Ex-Kanzlerkandidat Schulz sucht nach seiner Rolle

Vom Hoffnungsträger zum großen Verlierer: Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz tastet sich zurück in den Politikbetrieb. Muss er sich einfach daran gewöhnen, ein ganz normaler Bundestagsabgeordneter zu sein?
09.06.2018, 21:03
Lesedauer: 3 Min
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Schulz sucht nach seiner Rolle
Von Tobias Peter

Martin Schulz ist immer dann am besten, wenn er einen Gegner hat, den er zu packen bekommt. Und dann, wenn er über ein Herzensthema spricht. Europaweit bekannt wurde Schulz am 2. Juli 2003. Der damalige Abgeordnete des Europäischen Parlaments knöpfte sich damals den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vor.

Schulz kritisierte Äußerungen zur Einwanderungspolitik aus der Regierung in Rom, die mit der Europäischen Grundrechte-Charta nicht vereinbar seien. „Verteidigen Sie diese Werte gegen Ihren Minister!“ rief Schulz Berlusconi zu. Berlusconi entgegnete, er werde Schulz für die Rolle des Kapo in einem Nazi-Film vorschlagen. Eine unglaubliche Entgleisung, aber ein Segen für die Karriere des Martin Schulz. Den kannte fortan jeder als Verteidiger der europäischen Werte.

Jetzt – knapp 15 Jahre später – ist die Welt in Unordnung und voller Figuren, die sich zupackend kritisieren lassen. Man denke nur an den neuen US-Botschafter Richard Grenell, der sich in einem Interview für die Stärkung konservativer und populistischer Kräfte in Europa ausgesprochen hat. Ein grober Klotz, auf den der SPD-Bundestagsabgeordnete Schulz einen groben Keil geschlagen hat.

„Botschafter sind Vertreter ihrer Staaten und nicht von politischen Bewegungen“, twitterte Schulz. „US-Botschafter Grenell benimmt sich allerdings nicht wie ein Diplomat, sondern wie ein rechtsextremer Kolonialoffizier.“ Und: „So ein Verhalten dürfen wir nicht dulden.“ Es sind klare Worte, die viele teilen. Und es sind die Worte von jemandem, der die Chance genutzt hat, ein politisches Lebenszeichen von sich zu geben. Von einem, der sich zurück in den Politikbetrieb tastet (oder im Fall des Tweets vielleicht auch poltert). Martin Schulz sucht nach seiner künftigen Rolle.

Dass dies so ist, hat zwei Gründe. Erstens ist der 62-Jährige – so beschreiben es Menschen, die ihn lange kennen – noch immer damit beschäftigt, die Ereignisse der vergangenen eineinhalb Jahre zu verarbeiten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war eine Gegnerin, die er in der Auseinandersetzung nie zu packen bekommen hat. Mit ihm als Vorsitzendem ist die SPD auf das historisch schlechteste Bundestagswahlergebnis von 20,5 Prozent gestürzt.

Immer weitergemacht

Vom Hoffnungsträger als Kanzlerkandidat, bereits als „Gottkanzler“ gefeiert, zum großen Verlierer, vom Fast-Außenminister zum einfachen Abgeordneten: Ein solch extremes Auf und Ab in so kurzer Zeit würde jedem zu schaffen machen. Schulz kann sich zwar grob streiten. Aber er ist ein sensibler Mensch, gelegentlich auch empfindlich.

Schulz hat in den Monaten nach der Bundestagswahl – trotz harter Kritik an ihm aus Partei und Öffentlichkeit – immer weitergemacht. Er wollte nicht als einer abtreten, von dem nur die katastrophale Wahlniederlage in Erinnerung bleibt. Als es schließlich doch noch auf die große Koalition hinauslief, wollte er unbedingt die Chance zur Rehabilitierung nutzen: als Außenminister, also in einem Job, den er sicher gut ausgefüllt hätte. Doch die Partei rebellierte, weil Schulz nach der Wahl ausgeschlossen hatte, in ein Kabinett Merkels gehen. Schulz musste verzichten. Kurz vor dem Ziel.

Damit verschwanden natürlich nicht die Fragen: Was bleibt? Was kann einer wie Martin Schulz in der letzten Phase seines politischen Lebens noch bewegen? Zumal es – neben dem Wunsch, nicht einfach nur als Verlierer abzutreten – noch einen zweiten Grund gibt, warum Schulz versucht herauszufinden, ob und welche Rolle er noch spielen kann. Es geht um sein Herzensthema Europa.

„Es ist Zeit zu kämpfen“, ist ein Gastbeitrag überschrieben, den der Sozialdemokrat in diesen Tagen auf Spiegel-Online veröffentlicht hat. Es ist ein Aufruf an alle, denen die Gemeinsamkeit in der EU wichtig ist. Der Text liest sich aber auch wie ein Weckruf an die eigene Partei. Schulz hat das Europa-Kapitel im Koalitionsvertrag persönlich verhandelt und wollte sich für das Thema als Außenminister einsetzen.

Gegner gibt es genug

Chefdiplomat Heiko Maas ist nun mit allen möglichen Problemen von den USA bis zu Russland befasst. Und auch Finanzminister Olaf Scholz ist es nach Einschätzung vieler in der Partei noch nicht gelungen, sich auf dem Feld zu profilieren. „Die SPD muss dafür sorgen, dass Deutschland die führende Rolle bei der Stärkung Europas einnimmt“, hat Schulz nun geschrieben.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hat –zur Irritation der Parteispitze – vor einigen Wochen Schulz öffentlich als Spitzenkandidat für die Europawahl ins Spiel gebracht. „Martin Schulz ist der deutsche Europapolitiker schlechthin“, sagte er dem Spiegel. „Er steht und brennt für dieses Thema. Das nicht zu nutzen wäre fahrlässig.“ Nur: Viele in der SPD meinen, Müller habe Schulz mit diesem Vorstoß keinen Gefallen getan.

Großformatig Martin Schulz plakatieren? Das könne man den Mitgliedern der SPD und den Wählern doch kaum als Zeichen der Erneuerung verkaufen, argumentieren sie. Muss Martin Schulz sich einfach daran gewöhnen, ein ganz normaler Bundestagsabgeordneter zu sein? Eben einer, den trotzdem alle kennen? Für Europa könne er doch auch so werben, meinen viele in der Partei. Und sich an Grenell und anderen abarbeiten. Gegner gebe es immer genug.

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