woche wissen wir hoffentlich mehr.“ Bis dahin sollen die Spuren ausgewertet sein, die zwei Mitarbeiterinnen des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) am Mittwoch vor Ort genommen haben.

Aber selbst wenn es kein Wolf gewesen sein sollte, so Holle auf Anfrage unserer Zeitung, „wäre das auch nicht schön. Dann hätten wir es mit einem gefährlichen Hund zu tun.“ Dann würde die Zuständigkeit vom Land zum Ordnungsamt der Samtgemeinde Tarmstedt wechseln.

Auch Bülstedts Bürgermeister Jochen Albinger ist seit Mittwochabend ein gefragter Mann, bekommt Medienanfragen aus dem ganzen Land. Auch er verweist auf die reichlich dünne Faktenlage und sagt: „Es gibt einen Menschen, ein Tier und einen Biss. Mehr wissen wir nicht.“ Die Fakten umreißt er so: „Unser Gemeindearbeiter war am Dienstag dabei, von außen den Zaun des Steinfelder Friedhofs zu flicken, hat Drähte gespannt.“ Dabei sei er an einer Stelle hinter dem Kriegerdenkmal zu Gange gewesen, die direkt am Waldrand liegt. In der einen Hand einen Hammer, habe der 55-Jährige in gebückter Haltung nach einer Zange greifen wollen, und dabei habe ein Tier nach seinem Handgelenk geschnappt. Der Mann habe das Tier mit dem Hammer geschlagen und dadurch vertrieben. In der Nähe hätten sich drei weitere Tiere aufgehalten, die der Arbeiter ebenfalls als Wölfe identifiziert habe. Leicht verletzt sei der Mann erst am nächsten Tag, am Mittwoch, zum Arzt gegangen. Dieser meldete den Vorfall den Behörden, und am Nachmittag gab die Rotenburger Polizei eine Meldung heraus, in der explizit von einem Wolfsbiss die Rede war.

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Als erste Vorsichtsmaßnahme hat Bürgermeister Albinger die Straßenbeleuchtung in Steinfeld und Bülstedt auf Dauerbetrieb geschaltet. Er hat seine Ratskollegen informiert und rät der Bevölkerung sicherheitshalber davon ab, „mit Heerscharen von Kindern oder alleine in den Wald zu gehen“. Albinger: „Ganz gleich, ob Wolf oder Hund, das ist eine ernste Angelegenheit.“ Die Schilderungen seines Gemeindearbeiters seien glaubhaft.

Das sagt auch Jürgen Maack aus Steinfeld, der den Mann kennt. „Der kennt sich in der Natur sehr genau aus, der hält auch Tiere.“ Dennoch will auch Maack erst einmal das Ergebnis der Untersuchungen abwarten, bevor er sich auf einen Wolfsangriff festlegt. Maack weist darauf hin, dass Wölfe normalerweise eher scheue Tiere sind. Um sie zu vertreiben, sollten Menschen sich „möglichst groß machen, mit den Armen winken und laute Geräusche machen“. Der Gemeindearbeiter sei dem Tier in einer knieenden Position begegnet und habe daher wohl sehr klein gewirkt, so seine Vermutung.

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Das Revier des Jägers Jörg Lemmermann, Leiter des Hegerings Wilstedt, liegt etwa einen Kilometer vom Friedhof Steinfeld entfernt. Für ihn wäre nicht die Sichtung eines Wolfs verwunderlich – seine Wildkamera hat 2017 einen festgehalten –, sondern eher dessen Verhalten. „Nach allem, was ich über den Fall weiß, hört sich das nach Spielen an und nicht nach einem Angriff“, so der Wilstedter. Auch dass das Tier ein schwarzes Fell gehabt haben soll, wäre für einen Wolf ungewöhnlich. Lemmermann rät ebenfalls, die DNA-Untersuchungen abzuwarten und warnt vor voreiligen Schlüssen und vor allem vor Hysterie.

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