Kanzlerin beim Ökumenischen Kirchentag

Merkel: Mehr für den Klimaschutz tun

Politische Prominenz und viele aktuelle Themen standen am Sonnabend im Zentrum des Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt. Wegen der Corona-Pandemie musste der Kirchentag überwiegend digital stattfinden.
15.05.2021, 19:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe

„Wir können und müssen beim Klimaschutz mehr tun, und das gilt für jeden Einzelnen von uns.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde am Sonnabend  deutlich. Bei einem Diskussionspodium des 3. Ökumenischen Kirchentags mahnte sie ein deutlich stärkeres Eintreten gegen den Klimawandel an. „Wir wissen um unsere Verantwortung als Industrienation“, sagte Merkel. Zum einen, weil die Industrienationen den Klimawandel zu großen Teilen mit verursacht hätten. Zum anderen, weil sie die Technologien besäßen, um dagegen vorzugehen.

Merkel vor einer blauen Wand im Kanzleramt

Unter normalen Umständen hätte Merkel für diese Aussagen Applaus bekommen. Eine voll gefüllte Messehalle mit Kirchentagsbesuchern hätte der Bundeskanzlerin zugejubelt. Doch wegen der Corona-Pandemie fanden die aus Frankfurt am Main übertragenen Veranstaltungen des Kirchentags am Sonnabend nur als Stream im Internet statt. Merkel saß vor einer blauen Wand im Kanzleramt, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die als Opponentin Merkels auftrat, in einem Arbeitszimmer.

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„Es war ein unglaublich großer Vertrauensbruch, den ganz viele junge Menschen erfahren haben, als uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorgerechnet haben, was alles schiefläuft“, sagte Neubauer. Die Bundesregierung habe Klimaschutz „nicht nur über Jahre verschlafen, sondern blockiert und die Klimakrise vorangetrieben.“ Eine weitere Diskutantin, die an dieser Stelle gut gepasst hätte, saß unterdessen auf einem anderen Podium: Grünen-Chefin Annalena Baerbock forderte dort Marktregeln, die der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien den Vorrang gäben. Derzeit würden fossile Energien subventioniert, der Markt sei ungerecht.

Mit dem Fernduell der beiden Spitzenpolitikerinnen zeigte sich indes auch schlaglichtartig, vor welchem Problem der digitale Kirchentag stand: Die für die Christentreffen sonst so typische Debattenkultur, der Markenkern von Kirchen- wie Katholikentagen schlechthin, musste, den Erfordernissen des Internets angepasst, vielfach Federn lassen: Weil die Veranstaltungen mit Merkel und Baerbock vorher aufgezeichnet wurden, waren die sonst üblichen Rückfragen des Publikums nicht möglich.

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Noch deutlicher wurden die Probleme an einer anderen Stelle: Zu einem der drängendsten Themen beider Kirchen, dem Umgang mit dem sexuellen Missbrauch, waren Betroffene und Bischöfe in zwei verschiedenen Veranstaltungen zu Gast, und nicht einmal das klappte am Ende richtig: Als die Betroffene Katharina Kracht in Frankfurt zugeschaltet war, gab es Regie- und Kommunikationsprobleme. Erst im zweiten Anlauf konnte die Bremerin ihr bewegendes Statement vortragen, in der sie die Auflösung des Betroffenenbeirats  der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Anfang der Woche als „fatal, fürchterlich und sehr gutes Beispiel von Machtmissbrauch“ bezeichnete. Für die evangelische Kirche sei es typisch, Sprache und Rhetorik zum Machterhalt einzusetzen.

Als der EKD-Missbrauchsbeauftragte und Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns zwei Stunden später auf einem Podium mit der Moderatorin Claudia Keller und dem Trierer Bischof Stephan Ackermann Platz nahm, bestätigte er das – vermutlich jedoch ungewollt. „Die Art, wie man mit seiner Sprache die Wirklichkeit deutet, hat Einfluss auf Menschen“, sagte der Bischof, als ihn die Journalistin nach seinen Erfahrungen mit Macht fragte. Zugleich bekräftigte Meyns, dass die EKD weiterhin eine Betroffenenbeteiligung wolle, der Beirat sei aus seiner Sicht nur „ausgesetzt“.

Stephan Ackermann sorgt für Aufsehen

Im Unterschied zu Betroffenenvertretern behauptete Meyns aber erneut, dass dies auf Wunsch des Beirats geschehen sei, musste dann aber einräumen, dass nur drei von sieben – nach dem zwischenzeitlichen Austritt fünf weiterer Beiratsmitglieder – verbliebenen Betroffenenvertretern diesen Wunsch geäußert hätten. Und auch der katholische Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann sorgte für Aufsehen, als er mit „Aktivisten“ besetzte Beiräte in Frage stellte. Aufgabe der Beiräte sei es, die Kirche zu beraten – und sich nicht als Gegenüber zu verstehen, das immer wieder auch öffentlich die Finger in die Wunde lege.

Zur Sache

Hoffen auf Treffen im nächsten Jahr

Die Vorsitzende des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), Agnes Abuom, zeigt sich hoffnungsvoll, dass die im nächsten Jahr in Karlsruhe geplante ÖRK-Vollversammung stattfinden kann. "Wir wollen dieses Ereignis in Deutschland, in Europa, mehr als 50 Jahre nach der Versammlung in Uppsala", betonte die aus Nairobi zugeschaltete anglikanische Historikerin am Sonnabend beim Ökumenischen Kirchentag. Das zunächst in diesem Sommer geplante Treffen war 2020 wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben worden und soll nun vom 31. August bis zum 8. September 2022 unter dem Leitwort "Christi Liebe bewegt, versöhnt und eint die Welt" in Karlsruhe stattfinden. Erwartet werden rund 775 Delegierte aus den 350 ÖRK-Mitgliedskirchen und mehrere Hundert Mitarbeiter, Experten, Gäste, und Medienvertreter.

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