Vermeintliche Attacke in Steinfeld

Keine Wolfs-DNA nachgewiesen - "Mehr Fragen als Antworten“

In Bremen und der Region macht sich Ratlosigkeit nach der Verletzung eines Gemeindemitarbeiters in Steinfeld breit: Ein Wolfsbiss ist nicht nachweisbar - das wirft Fragen auf.
04.12.2018, 18:54
Lesedauer: 4 Min
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Von Irene Niehaus, Lutz Rode, Silke Looden und Johannnes Heeg

Ob es ein Wolf war oder nicht – es lässt sich nicht belegen. Nach dem vermuteten Angriff eines Tieres auf einen Gemeindemitarbeiter in Steinfeld in der Gemeinde Bülstedt Mitte vergangener Woche, hat das Umweltministerium am Mittwochnachmittag die Ergebnisse einer Spurenanalyse präsentiert. Gefunden haben die Experten jede Menge: Speichel von Hund und Katze, außerdem Haare von einem Reh. Die DNA eines Wolfes indes war nicht darunter. Was nicht bedeutet, dass kein Wolf vor Ort war.

Der Gemeindearbeiter war, wie berichtet, während der Arbeit auf dem Steinfelder Friedhof von einem Tier gebissen worden. Der Mann arbeitete demnach kniend am Zaun. Als er nach hinten griff, sei seine Hand plötzlich festgehalten worden. Er blickte sich um und war überzeugt, einen Wolf zu sehen, der zugeschnappt hatte. Drei weitere Wölfe hätten die Aktion mit etwas Abstand beobachtet, so der Mann weiter. Dann habe er sich aber befreien und die Tiere vertreiben können. Einen Tag später ließ der 55-Jährige seine Hand verarzten.

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Umgehend wurden daraufhin laut Umweltministerium zwei Mitarbeiterinnen des Wolfsbüros nach Steinfeld geschickt. Außer tierischen Haarproben wurden der Pullover des Mannes und der Hammer sichergestellt, mit dem er nach seiner Schilderung das Tier abgewehrt hatte. Die Proben gingen dann ans Senckenberg-Institut im hessischen Gelnhausen. Im Falle einer Bestätigung wäre es der erste nachgewiesene Angriff eines Wolfes auf einen Menschen in Deutschland seit Rückkehr der Tiere nach der Wiedervereinigung gewesen. Doch diese Bestätigung blieb nun aus. Und die Menschen in der Umgebung bleiben einigermaßen ratlos zurück.

Der Naturschutzbund (Nabu) war von vornherein skeptisch, was die angebliche Wolfsattacke anging. „Das Aussehen spricht für Hunde“, hatte der Landesvorsitzende Holger Buschmann gesagt. „Denn in Niedersachsen gibt es nur graue, freilebende Wölfe.“ Das mutmaßliche Opfer hatte hingegen von mindestens einem dunklen Tier gesprochen. Der Nabu-Landeschef warnte davor, den Wolf vorschnell als Verursacher zu nennen: „Das schürt massiv Ängste.“

Ergebnis könnte für Spekulationen sorgen

Frank Holle, Bürgermeister der Samtgemeinde Tarmstedt, hätte sich ein klareres Ergebnis der DNA-Analyse gewünscht. „Wir wissen jetzt eigentlich gar nichts Neues, es ist nichts festgestellt worden“, sagte er. Das Ergebnis der Untersuchungen werde vielmehr weiterhin für Spekulationen sorgen, ob es ein Hund oder doch ein Wolf gewesen sei. Er begrüße deshalb die am Dienstag vom niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies angekündigten Untersuchungen und ein Wolfsmonitoring vor Ort. Lies hatte angekündigt, dass man das in der Nähe Steinfelds lebende Wolfsrudel fangen und mit Sendern ausstatten werde. Holle hatte in der vergangenen Woche Medien gegenüber geäußert, dass er davon ausgehe, dass es sich um einen Angriff eines Wolfes gehandelt habe. „Ich habe immer von einem Verdacht gesprochen“, betonte er am Dienstag gegenüber unserer Zeitung. Er habe auch Zweifel gehabt, ob die gefundenen Proben verwertbar sein würden. Der Bürgermeister sieht weiterhin keinen Grund, an den Aussagen des Gemeindearbeiters zu zweifeln. „Er ist immer noch glaubwürdig.“ Es sei durchaus vorstellbar und deshalb nicht auszuschließen, dass es sich um ein Rudel Jungwölfe gehandelt habe, zu dem das Tier gehöre. „Viele Steinfelder Bürger haben immer wieder mal im Moor Wölfe gesehen.“

Nicht emotional reagiert

„Es gibt jetzt mehr Fragen als Antworten“, sagt Jäger Jörg Lemmermann zu dem Ergebnis der DNA-Untersuchung. Schon unmittelbar nach dem Vorfall in der vergangenen Woche hatte der Leiter des Hegerings Wilstedt, dessen Revier etwa einen Kilometer vom Friedhof Steinfeld entfernt liegt, vor voreiligen Schlüssen gewarnt. Das geschilderte Verhalten des Tieres am Friedhof hatte ihn daran zweifeln lassen, dass es sich um einen Wolf gehandelt haben könnte. Die Nachricht, dass sich Wölfe in der Gegend aufhalten, fand er dagegen gar nicht überraschend. „In 80 Prozent der Reviere im Hegering Wilstedt hat es schon Wolfssichtungen gegeben“, sagt Lemmermann.

Für den Jäger ist nun spannend, wie es in der Angelegenheit weiter gehen soll. Noch keinen Reim kann er sich darauf machen, was es mit dem verstärkten Wolfsmonitoring in dem Bülstedter Bereich auf sich hat, das Umweltminister Lies veranlasst hat. Auch bleibt für ihn abzuwarten, wie die angekündigten Ad-hoc-Besenderung vonstatten gehen soll. Lemmermann warnt abermals vor Hysterie: Der verstärkte Aufruf dazu, mögliche Wolfssichtungen an zentraler Stelle zu melden, könnte negative Folgen haben: „Dann laufen dort pro Tag 20 Meldungen ein. Dann wird alles, was bei Dunkelheit über den Acker läuft, zum Wolf, obwohl es sich vielleicht um ein Reh handelt“, sagt er.

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Lemmermann sieht nach wie vor keinen Anlass, die Schilderungen des Gemeindemitarbeiters in Zweifel zu ziehen. Dessen Aussage stehe im Raum und es gebe seine Verletzung an der Hand. Könnte es also auch ein wildernder Hund gewesen sein? Darüber mag Lemmermann nicht spekulieren. Doch er ist überzeugt: Wenn es in der Gegend ein Rudel wildernder Hunde geben sollte, die durch die Feldmark streifen, hätte man dies im Revier sicher längst bemerkt. „Davon ist mir auch noch nie etwas zu Ohren gekommen“, sagt der Jäger.

Der Steinfelder Landwirt Bernd Mindermann empfiehlt eine nüchterne Betrachtung der Angelegenheit. Der Wolf dürfe weder dämonisiert noch verharmlost werden. Die Dorfbevölkerung habe gelassen und „zum Glück nicht emotional“ auf den Vorfall reagiert. „Wir sind Wildtiere gewohnt, bei uns laufen ständig Marder und Füchse durchs Dorf. Die Hälfte der Häuser liegt am Waldrand“, so Mindermann.

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