LK Wesermarsch, Gemeinde Rastede

Das sind die Direktkandidaten im Wahlkreis 71

Am Sonntag ist Wahl: 84.000 Menschen im Wahlkreis 71 dürfen wählen. Der Landkreis Wesermarsch (ohne die Ge­meinde Jade) bildet zusammen mit der Gemeinde Rastede im Ammerland den Wahlkreis. Die Kandidaten im Überblick.
09.10.2017, 19:10
Lesedauer: 9 Min
Zur Merkliste
Von Georg Jauken und Albrecht-Joachim Bahr
Das sind die Direktkandidaten im Wahlkreis 71

Björn Thümler möchte zum dritten Mal in Folge in den Landtag. Er gewann schon 2003 als erster CDU-Politiker überhaupt das Direktmandat in der SPD-Hochburg Wesermarsch.

Silas Stein

CDU: Björn Thümler

Er gewann 2003 als erster CDU-Politiker überhaupt das Direktmandat in der SPD-Hochburg Wesermarsch. Jetzt geht es für Björn Thümler (46) darum, seinen Sitz im Landtag zum dritten Mal in ­Folge zu verteidigen. Mitte 2010 übernahm er den Vorsitz der CDU-Fraktion. Als Oppositionsführer seit 2013 erwies er sich als scharfer Kritiker des grünen Landwirtschaftsministers. Zuletzt warnte er vor einschneidenden wirtschaftlichen Folgen wegen der Naturschutzpläne für die Unterweser. Im Fall des Wahlsiegs soll der studierte Historiker Thümler Minister für Finanzen, Digitalisierung und Heimat werden. Sein zweiter Platz auf der Landesliste lässt erahnen, wie wichtig er für seine Partei ist.

Thümler trat mit 16 Jahren in die CDU ein. 1996 wurde er in den Berner Rat und in den Kreistag gewählt. Er gilt als gut vernetzter Allrounder, der vor Kulturschaffenden ebenso den richtigen Ton trifft wie vor Landwirten und Unternehmern. Im Interesse von Wirtschaft und Arbeit setzt er auf Forschung und Entwicklung im Technologiezentrum Nordenham und auf dem Maritimen Campus Elsfleth, auf den Bau der Küstenautobahn A 20 und die B 212 neu. Er setzt sich für die Weservertiefung ein und für den Generalplan Wesermarsch, um die negativen Folgen auszugleichen. Den ländlichen Raum will er durch Dorferneuerung und Sportförderung, eine gesicherte Ärzteversorgung, den Erhalt kleiner Schulen und die Förderung von Kultur und Vereinen stärken.

Als möglicher künftiger Minister will er die „Digitalisierung bis zur letzten Milchkanne“ vorantreiben und sich für eine neue, positive Besetzung des Begriffs Heimat einsetzen. Zu seinen wichtigsten Zielen in den nächsten fünf Jahren zählt Thümler außerdem den Erhalt der Förderschulen und ein flächendeckendes, freiwilliges Ganztagsschulangebot, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Außerdem will er sich für die duale Ausbildung, den kostenlosen Erwerb des Meistertitels und die Wiedereinführung des Meisters in jenen Branchen einsetzen, in denen er 2004 abgeschafft wurde.

SPD: Karin Logemann

Bei der Wahl 2013 hatte Karin Logemann das Direktmandat noch verpasst. Gut eineinhalb Jahre später zog sie als Nachrückerin über die SPD-Landesliste doch in den Landtag ein.

Bei der Wahl 2013 hatte Karin Logemann das Direktmandat noch verpasst. Gut eineinhalb Jahre später zog sie als Nachrückerin über die SPD-Landesliste doch in den Landtag ein.

Foto: Christian Kosak

Bei der Wahl 2013 hatte Karin Logemann das Direktmandat noch verpasst. Gut eineinhalb Jahre später zog sie als Nachrückerin über die SPD-Landesliste doch noch in den Landtag ein. Die gelernte Erzieherin aus Berne arbeitete als Journalistin, IT-Systemkauffrau und machte sich 2005 mit einer PR-Agentur selbstständig. Im Jahr darauf trat sie in die SPD ein – aus Überzeugung, wie sie sagt. Das Ziel sei eine ­gerechte und solidarische Gesellschaft. Investitionen in die Bildung und die Bekämpfung der Armut gehören für die 56-Jährige zu den zentralen Aufgaben der Gesellschaft.

