Ex-Bundesbauminister gestorben

Karl Ravens ist für immer eingeschlafen

Karl Ravens ist der prominenteste Politiker Achims, hatte es sogar zum Bundesbauminister geschafft und wäre fast Ministerpräsident des Landes Niedersachsen geworden. 90 Jahre ist er alt geworden.
13.09.2017, 13:58
Lesedauer: 4 Min
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Karl Ravens ist für immer eingeschlafen
Von Kai Purschke

„104 will ich werden, das ist mein Ziel. Danach stehe ich dem lieben Gott zur Verfügung.“ Das hat Karl Ravens noch vor sechs Wochen zum Autor dieser Zeilen gesagt. Erreicht hat er sein Ziel nicht. Gott hat ihn eher zu sich gerufen, am vergangenen Freitag ist Ravens im Alter von 90 Jahren im Krankenhaus eingeschlafen, am Mittwoch nun informierte die Kreis-SPD die Öffentlichkeit darüber. Die niedersächsische SPD hat eine Legende verloren und die Stadt Achim ihren prominentesten Politiker. Der ehemalige Bundesbauminister (1974 - 1978) der Regierung Helmut Schmidt und frühere parlamentarische Staatssekretär unter Bundeskanzler Willy Brandt, Ex-Landtagsabgeordneter und Oppositionsführer im Niedersächsischen Landtag sowie Vize-Präsident des Niedersächsischen Landtages war erst am 29. Juni dieses Jahres 90 Jahre alt geworden.

Zeitnah wollte ihn die niedersächsische SPD dafür ehren, aber Ravens‘ Gesundheitszustand ließ bereits das nicht zu. So war es erst am 11. August in Hannover zur Feierstunde für den verdienten Sozialdemokraten aus Achim gekommen, der seit rund 30 Jahren in Hannover lebte, im Herzen aber immer Achimer war und der Stadt bis zuletzt verbunden geblieben ist. Die Feierstunde hatte unsere Redaktion zum Anlass genommen, Ravens und seiner Frau Barbara kurz vor diesem Termin einen Besuch abzustatten. Auf der Terrasse ihres Reihenhauses erzählte das Paar von sich und seinem Leben in der Landeshauptstadt. Aber Ravens betonte auch, dass er weiter Achimer sei. „Ich habe schließlich fast 60 Jahre in Achim gelebt, habe Familie dort.“ Außerdem zahlte er seine Mitgliedsbeiträge immer noch an den Ortsverein Achim – was die Genossen in Hannover etwas neidisch machte, wie Ravens Frau Barbara in dem Gespräch verriet.

Luft- und Kreislaufprobleme

Dass der 90-Jährige bereits körperlich abgebaut hatte, war erstens nicht zu übersehen, zweitens gab Karl Ravens dies auch ohne Scham zu, und drittens schien es ihm zu diesem Zeitpunkt nicht so viel auszumachen. Denn Anfang August, das betonte er, ging es ihm wieder besser. Trotz seiner Luft- und Kreislaufprobleme war er stabil und dankte noch seiner Frau und den Ärzten, die ihm auch mit einer neuen Medikation neuen Mut machen konnten. Dass er mit einem mobilen Sauerstoffgerät und einem Schlauch zur Nase leben musste, schien ihm egal. „Der gehört zu mir“, sagte er jedenfalls und erzählte, dass er wegen des Schlauches einen Radius wie ein Dackel habe, der mit einer Leine an einen Pflock gebunden sei. Aber Ravens sah dies auch als Verbesserung, denn vorher benötigte er ein stationäres Gerät. „Das hat mich über Nacht aufgepumpt“, erzählte er und grinste dabei schelmisch.

