Ab Januar Führungen durch ehemalige Bundeskanzleramt Einblicke in Helmut Schmidts Arbeitszimmer

Zigaretten, Schnupftabak und ein Aschenbecher – das war offenbar alles, was Helmut Schmidt zum Regieren brauchte. Jedenfalls suggeriert das sein altes Arbeitszimmer.
24.09.2016, 00:00
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Von Thomas Kröter

Zigaretten, Schnupftabak und ein Aschenbecher – das war offenbar alles, was Helmut Schmidt zum Regieren brauchte. Jedenfalls suggeriert das sein Schreibtisch. Ab Januar gibt es Führungen durch sein altes Arbeitszimmer.

In die Wege geleitet hat das Ganze jedoch ein Mann aus Bayern: Gerd Müller. Nein, nicht der Fußballer, sondern der etwas weniger bekannte Entwicklungsminister. Der CSU-Politiker ist heute Hausherr im einstigen Herzstück der Bundesregierung. Sein Ressort gehört zu den sechs (bis zur Auflösung des Postministeriums sieben) Ministerien, die nach dem Umzugsbeschluss des Bundestages ihren „Ersten Dienstsitz“ in Bonn behalten haben. Bei der fälligen Rochade der Liegenschaften landete die Entwicklung im ehemaligen Kanzleramt. Keine schlechte Lage, denn in der Gegend um den alten Bundestag wächst heute das Viertel der Vereinten Nationen in Bonn.

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Begonnen hat die Reise des Kanzlertisches mit Gerd Müllers erstem Rundgang an seinem neuen Arbeitsplatz im Dezember vor drei Jahren. Nicht ohne Ehrfurcht betrat der geschichtsbewusste Minister den großen Kabinettssaal mit dem überdimensionalen ovalen Tisch, an dem Minister schon im benachbarten Palais Schaumburg getagt hatten, dem ersten Kanzleramt der westdeutschen Nachkriegsrepublik. Wofür der in dunklem Holz gehaltene Raum denn genutzt werde, wollte er wissen. „Och“, lautete die Antwort, „hier tagt ab und zu der Personalrat“. Müller war elektrisiert. Das durfte doch nicht wahr sein. „Das Kanzleramt steht für deutsche Geschichte in Bonn“, fand er. „Das muss dokumentiert werden.“ Nun war auch das Palais Schaumburg (bis es saniert werden musste) für die Öffentlichkeit zugänglich. Ständig ausgebucht sind die Führungen durch den „Kanzlerbungalow“, den in den 60er-Jahren Ludwig Erhard im kühlen Stil der Nachkriegsmoderne von seinem Freund Sep als offizielles Wohnhaus errichten ließ. Aber die Mischung von Museum und realexistierendem Ministerium – die ist neu. Und in Zeiten erhöhter Sicherheitsanforderungen eine Herausforderung.

Müller hat alle drei „Bonner“ Kanzler eingeladen. Als einziger kam, schon an den Rollstuhl gefesselt, Helmut Kohl. Es war sein erster Besuch nach den 16 Jahren als Regierungschef, die er komplett hier verbracht hat. Zum Teil mit feuchten Augenwinkeln und immer wieder still innehaltend, ließ er sich durch die Räume fahren. Gerhard Schröder, der einst am Zaun gerüttelt und gerufen haben soll „Ich will hier rein!“, wollte nach seiner Wahl 1998 nichts wie raus. Richtung Berlin. Entsprechend gering sein Interesse an einer nostalgischen Visite.

Helmut Schmidt wäre gern gekommen, aber die Anfrage erreichte ihn in einer Zeit, da er Hamburg nicht mehr verließ. Als der Minister nach Erinnerungsstücken für sein Kanzlermuseum fragte, bekam er zur Antwort: „Schauen Sie sich doch mal in meinem Berliner Büro um!“ Das taten dann Mitarbeiter des Hauses der Geschichte. Denen stockte der Atem. Sie fanden eine fast originalgetreue Kopie des Büros aus dem Bonner Kanzleramt, wie sie es aus zahlreichen Fotografien und Filmen kannten. Damit war klar: Es würde ein „Schmidt-Büro“ im Bonner Kanzlermuseum. Das bot sich auch deshalb an, weil er 1976 der erste Benutzer war. Zu sehen sind, Pfeifen und Aschenbecher, ein Uraltradio, Bilder mit Widmungen, die zur Interpretation anregen: von Willy Brandt „mit Dank und in Verbundenheit“ oder Walter Scheel „in freundschaftlicher Verbundenheit“. Und viel Kunst.

Schmidt behagte die von Willy Brandts Kanzleramtsminister Horst Ehmke total auf Funktionalität getrimmte Atmosphäre des Hauses nicht. Da könne eine „rheinische Sparkasse“ untergebracht sein, schimpfte er. Also brachte er seine Kunst mit. Vor dem Haus wurden Henry Moores Bronzeskulptur „Large two Forms“ aufgestellt, interpretierbar als Sinnbild der beiden deutschen Staaten. Drinnen kamen Bilder deutscher Expressionisten an die Wände. Im Kanzlerzimmer Emil Nolde. Eine Vorliebe, die Schmidt mit der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin teilt. Am Freitag wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Besuche beginnen im Januar.

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