Präventionsprojekt

Prävention mit Gefühl

Unter dem Titel "Wer bestimmt hier eigentlich, was schön ist? Vom Schönheits- und Schlankheitswahn zur Essstörung" haben die Frauenberatung Verden und die Fachstelle Sucht ein Projekt gestartet.
20.09.2021, 17:20
Lesedauer: 3 Min
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Prävention mit Gefühl
Von Marie Lührs

Oberschenkel, zwischen denen im Stehen eine kleine Lücke ("tigh gap") bleibt, eine Taille, die so schmal ist, dass sie sich hinter einem Din-A4-Blatt im Hochformat verstecken lässt, und Beckenknochen, über die sich im Liegen das Bikinihöschen wie eine kleine Brücke spannt, weil kein Bauchansatz da ist: All das sind Schönheitsideale, die in der Vergangenheit auf den sozialen Netzwerken für Aufsehen gesorgt haben. Doch es sind nicht nur diese vermeintlichen Ideale, sondern auch viele andere Bilder auf Instagram und Co., die an den Selbstwertgefühlen junger Menschen nagen, weiß Nina Spiedt von der Fachstelle Sucht. Die Fachstelle hat daher gemeinsam mit der Frauenberatung Verden ein Präventionsprojekt initiiert. Im Fokus stehen dabei Schönheitsideale und Essstörungen.

Mit einer Fortbildung für Fachkräfte hat die erste Phase des Projekts am Montag begonnen. Künftig sollen sich unter anderem Lehrkräfte, aber auch Sozialpädagoginnen und -pädagogen gemeinsam mit Schülern mit dem Thema Essstörungen befassen. 

Ein stilles Thema

Jugendliche sind besonders häufig von gestörtem Essverhalten betroffen. Und doch werde im Vergleich zu anderen Problemen wie beispielsweise Alkoholmissbrauch oder Konsum von illegalen Drogen kaum über das Thema gesprochen, kritisiert Friederike Geißler von der Frauenberatung. "Es ist ein stilles Thema", sagt sie. Entgegen der Vorstellung vieler Menschen sei es zudem auch ein "Jungsthema". Denn obwohl Mädchen und junge Frauen besonders häufig unter Essstörungen leiden, sei die Zahl männlicher Betroffener nicht zu unterschätzen.

Jeder zehnte Betroffene sei männlich, ergänzt Stephanie Lahusen. Die Musiktherapeutin aus Düsseldorf steuert für das Projekt in Verden eine Ausstellung bei. Gemeinsam mit fünf Mädchen und einem Jungen, die wegen einer Essstörung bei ihr in Behandlung waren, hat sie die Ausstellung "Klang meines Körpers" gestaltet. Die Idee stammte von den Jugendlichen, die andere an ihrem Leben und Erleben teilhaben lassen wollten, erklärt Lahusen. 2017 war die Ausstellung auf Initiative der Frauenberatung bereits im Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium in Achim zu sehen.

Einblicke in die Gefühlswelten Betroffener

Die Betroffenen haben dafür mehrere Roll-ups gestaltet, die Einblicke in ihre Gefühlswelt geben. Zusätzlich haben sie Koffer mit jenen Dingen bestückt, die ihnen im Kampf gegen die Erkrankung geholfen haben. Die Ausstellung sei lebensbejahend gestaltet, erläutert Lahusen. "Hinter jeder Essstörung steckt ein ganz anderer Hunger", sagt sie. Die Ausstellungsstücke setzen bewusst auf Gefühle. "Prävention muss durchs Herz gehen", lautet Lahusens Credo.

"Essstörungen sind immer ein Symptom", erklärt auch Friederike Geißler. Die Hintergründe seien so vielfältig wie die Betroffenen selbst. Schwierigkeiten mit der Identitätsfindung, Mobbing, die Trennung der Eltern, Leistungsdruck und viele andere Probleme können hinter dem gestörten Essverhalten stecken. 

Häufig würden Betroffene zunächst für ihre Abnahme mit Komplimenten bedacht. Mit der Zeit verzerre sich dann ihre Wahrnehmung. Selbst wenn sie schon sehr dünn seien, empfänden sie sich als zu dick. "Ab 45 Kilo wird es lebensbedrohlich", mahnt Geißler. Während sich Betroffene seltener direkt Hilfe bei der Frauenberatung holen, seien es häufiger besorgte Lehrkräfte oder Eltern, die sich bei ihr melden. "Wenn das Thema Essen einen großen Raum einnimmt", das sei ein erstes Warnsignal. Auch wenn Jugendliche nicht mehr gemeinsam mit Freunden oder Familie essen und behaupten, in einem unbeobachteten Moment bereits gegessen zu haben, sollten Angehörige hellhörig werden. Das Problem: "Betroffene schrecken oft zurück, wenn sie darauf angesprochen werden", sagt Nina Spiedt. 

16 Fachkräfte von den Berufsbildenden Schulen, der Oberschule Verden und dem Domgymnasium haben in der Fortbildung gelernt, wie sie gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern mit der Ausstellung "Klang meines Körpers" arbeiten können. Vom 1. bis zum 12. November ist die Ausstellung in den Berufsbildenden Schulen zu Gast. 

Im kommenden Jahr soll das gemeinsame Projekt von Frauenberatung und Fachstelle Sucht in die nächste Phase gehen. Dann werden gemeinsame Teams durch Schulen ziehen und Jugendliche weiter über das Thema Essstörungen aufklären. Ein weibliches Duo sucht dabei das Gespräch mit Mädchen, zwei Männer stehen hingegen den Jungen zur Verfügung. Finanziert wird das Projekt vom Landkreis Verden.

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