Neustart in der Hansestadt Obdachlose Frau findet neue Heimat in Bremen

Der Bericht über eine obdachlose Frau ging einem Bremer Hausbesitzer aber so nahe, dass er ihr eine Wohnung angeboten hat.
20.01.2018, 20:09
Lesedauer: 4 Min
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Obdachlose Frau findet neue Heimat in Bremen
Von Justus Randt

„Das ist eine blöde Situation. Ich habe ganz schön Manschetten gehabt, und er auch“, sagt Carmen H. über ihre erste Begegnung mit Gerhard B. (die echten Namen sind der Redaktion bekannt). Als der Rentner im WESER-KURIER vom Schicksal der obdachlosen Hannoveranerin las, hörte er auf sein Herz und beschloss, der Frau eine Wohnung in seinem Bremer Haus anzubieten.

Auf Vermittlung der Redaktion begegneten sich die beiden an einem Ort, der auch in dem Zeitungsbericht vorgekommen war: im Kältebus, der Wohnungslose an festen Haltestellen in Hannover mit Essen und Kleidung versorgt. Das war vor zehn Tagen. Inzwischen gibt es bereits Pläne, wie die Räume eingerichtet werden sollen.

Dass wohnungslosen Frauen auf der Straße Angebote gemacht werden, kommt öfter vor. Nicht selten sind sie zweifelhaft, riskant sind sie immer: „Man weiß ja nicht, wer einem entgegentritt, und lässt sich auf nichts ein. Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht und bin sofort auf Abstand“, sagt Carmen H.. Zuletzt, sagt die 43-Jährige, habe sie sich einer Gruppe wohnungsloser Polen angeschlossen, die ebenfalls am Zentralen Omnibusbahnhof übernachtet und auf sie aufgepasst hätten. Carmen H. ist froh, dass Mitarbeiterinnen des Kältebusses beim ersten Gespräch mit dem künftigen Vermieter dabei waren.

„So etwas ist die absolute Ausnahme“, sagt Christian Jäger von der Zentralen Beratungsstelle Niedersachsen der Caritas in Osnabrück. Kampagnen im Nordwesten Niedersachsens, mit denen in den vergangenen Jahren nach Vermietern gesucht wurde, die Wohnungslose in ein „normales Mietverhältnis“ übernehmen, seien ohne Resonanz geblieben, sagt der Sozialarbeiter. „Wohnungslosigkeit ist zunehmend deutlich auch im ländlichen Bereich wahrnehmbar, auch der Anteil der Frauen und der unter 25-Jährigen steigt.“

Aktuelle Daten aus dem Jahr 2017 liegen bislang nur als Stichtagserfassung vom 30. Oktober vor: Demnach waren in der Region 1058 Männer und 262 Frauen aktuell betroffen oder unmittelbar bedroht von Wohnungslosigkeit oder lebten in unzumutbaren Wohnverhältnissen.

"Ich bin kein großer Samariter"

Zwei Tage nach dem ersten Treffen setzte sich Carmen H. in den Zug, fuhr nach Bremen und sah sich die Wohnung an. Inzwischen ist sie schon einige Tage dort. Es gibt noch allerhand zu regeln: Um als Hartz-IV-Empfängerin weiter Leistungen zu beziehen, muss sie sich in Hannover ab- und in Bremen anmelden, und natürlich muss der Mietvertrag ausgearbeitet werden. „Ich bin kein großer Samariter“, sagt Gerhard B., „aber ich mache das auch nicht wegen des Geldes.“ Carmen H. ist das nur recht: Sie sucht keinen Retter, sondern braucht eine Chance. „Ich muss erst mal ankommen“, sagt sie. „Ich merke, wie ich langsam zur Ruhe komme, merke, dass eine Last abfällt.“

Gewalt in einer früheren Partnerschaft, schlechte Erfahrungen, die Carmen H. in einer Notunterkunft gemacht hatte, dass sie nun auf der Straße lebte – das rührte Gerhard B. „Ich überlegte, wie mein Leben ausgesehen hatte, als ich 43 war.“ Vor allem aber dachte der 67-Jährige daran, dass er als uneheliches Kind Ende der Sechzigerjahre einige Schwierigkeiten hatte.

