Familienwerkstatt im Landkreis Verden Ein guter Start in das Leben mit Kind

Mit einem Kind kommen auf ein Paar große Freuden, aber auch ungeahnte Herausforderungen zu. Werdende Eltern darauf vorzubereiten, ist das Ziel der Familienwerkstatt im Landkreis Verden.
15.10.2021, 15:48
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Ein guter Start in das Leben mit Kind
Von Marie Lührs

Ein Kind kann das ganze Leben auf dem Kopf stellen. Neben der Freude über den Nachwuchs bringt der Schritt vom Paar zur Familie allerdings auch einige Herausforderungen oder aber auch Konfliktpotenzial mit sich. Mit verschiedenen Kursen bringt die Familienwerkstatt im Landkreis Verden seit fünf Jahren werdenden und gewordenen Eltern die Entwicklungsphasen des Kindes näher, klärt auf und gibt Raum zum Austausch mit Gleichgesinnten. 

Mitinitiator des Vereins ist Hansjörg Bachmann, ehemaliger Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Links der Weser in Bremen. In seinem Berufsleben habe er immer wieder erlebt, dass Eltern oft unerwartet schon bald nach der Geburt Momente der Hilflosigkeit, Enttäuschung und Überforderung erleben, auf die sie zu wenig vorbereitet seien. Die Familienwerkstatt soll diesen Situationen vorbeugen.

Ein Paar, das vor der Geburt ihres Sohnes einen Kursus der Familienwerkstatt besucht hat, sind Liesa und René Kelling. Durch einen Flyer wurde das Paar aus dem Landkreis Rotenburg auf das Angebot in Verden aufmerksam. Obwohl sich die Workshops in erster Linie an Menschen aus der Verdener Region richten, seien auch immer wieder Interessierte aus den Nachbarlandkreisen oder Bremen mit dabei, erläutert Bachmann.

Eigene Erziehung reflektieren

"Es ist wirklich viel Input", blickt René Kelling zurück, doch die Zeit sei gut investiert. "Man macht es ja nur einmal im Leben", sagt er. Das Seminar, das sich über zwei Sonnabende erstreckte, habe ihm und seiner Frau allerdings viel gebracht. Neben theoretischen Hintergründen zur kindlichen Entwicklung gab es für die Teilnehmenden auch immer wieder Gelegenheit, die eigene Erziehung und individuelle Vorstellungen zu reflektieren. Praktische Ratschläge waren ebenfalls fester Bestandteil der Treffen.

Einer der Tipps, den die Kursleiter den Paaren mit auf den Weg geben haben, war es, sich auch Zeit für die eigene Beziehung zu nehmen. Denn die Zweisamkeit rückt nach der Geburt häufig in den Hintergrund. "Es ist wichtig, für sich als Paar ein Ritual zu entwickeln", erzählt Liesa Kelling. Das Gelernte habe sich im Alltag schnell bestätigt. 

Ein Bild, das im Zuge des Kurses aufkommt, ist das des inneren und äußeren Familienhauses. "Die Menschen investieren viel in das äußere Haus", gibt René Kelling wieder, was er im Workshop gleich am ersten Tag gelernt hat. Das äußere Haus umfasse finanzielle Angelegenheiten, die Planung der Kinderbetreuung, die Arbeit und Ähnliches. Das innere Haus hingegen stehe für die Qualität von Beziehungen, für Kommunikation und den liebevollen Umgang miteinander. Beide Häuser brauchen ein stabiles Fundament.

Neben der Theorie steht die Reflexion der eigenen Erziehung immer wieder im Fokus. Das war für Familie Kelling eine besondere Erfahrung. "Wir kommen beide aus Ostdeutschland", erzählen sie. Beide kamen daher schon sehr früh in die professionelle Kinderbetreuung, die in der DDR viel üblicher als in Westdeutschland war. Was für die beiden Normalität war, ist für die kindliche Entwicklung eigentlich nachteilig, haben sie gelernt.

Eigenes Erleben ist die Norm

"Das, was man selbst erlebt, ist für einen der Standard", weiß Bachmann. Und diesen Standard gelte es zu hinterfragen. "Was wir heute über die Bildungsforschung wissen, ist noch nicht in der breiten Bevölkerung angekommen." Es sei ein bisschen wie beim Klimawandel, zieht der Mediziner den Vergleich. Schon in den 1970er-Jahren hätten Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. Doch erst heute komme Bewegung in das Thema. Auch viele Erkenntnisse der Bindungsforschung seien bereits 50 Jahre alt. So sei beispielsweise seit Jahrzehnten bekannt, dass sich die frühe Unterbringung von Kindern in Betreuungseinrichtungen negativ auswirken könne, kritisiert Bachmann. Und dennoch sei die wirtschaftlich und politisch gewollte Tendenz keineswegs, Eltern in den ersten drei Jahren mehr Zeit für den Nachwuchs einzuräumen – im Gegenteil.

Seit dem 6. Juli ist Familie Kelling zu dritt. Der Workshop der Familienwerkstatt habe sie gut auf das neue Leben mit Sohn Kornelius vorbereitet, da sind sich die Eltern einig. Der Kursus habe allerdings auch viele Fragen aufgeworfen, über die beide sich zuvor noch keine Gedanken gemacht hatten. Welche Vorstellungen von Erziehung haben sie? Kommt Kornelius in den Kinderwagen oder nur in das Tragetuch? Wie geht man mit Anregungen, Wünschen und Kritik aus der Familie um? All diese Fragen hat sich das Paar gestellt. Ihr Leben sei mit Kind nun ein vollkommen anderes. "Wir haben jetzt viel weniger Zeit als früher", bilanziert René Kelling. Seine Frau ergänzt: "Die Prioritäten haben sich vollkommen verschoben." 

Nächster Kursus steht bevor

Der nächste Familienvorbereitungskurs ist für die Sonnabende 30. Oktober und 6. November geplant. Der Kursus richte sich sowohl an werdende Eltern als auch an Eltern, die schon ein oder mehrere Kinder haben und sich für die Inhalte interessieren. An beiden Tagen treffen sich die Teilnehmenden von 9.30 bis 15.30 Uhr. Wo der Kursus stattfindet, ist allerdings noch nicht klar, sagt Bachmann Der Vortragsraum der Stadtbibliothek Verden und die Verdener Kita Elisabeth Selbert stehen aktuell zur Wahl. Informationen zum Kursus und zur Anmeldung gibt es im Internet unter www.familienwerkstatt-verden.de

Die Familienwerkstatt bietet auch weitere Kursbausteine an, in denen der Fokus auf dem ersten, dem zweiten und dem dritten Lebensjahr liegt. Termine stehen allerdings aktuell nicht fest. Unregelmäßig gibt es zudem Fachvorträge zu verschiedenen Themenfelder. Auch sie werden auf der Internetseite angekündigt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+