Nicht nur einmal. Bei dem mehrstündigen Gespräch in seinem Garten bewies Ravens Humor und Ironie. Hellwach präsentierte er sich noch als 90-Jähriger und vor allem als bodenständiger Mann, der er immer gewesen ist. „Die Bäume, die ich ausreiße, werden kleiner“, sagte Ravens und wusste zu diesem Zeitpunkt sehr wohl, dass er sich seine Kraft gut einteilen muss. „Ich bin im Kopf stärker als in den Beinen, aber das glaubt der Kopf noch nicht“, lautete seine Erklärung für seinen Gesundheitszustand. Statt Bäume auszureißen, zupfte er nun die Erdbeeren aus den Blumenkästen, die am Balkon des Reihenhauses hängen. „Das macht mir große Freude“, sagte Ravens, der so lange er es konnte auch stets im Garten mit angepackt hatte. Als das nicht mehr ging, heuerten die Ravens' einen Gärtner an. und Barbara verriet, dass ihr Karl diesem nunmehr Tipps von der Terrasse aus gab.

Dass seine zweite Ehefrau ihn so liebevoll umsorgt und durch die schweren Zeiten der Krankheit begleitete, rechnete Karl Ravens ihr hoch an. „Sie kümmert sich gut um mich“, erzählte er. Nach der Trennung von seiner ersten Frau war er damals auch aus Achim weggegangen. Sie blieb in der Weserstadt, er hatte über die Partei in Berlin seine Barbara kennengelernt. Dass die SPD-Legende jemals wieder nach Achim zurückzieht, war übrigens nie ein Thema, wie Ravens sagte.

Der Vorzeige-Sozialdemokrat

Nicht nur die Familie Ravens – er hinterlässt einen Sohn – und deren Freunde, sondern auch die SPD-Mitglieder im Landkreis Verden trauern um den ehemaligen Bundesbauminister. „Wir sind in Gedanken jetzt bei seiner Witwe Barbara und der Familie von Karl Ravens, der zweifellos eine große Lücke hinterlässt“, erklärten die Sozialdemokraten in einer Stellungnahme. Denn Ravens habe die sozialdemokratischen Grundsätze von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität eindrucksvoll verkörpert und war laut SPD „der Vorzeige-Sozialdemokrat im Landkreis Verden schlechthin“. Vielen jüngeren Mitstreiterinnen und Mitstreitern sei er ein politisches Vorbild gewesen. Als Bundestagsabgeordneter, parlamentarischer Staatssekretär unter Willy Brandt, Bundesbauminister im Kabinett Helmut Schmidt habe Karl Ravens im positiven Sinne Geschichte geschrieben.

Karl Ravens hatte 1950 das Parteibuch der SPD bekommen. Im Jahr 1976 wäre er fast Ministerpräsident Niedersachsens geworden, als er für die SPD als Retter das Rennen ums Spitzenamt gewinne sollte, nachdem Alfred Kubel zurückgetreten war. Die Koalition von SPD und FDP hatte sich daraufhin zwar auf Finanzminister Helmut Kasimier als Kubel-Nachfolger geeinigt, der fiel aber in den ersten beiden Wahlgängen wegen bis heute unbekannter Abweichler durch und bekam weniger Stimmen als CDU-Fraktionschef Ernst Albrecht. Im dritten Wahlgang unterlag dann auch Karl Ravens dem Christdemokraten Albrecht, der Ministerpräsident einer Minderheitsregierung wurde. Für Ravens im Rückblick „ein unnötiger Versuch eines Ministerpräsidentenwechsels“, denn letztlich sei es um eine Mehrheit im Bundesrat für die Abstimmung über die Polenverträge gegangen.

Karl Ravens hatte zu seinem runden Geburtstag nur zwei Wünsche: „Dass meine Gesundheit mindestens so stabil bleibt wie jetzt und dass die Partei wieder auf den aufsteigenden Ast kommt.“

Die Trauerfeier für Karl Ravens findet am Dienstag, 19. September, um 13 Uhr in der St. Johannes-Kirche in Hannover-Davenstedt, Altes Dorf 10, statt.

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