„Ich habe damals auch in Hannover gelebt, in einem Lehrlingsheim“, erzählt er. Maschinenschlosser wurde er aber erst viel später. Nachdem es eine Auseinandersetzung mit seinem Lehrmeister gegeben hatte, war Schluss mit der Ausbildung. Er lebte auf der Straße, wurde immer wieder aufgegriffen, landete im Erziehungsheim, schließlich in der berüchtigten Fürsorgeanstalt Freistatt. „Ich wollte Seemann werden und bin später in Bremen hängen geblieben.“

Carmen H. hat zwei Monate auf der Straße gelebt. Früher hat sie im Einzelhandel und in der Hotellerie gearbeitet. Eine Stelle, davon träumt sie. Irgendwann, hofft sie, wird es auch wieder Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln geben.

Gerhard B. erntet nicht nur Zustimmung: Dass Carmen H. in seinem Haus wohnen soll und will, „das stößt bei meiner erwachsenen Tochter leider auf Ablehnung“.

„Frauen werden nicht so leicht miteinander warm“, erzählt Carmen H. vom Leben auf der Straße. Männer verkörpern für sie Gefahr. „Ich habe viele Geschichten gehört“, sagt sie, „und es spielt eine große Rolle, wie lange man auf der Straße lebt. Irgendwann verliert man die Hoffnung, wieder Fuß zu fassen und eine Wohnung zu finden.“

Auch wenn sie selbst nichts damit zu tun hat, kann Carmen H. „verstehen, dass zu Alkohol oder Drogen gegriffen wird, um den Kopf mal zur Ruhe zu kriegen“. Man werde schnell verurteilt. „Als Helferin würde mich das auch überfordern“, sagt die 43-Jährige. „Ich war vorher ja noch nie obdachlos. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich versuchen zu helfen.“

Mit der Hilfe ist es so eine Sache. „Wir wissen, dass Berichte über Obdachlosigkeit immer eine positive Wirkung haben, da finden die Menschen leicht Zugang“, sagt Rolf Jordan, Fachreferent bei der Bundarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin. Eine Zeit lang steigt die Spendenbereitschaft. Seine Prognose für 2018 geht von bundesweit 860 000 Wohnungs- und mehr als 50 000 Obdachlosen aus. Als wohnungslos gilt, wer ohne eigene Bleibe ist und beispielsweise Hilfeangebote wie Notunterkünfte in Anspruch nimmt. Obdachlos ist, wer auf der Straße lebt.

In Bremen, vermutet Anke Mirsch vom Verein für Innere Mission, leben insgesamt 600 Wohnungs- und Obdachlose. Im Programm Ibewo, intensiv begleitetes Einzelwohnen, stehen 45 Plätze für Frauen und Männer zur Verfügung, die das Leben in eigenen vier Wänden erst wieder trainieren müssen. „Das Schlimmste ist ja, wenn man Gutes tun will, es aber nicht funktioniert“, sagt Mirsch. Hilfesuchende und Helfer können sich an die Wohnungslosenhilfe des Vereins wenden, unter Telefon 04 21 / 3 22 99 30. Das Diakonische Werk Hannover schätzt, dass bis zu 4000 Menschen in der Landeshauptstadt wohnungs- und rund 400 obdachlos sind.

„Noch ist das alles Neuland für mich in Bremen“, sagt Carmen H., „aber das wird sich demnächst ändern.“ Als Gerhard B. im Kältebus auftauchte, „da war ich geplättet“. Aber sie sagt auch: Das ist der einzig vernünftige Weg. „Hätte er mich auf der Straße angesprochen – das wäre gar nicht gegangen. Der Weg über die Hilfeorganisationen ist besser, zu denen besteht ein Vertrauensverhältnis.“

Wenn Carmen H. und Gerhard B. den Mietvertrag unterschrieben haben und die Ummeldung über die Bühne gegangen ist, hat Hannover eine obdachlose Bürgerin weniger. Dann soll es auf jeden Fall einen Abschiedsbesuch geben bei denjenigen, die weiter am Busbahnhof leben.

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