Von der NSA-Affäre und dem 11. September Unheimlicher Geheimdienst: BND wird 60 Jahre alt

Viele Affären hat der Bundesnachrichtendienst (BND) seit seiner Gründung vor 60 Jahren erlebt. NSA und BND hätten "unter einer Decke gesteckt", so Edward Snowden. Und was wusste der BND vom 11. September?
01.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Kröter

Viele Affären hat der Bundesnachrichtendienst (BND) seit seiner Gründung vor 60 Jahren erlebt. NSA und BND hätten "unter einer Decke gesteckt", so Edward Snowden. Und was wusste der BND vom 11. September?

Helmut Schmidt mochte Reinhard Gehlen nicht. „Der ist undurchsichtig“, sagte er seinem Parteifreund Fritz Erler nach einem Besuch in der Pullacher Zentrale des an diesem Freitag vor 60 Jahren gegründeten Bundesnachrichtendienstes (BND) über dessen ersten Chef. Mit wachsender politischer Erfahrung sei aus seinem „Vorurteil gegenüber den Geheimdiensten ein endgültiges Urteil“ geworden, schrieb der Altkanzler in einem Kommentar zur Affäre um die Spionage des US-Gemeindienstes NSA gegen Angela Merkel. Sein Nachfolger Helmut Kohl machte es kürzer: „Die wussten überhaupt nichts“, resümierte er seine Erfahrungen mit dem deutschen Auslandsgeheimdienst.

Dennoch gibt die Bundesregierung Jahr für Jahr Millionen für den BND aus – Tendenz steigend. In diesem Jahr beträgt der Etat fast eine dreiviertel Milliarde Euro. 2014 waren es noch etwas weniger als 560 Millionen. Die wachsende Unübersichtlichkeit internationaler Krisen und Kriege steigert den Hunger der Politik nach Aufklärung und Expertise, die über öffentlich zugängliche Quellen hinaus geht.

Markus R. verrät BND - aus Langeweile

Nicht zuletzt durch ihre Darstellung in Büchern und Filmen gilt Spionage als Inbegriff von Gefahr und Abenteuer. Der graue Alltag besteht dagegen oft im akribischen und ermüdenden Sammeln, Studieren und Auswerten von Akten und Berichten. So wurde der 32-jährige BND-Mitarbeiter Markus R. zum Verräter aus Langeweile: „Ich wollte was Neues, was Spannendes erleben“, berichtete er vor Gericht, als herausgekommen war, dass er Hunderte von Dokumenten erst an die USA und dann an Russland verkauft hatte. Sein Agentenlohn am Ende: eine mehrjährige Freiheitsstrafe.

„Wer die modernen Nachrichtendienste verstehen möchte, muss ihre Vergangenheit kennen“, sagt Gorch Pieken, wissenschaftlicher Leiter des Militärhistorischen Museums in Dresden. Dort läuft zum BND-Geburtstag eine Ausstellung über Spionage in der Frühzeit von Bundesrepublik und DDR. Sie enthüllt auch den Ursprung des klassischen Klischees vom Agenten mit Schlapphut und Sonnenbrille: Es setzt sich aus Reinhard Gehlens Kopfbedeckung und der Brille zusammen, die sein Pendant in der DDR, Markus Wolf, zu tragen pflegte.

Zahlreiche Ex-Nazis waren Mitglieder

Die Vergangenheit des BND (und seines Pendants im Osten) reicht allerdings erheblich weiter zurück. Denn Gründungschef Gehlen brachte aus seiner Zeit im Generalstab der Nazi-Wehrmacht nicht nur Fachwissen und Quellen in Russland, sondern auch eine große Zahl Mitarbeiter mit tiefbrauner Vergangenheit mit. Insgesamt waren damals beim BND aber nicht mehr ehemalige Mitglieder der NSDAP beschäftigt, als es im Bundestag gab – rund 25 Prozent.

Der damals noch sowjetische Geheimdienst in Moskau nutzte allerdings die Nazi-Vergangenheit des BND-Mitarbeiters Heinz Felfe, um diesen „umzudrehen“. Bis er 1961 als bis heute wohl erfolgreichster KGB-Agent enttarnt wurde, verriet Felfe etwa 15.000 Geheimsachen und rund 100 CIA-Spione. Bis zum Ende des Kalten Krieges sollte er zahlreiche Nachfolgerinnen und Nachfolger haben – wie auch der BND seine Leute im Osten platzieren konnte.

Was wusste der BND vom 11. September?

Entgegen seiner Bestimmung als Geheimorganisation machte der Dienst aber auch noch ganz andere Schlagzeilen. So wurde nach 2005 bekannt, dass der BND jahrelang systematisch Journalisten im Inland bespitzelt oder als Zuträger beschäftigt hatte. Mitte der 90er-Jahre wurde der Dienst beschuldigt, am Schmuggel von Plutonium München nach Moskau beteiligt gewesen zu sein. Ein Bundestagsuntersuchungsausschuss befand jedoch, dass dafür allein die bayerische Polizei verantwortlich gewesen sei. Bis heute nicht völlig geklärt ist, wie viel der BND von brutalen Verhören der CIA auf deutschem Boden nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wusste. US-Whistleblower Edward Snowden enthüllte schließlich, dass der BND Amerikas NSA bei millionenfachen Ausspähungen zu Diensten war.

Als Konsequenz aus dieser Affäre will die große Koalition – vor allem auf Druck der SPD – eigentlich die Aufsicht des Parlaments über den Dienst verschärfen. Das Gesetz ist seit Januar fertig. Doch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), früher als Innenminister für die Geheimdienste zuständig, hat sein Veto eingelegt.

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