Stolpersteine

Gedenken im Quadrat

Entlang der Fußgängerzone und weiteren Straßen in Verden erinnern bereits 81 Steine an das Schicksal von Opfern des Nationalsozialismus. 21 weitere sollen nun hinzukommen.
28.09.2021, 17:04
Lesedauer: 3 Min
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Gedenken im Quadrat
Von Marie Lührs

Sieben weitere Stolpersteine sollen ab Freitag, 1. Oktober, an die Schicksale von Menschen aus Verden erinnern. Politisch Verfolgte, Menschen jüdischen Glaubens und jene, die dem Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus zum Opfer fielen bekommen in diesem Jahr den Gedenkstein. Manche von ihnen haben überlebt. Doch das Dritte Reich hinterließ seine Spuren in ihren Lebensläufen. 

Die Steine verlegt der Aktionskünstler und Erfinder der Stolpersteine Gunter Demnig persönlich in Verden. An diesem Freitag wird er daher in der Innenstadt zu Gast sein. Die ersten zehn mal zehn Zentimeter großen Gedenktafeln wird er ab 9 Uhr an der Großen Straße 43 in das Pflaster einlassen. Dort wird bereits an einige Mitglieder der Familie Löwenstein gedacht. Zusätzliche Innschriften sollen nun an weitere Angehörige erinnern. Am selben Ort wird künftig Harry und Irene Goldmann gedacht.

81 Steine wurden in den vergangenen Jahren bereits in der Allerstadt verlegt. Man stolpere nicht im klassischen Sinne darüber, falle nicht hin, sagt Demnig über das Projekt. Statt Füße seien es Augen und Herzen, die über die in den Boden eingelassenen Inschriften stolperten. Die Tafeln geben in kurzen Worten Einblicke in menschliche Schicksale, bieten Gelegenheit, innezuhalten. Um die Inschrift zu lesen, müsse man sich bücken, man verneige sich so vor den Opfern, sagt Demnig.

Verlegung an zehn Standorten

Im Laufe des Tages sollen an den Adressen Große Straße 56, 62, 65, 80, 82 und 118 sowie an der Brückstraße 5, Hinter der Mauer 10, Piepenbrink 17 und Stifthofstraße 7/9 weitere Steine in das Pflaster eingelassen werden. Sechs von ihnen gedenken an Menschen, die politisch verfolgt wurden. Zu ihnen gehört auch die Familie Schäfer. Berta Schäfer war lange Zeit in der KPD aktiv und verteilte auch nach deren Verbot weiter Flugblätter. Dafür wurde sie 1934 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu fast anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt, hat Joachim Woock vom Doz20 recherchiert. Als sie danach mit ihrem Mann in Verden lebte, hörte sie zu Kriegsbeginn regelmäßig ausländische Radiosender und berichteten anderen Frauen im Ort von dem Gehörten, um über den tatsächlichen Verlauf des Krieges aufzuklären. 1943 wurde sie dafür erneut verurteilt, konnte jedoch nach zwei Jahren aus dem Zuchthaus fliehen und sich bis Kriegsende verstecken. Ihr Mann, der bei der Kreissparkasse tätig war, verlor durch die Inhaftierung seiner Frau seine Arbeit. Ferdinand Schmidt, der Besitzer der Futterkonservierungs-Gesellschaft (Defu) stellte ihn daraufhin als Schweißer ein. Er stufte ihn als "kriegswichtigen Mitarbeiter" ein, um ihn vor der Einberufung zur Wehrmacht zu bewahren.

Im Gegensatz zum Ehepaar Schäfer überlebte Friedrich Ellermann die Zeit der Nationalsozialisten nicht. An ihn soll ein Gedenkstein an der Straße Hinter der Mauer erinnern. Mit 34 Jahren wurde er 1944 in einer Krankenanstalt umgebracht. Ein Eintrag in seiner Verdener Meldekarte bezeichnet ihn als "geistig minderwertig". 

Einige Opfer überlebten

Das Schicksal von Hans Jonas hat Werner Schröter recherchiert. "Wir machen eine Familienzusammenführung", erläutert er. Denn an der Großen Straße 80 erinnern bereits drei Steine an die Familie Jonas. Hans war von Verden nach Rostock gegangen, wo er von den Nazis verhaftet wurde. Während seine Familie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde, gelang ihm selbst die Auswanderung nach Bolivien. Dort setzte er seinem Leben mit 40 Jahren ein Ende.

Fünfmal war er bereits in Verden zu Gast. Einen Überblick über die Geschichten hinter einigen der bereits verlegten Steine gibt es unter www.regionalgeschichte-verden.de. Mit den Steinen sollen "rassenantisemitisch verfolgte, geflüchtete, entwürdigte, ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubte, ausgeplünderte, verhaftete, deportierte und ermordete Menschen" symbolisch nach Hause zurückgeholt werden, erläutert das Dokumentationszentrum Verden im 20. Jahrhundert, das die Verlegung organisiert hat.

Finanziert werden die Stolpersteine durch private Spenden. Die Geldgeberinnen und Geldgeber übernehmen die Patenschaft für einen Stein. Sie übernehmen neben den Kosten unter anderem auch dessen Pflege. Für das Jahr 2022 ist eine weitere Verlege-Aktion mit etwa 22 Steinen geplant.

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