Schon 2001 war Karin Logemann erstmals in den Gemeinderat gewählt worden. Als Vorsitzende der SPD Wesermarsch (seit 2010) und im Kreistag (seit 2006) setzt sie sich dafür ein, Wirtschaft und Gesellschaft in der Wesermarsch voran zu bringen. Zu den wichtigsten Erfolgen von Rot-Grün im Land zählt sie die Abschaffung der Studiengebühren, die Einführung der dritten Betreuungskraft in Kinderkrippen-Gruppen, die Aufstockung der Polizei und ihrer Ausbildungskapazitäten. Als Erfolg wertet sie auch, dass die Zuständigkeit für die Wesermarsch von Cuxhaven auf die Polizeiinspektion Delmenhorst zurück übertragen wurde.

„Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein“, ist Logemann überzeugt. Im nächsten Landtag will sie sich für die Abschaffung der Kita-Gebühren einsetzen. Die bisher nur bis zur zehnten Klasse kostenlose Schülerbeförderung müsse auf die höheren Jahrgänge an Gymnasien und auf Berufsschüler ausgeweitet werden. Denn auf dem Land würden dafür schnell mal 75 Euro im Monat fällig. Einsetzen will sie sich auch für eine flächendeckende Versorgung mit Ärzten, ein besseres Image der Pflege sowie eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte. Außerdem setzt sie auf Ganztagsschulangebote und flexible Betreuungszeiten. Gute Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht Logemann als Beitrag, die Abwanderung von Fachkräften aus ländlichen Regionen einzudämmen. Mehr Polizei und die Unterstützung des ­Ehrenamts nennt sie als weitere Ziele.

FDP: Horst Kortlang

2013 holte der ­damals auf Platz 11 gesetzte Horst Kortlang 9,9 Prozent der Stimmen und zog für die FDP erstmals in den Landtag ein.

2013 holte der ­damals auf Platz 11 gesetzte Horst Kortlang 9,9 Prozent der Stimmen und zog für die FDP erstmals in den Landtag ein.

Foto: fr

Seit 1989 macht Horst Kortlang als Ratsherr Politik in Elsfleth und seit 2006 als Kreistagsabgeordneter im Landkreis Wesermarsch. Er war stellvertretender Bürgermeister, setzte sich für den Erhalt der Seefahrtsschule und der Elsflether Werft sowie für den Bau des Maritimen Kompetenzzentrums ein. 2013 holte die FDP bei der Landtagswahl 9,9 Prozent der Stimmen und der auf Platz 11 gesetzte Kortlang zog erstmals über die Landesliste seiner Partei in den Landtag ein.

Dort setzte sich der gelernte Kfz-Elektrikermeister mit 40 Jahren Berufserfahrung als angestellter Sicherheitstechniker bei der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst Upjever für den Ausbau der Infrastruktur ein. Das Glasfaserkabelnetz für schnelle Internetverbindungen muss bis zum letzten Haus ausgebaut werden, lautet seine Forderung. Damit die Digitalisierung von Schulen, Betrieben und Haushalten auch in abgelegenen Regionen nicht am Geld scheitert, will er den Ausbau dort beginnen, statt in den dichter bevölkerten Zentren. Kortlang steht für den Bau der Küstenautobahn A 20 und warnt vor einem weiteren Windkraftanlagenzubau ohne belastbare Netzanbindung.

Als Sprecher seiner Fraktion für EU-Angelegenheiten warb der inzwischen 69-Jährige für das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, aber auch für einen offeneren Umgang mit den Inhalten, statt der viel kritisierten Geheimniskrämerei.

Im nächsten Landtag will sich Kortlang für die Stärkung der Polizei einsetzen, damit sich die Bürger sicher fühlen können, wie er sagt. Der wegen „einiger schwarzer Schafe“ an einem Image-Problem leidenden Landwirtschaft will er wieder zu einem größeren Stellenwert verhelfen. Kortlang will sich für die Stärkung der Berufs- und der Förderschulen einsetzen, für ein groß angelegtes Straßensanierungskonzept und ein Kreditprogramm, das jungen Familien den Zugang zu Krediten für den Bau eines Eigenheims erleichtert.

Mit Listenplatz 5 hat Kortlang gute Chancen auf den Wiedereinzug in den Landtag, selbst wenn er das Direktmandat verpasst.

