Anstieg in Niedersachsen um 32 Prozent Gewalt und Straftaten an Schulen machen Experten ratlos

Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Straftaten an Schulen in Niedersachsen im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent zu. Besonders stark stieg die Anzahl der Körperverletzungen.
22.04.2018, 22:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Evers

Nach mehr als zehn Jahren Rückgang sind Gewalt und Kriminalität an Niedersachsens Schulen im vergangenen Jahr wieder kräftig angestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Zahl der Straftaten an Schulen um 32 Prozent auf 5556 Fälle zu, wie das Landeskriminalamt (LKA) mitteilte. Besonders kräftig stieg die Zahl der Körperverletzungen (plus 29 Prozent) sowie der Diebstähle (plus 19 Prozent), wobei es in knapp der Hälfte der Fälle um Fahrraddiebstähle ging.

Die Rauschgiftdelikte stiegen zwar um 43 Prozent, spielten mit 460 Fällen aber insgesamt nur eine Nebenrolle. Beleidigungen wurden 394 mal angezeigt. Gut zwei Drittel aller Taten wurden aufgeklärt, die große Mehrzahl der Täter war männlich. Der Anstieg geht nach LKA-Angaben auch einher mit einem Anstieg der gesamten Jugendkriminalität in Niedersachsen im Jahr 2017.

Nach zehnjährigem Rückgang nahm die Zahl minderjähriger Tatverdächtiger um vier Prozent zu, die Zahl tatverdächtiger Kinder stieg um 21 Prozent. Die Gründe will das LKA untersuchen. Auch für den Wiederanstieg der Kriminalität an Schulen gibt es noch keine Erklärung.

Nachdem Kriminalität und Gewalt an der Mehrzahl deutscher Schulen viele Jahre lang rückläufig gewesen sind, melden zahlreiche Bundesländer für 2017 einen oft spürbaren Anstieg. Dieser liegt im Trend mit einem sich abzeichnenden generellen Wiederanstieg der Jugendkriminalität, die ebenfalls viele Jahre zurückging. Bundesweite Zahlen will das Bundeskriminalamt in einigen Wochen vorlegen.

Kriminologe Christian Pfeiffer sagte, einer der Gründe könne sein, dass die Anzeigequote bei Gewalt unter Jugendlichen leicht gestiegen sei. In Zeiten großer medialer Aufregung über Gewalttaten würden Straftaten häufiger angezeigt. Auch wenn es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Ausländer handele, sei die Anzeigebereitschaft statistisch erwiesenermaßen höher.

Pfeiffer betonte aber, generell gebe es in den vergangenen 20 Jahren den Trend, dass schwere Gewalt an Schulen deutlich zurückgegangen sei. Zugenommen habe aber Cybermobbing, also Hetze gegen andere Jugendliche über soziale Medien oder im Internet.

Programme zur konstruktiven Konfliktlösung

„Da ist noch ein großer Auftrag an die Schulen, die glänzende Arbeit zu Bekämpfung der körperlichen Gewalt geleistet haben in den letzten 20 Jahren“, sagte Pfeiffer. In der Fortbildung der Lehrer finde das Thema noch viel zu wenig statt. Wie die Sprecherin der Landesschulbehörde erklärte, gibt es an den Schulen verschiedene Programme zur konstruktiven Konfliktlösung für Schüler und für Lehrer zur Steigerung des sozialen Miteinanders in der Klasse.

Bei Konflikten könnten auch die Schulsozialarbeit und Beratungslehrer helfen. Über Straftaten an Schulen müsse die Leitung die Polizei informieren. Die Zahl der Straftaten an niedersächsischen Schulen hatte 2008 bei 8575 gelegen, 2006 waren noch 10.523 Fälle registriert worden. Als Gründe für den Rückgang seitdem wurden vor allem die ausgebaute Gewaltprävention gesehen sowie die verbesserte Zusammenarbeit der Schulen mit der Polizei.

Dafür, dass die Jugendkriminalität bundesweit viele Jahre lang rückläufig war, gibt es nach Untersuchungen von Kriminologe Pfeiffer mehrere Ursachen. Diese sind unter anderem die steigende Schulbildung, weniger Gewalt im Elternhaus, eine geringere Akzeptanz von Gewalt sowie mehr Prävention und auch die rückläufige Arbeitslosigkeit.

Bundesweit nicht überall ähnlich kräftiger Zuwachs

Weitere Gründe seien der Rückgang jugendlichen Alkoholkonsums, weniger Schulschwänzer, ein konsequenteres Einschreiten der Schulen gegen Gewalt sowie mehr Zuwendung der Eltern für ihre Kinder. Der jüngste Zuwachs der Schulkriminalität ist bundesweit nicht überall ähnlich kräftig. In Hessen gab es nur 89 Fälle mehr als im Vorjahr. Schwerpunkte blieben Fahrraddiebstähle und Körperverletzungen.

2017 wurden in Hessen 3232 Tatverdächtige erfasst, davon hatten 728 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. In Baden-Württemberg gab es ein Plus bei der Schulkriminalität von fünf Prozent. In der großen Überzahl wurde gegen männliche, deutsche Tatverdächtige ermittelt. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Schulstraftaten 2017 im Vergleich um fast fünf Prozent auf 22.900, das waren gut 1000 Taten mehr als im Vorjahr.

Die Zahl der Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen stieg im Vergleichszeitraum von 40 auf 55 Fälle. In Thüringen wurden 2202 Straftaten an Schulen erfasst – 157 mehr als im Vorjahr. Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger stieg von 8,2 auf 11,3 Prozent. An Schleswig-Holsteins Schulen stiegen die Zahlen besonders bei Rohheitsdelikten und Sachbeschädigungen an. In Bayern gab es mit 8356 Fällen von Schulgewalt 540 mehr als im Vorjahr.

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