Freie Wähler: Wilfried Samtleben

Wilfried Samtleben sieht sich politisch nah bei der FDP. Der zweifache Vater, der seit 2016 im Gemeinderat Ganderkesee sitzt, tritt aber als ­Direktkandidat für die Freien Wähler bei den Landtagswahlen an.

Wilfried Samtleben sieht sich politisch nah bei der FDP. Der zweifache Vater, der seit 2016 im Gemeinderat Ganderkesee sitzt, tritt aber als ­Direktkandidat für die Freien Wähler bei den Landtagswahlen an.

Foto: Ingo Moellers

Sein politisches Vorbild ist Helmut Schmidt. In Fragen der Steuerpolitik sieht sich Wilfried Samtleben nah bei der FDP. Letztlich entschied sich der Versicherungs- und Finanzmakler 2015 für ein Engagement bei den Freien Wählern. Der Grund: „Ich möchte unabhängige Politik betreiben, ohne parteipolitische Zwänge und ohne ideologische Schranken.“ Bei der Landtagswahl tritt er erstmals als Direktkandidat in der Wesermarsch an. Im Landtag würde sich der 65-Jährige für starke, selbstbestimmte Regionen einsetzen. „Politische Verantwortung muss dort wahrgenommen werden, wo auch die Folgen der Entscheidungen zu tragen sind.“ Für die Gemeinden fordert er ausreichend Geld und Planungssicherheit. Damit sie eine Zukunftsperspektive haben, seien Investitionen in das Breitbandnetz und die Verkehrswege, aber auch in den sozialen Wohnungsbau erforderlich. „Damit die Leute sich wieder eine Wohnung leisten können.“

Unternehmer mit Verantwortung auf der einen, Arbeitnehmer mit klugen Köpfen auf der anderen Seite sieht er als Rückgrat der Gesellschaft an. Um den Mittelstand zu stärken, wäre die Abschaffung des Solidaritätszuschlags für Samtleben ein Zeichen, dass die Richtung stimmt. „Wir brauchen neue Anreize, damit sich Leistung wieder lohnt.“ Eine Absage erteilt er dem „Bürokratiemonster und Draufzahlgeschäft“ Pkw-Maut.

Eins seiner weiteren Themen ist die Sicherheit. Durch die Angst vor Terror und Einbruchskriminalität leide das Sicherheitsgefühl der Bürger. Sein Rezept dagegen ist mehr Polizeipräsenz, mehr Personal und Sachmittel für die Ermittler sowie eine schnelle Opferentschädigung ohne ­unnötige Hürden. Samtleben ist zweifacher Vater und lebt mit seiner zweiten Ehefrau in Ganderkesee. Dort sitzt er seit 2016 im Gemeinderat. Seine Chance auf den Einzug in den Landtag, das weiß er, sind gering.

Den Freien Wählern fehlten die personellen und finanziellen Mittel größerer ­Parteien. Warum er kandidiert? – „Die Arbeit im Landtag wäre eine Aufgabe, die mich wirklich interessieren würde.“

Linke: Gerd Coldewey

Gerd Coldewey vertrat lange die Grünen als Parteiloser im Kreistag und der ­Gemeinde Stadtland. Hartz-IV und Bundeswehr-Auslandseinsätze waren sein Anlass, 2006 bei den Linken einzutreten.

Gerd Coldewey vertrat lange die Grünen als Parteiloser im Kreistag und der ­Gemeinde Stadtland. Hartz-IV und Bundeswehr-Auslandseinsätze waren sein Anlass, 2006 bei den Linken einzutreten.

Foto: Johannes Dotter

Zwei Versuche hat es gebraucht. Dann kürten die Mitglieder der Linkspartei im Wahlkreis 71 Gerd Coldewey mit großer Mehrheit zu ihrem Direktkandidaten für die Landtagswahl. Schon 2008 hatte er kandidiert und das Ziel ebenso deutlich verfehlt wie im Jahr darauf bei der Bürgermeisterwahl in Berne.

Im Landtag will sich der 69-Jährige für bessere Bildungschancen einsetzen. Bildung betrachtet er als gesellschaftliche Aufgabe, die vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung kostenfrei sein müsse. Den Bau der A 20 lehnt er als „überflüssig und kontraproduktiv“ ab. Der Generalplan Wesermarsch müsse unabhängig von einer weiteren Weser-Vertiefung umgesetzt werden, um das Eindringen von immer mehr Salzwasser in das Grabensystem im Norden des Kreisgebiets aufzuhalten. Den Schwerpunkt seiner politischen Arbeit sieht der Biobauer im Ruhestand in einer alternativen Agrarwirtschaft. „Die bäuerliche Landwirtschaft braucht keine staatlichen Almosen, sondern gerechte Erzeugerpreise.“ Sein Konzept sieht gestaffelte Erzeugerpreise vor, die Grundmengen besser honoriert als die darüber hinaus produzierten Mengen an Milch, Kartoffeln, Fleisch und Getreide. Die Grundmengen würden dabei nach der Anzahl der familieneigenen Arbeitskräfte und der tariflich bezahlten Beschäftigten berechnet. Darüber hinaus würde nur noch das Einhalten von Umweltstandards über den gesetzlichen Rahmen hinaus staatlich prämiert. Die übrigen Agrarprogramme, von denen laut Coldewey vor allem Großbetriebe profitierten, sollen ersatzlos gestrichen werden.

Der grüne Anstrich seiner Vorschläge ist kein Zufall. Geprägt von den Auseinandersetzungen um Atomkraft und Umweltschutz hatte er seinen Hof in Seefelderaußendeich Ende der 1980er-Jahre auf Biolandwirtschaft umgestellt und vertrat viele Jahre lang die Grünen im Kreistag und im Rat der Gemeinde Stadland, ohne Mitglied der Partei zu sein. Bei den Linken trat er 2006 ein, weil er die von den Grünen mitgetragene Hartz-IV-Politik und Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnte.

Grüne: Dragos Pancescu

Der Grünen-Kandidat Dragos Pancescu hat eine Herzensangelegenheit: „Die offene Gesellschaft.“ Allerdings betont er mit Blick auf Zuwanderung: „Das ist keine Einbahnstraße.“

Der Grünen-Kandidat Dragos Pancescu hat eine Herzensangelegenheit: „Die offene Gesellschaft.“ Allerdings betont er mit Blick auf Zuwanderung: „Das ist keine Einbahnstraße.“

Foto: FR

Wenn viele Nicht-Norddeutsche bei seinem Namen auf ostfriesische Herkunft tippen, dann, sagt Dragos Pancescu, müsse er passen. „Mein Name hat einen rumänischen Ursprung.“ Denn Pancescu, bei der anstehenden Landtagswahl Spitzenkandidat der Grünen/Bündnis 90 in der Wesermarsch, wurde 1967 in Bukarest geboren. Er ist verheiratet, lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Wesermarsch und arbeitet als selbstständiger EDV- und IT-Unternehmer in eigener Firma in Brake. Seine beruflichen Schwerpunkte sind Themen wie Internet, Social Media und Webdesign.

Die Themen, mit denen Pancescu dagegen politisch punkten will, sind: Kinder-, Jugend- und Schulpolitik, umweltschonende Energiepolitik, Tourismus, Attraktivitätssteigerung der Innenstädte, Integration und Gleichstellung. Wobei ganz oben auf seiner politischen Agenda der Schutz der Umwelt steht. „Den werden wir verstärkt auch und vor allem bei Beteiligung an der Landesregierung weiterverfolgen.“

Sein Augenmerk liege dabei unter anderem auf Fragen der Infrastruktur. Hier hat Pancescu vor allem die geplante A 20 im Blick (die „Küstenautobahn“ die durch den bestehenden Wesertunnel hindurch dereinst auch in die Wesermarsch führen soll). „Der Weiterbau ist wirtschaftlich einfach nicht sinnvoll“, betont der Kandidat, „und stellt darüber hinaus einen erheblichen Eingriff in die Natur dar“. So wie auch die Weservertiefung, die zudem einen weitreichenden Eingriff in die Landwirtschaft bedeuten würde. Hier würde man Probleme mit der Versalzung entlang der Uferzone bekommen, von der See her durch das Salzwasser und von Hessen her durch Abwasser aus der Kaliproduktion.

Eine besondere „Herzensangelegenheit“ ist ihm über Umweltschutz und weitere Themen hinaus die offene Gesellschaft. Pancescu: „Dass wir ein gutes und offenes Miteinander leben“. Hinsichtlich der Integration von Zugewanderten betont er allerdings, „dass das keine Einbahnstraße ist“. Er sei sich bewusst, dass das nicht einfach ist. „Aber da müssen wir uns stellen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+