Walkenried Wegbereiter der sozialliberalen Koalition

Gustav Heinemann mochte ihn nicht. Willy Brandt war von ihm enttäuscht.
25.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Thomas Kröter

Gustav Heinemann mochte ihn nicht. Willy Brandt war von ihm enttäuscht. Und dennoch wäre ohne Walter Scheel weder der eine zum ersten Bundespräsidenten, noch der andere zum ersten Bundeskanzler aus den Reihen der SPD gewählt worden. Gemeinsam haben der Liberale und die beiden Sozialdemokraten die westdeutsche Nachkriegsgeschichte nachhaltig verändert. Am Ende mag diese politische Leistung die Frage in den Schatten stellen, ob dem vierten in der Reihe der Bundespräsidenten das Prädikat „bedeutend“ gebührt.

Jedenfalls war Walter Scheel für deutsche Verhältnisse ein eher ungewöhnlicher Politiker. Machtbewusstsein hatte er gewiss, wie alle anderen, die es zu etwas gebracht haben im Staate. Geboren im Bergischen Land, zeichnete ihn ein eher rheinisches, fast französisches Lebensgefühl aus. Der Sohn eines Stellmachers wollte etwas werden, aber er wollte auch etwas davon haben. Anders als für seinen Vorgänger Gustav Heinemann war Genuss für Walter Scheel kein Fremdwort.

Er liebte die Repräsentation und das gute Essen, nicht erst als er außer Diensten Schlagzeilen machte, weil es zu seiner dritten Hochzeit im zwölfgängigen Menü ein Safranrisotto gab, das mit Blattgold verziert war. Scheel ließ die staatlichen Galadiers der Bonner Republik erst von drei auf vier, dann auf sechs Gänge aufstocken. Zum Staatsbesuch nach in Moskau ließ er außer Helgoland-Hummer eigens eine Floristin fürs Bankett in der deutschen Botschaft einfliegen, berichtet der „Spiegel“.

Gehörige Portion Volkstümlichkeit

Zumindest in seiner Amtszeit sah das Staatsvolk seinem Oberhaupt derlei Snobismus nach. Es wurde ja weidlich mit einer gehörigen Portion Volkstümlichkeit entschädigt. Walter Scheel mochte den Luxus und die Blume im Knopfloch nicht weniger als die Ordensrosette. Aber er mochte auch die Menschen. Und das spürten sie. Im politisch-journalistischen Komplex der Republik rümpften sie die Nase, als er seine Sangeskünste auf Platte pressen ließ. Ein Bundespräsident der à la Heino (nur heller) „Hoch auf dem gelben Wagen schmetterte“ – war das denn mit der Würde des Amtes in Einklang zu bringen?

Es war, fand man draußen im Lande. 300 000 Mal wurde der Titel binnen kurzem verkauft und spülte der Behinderten-Hilfsorganisation „Aktion Sorgenkind“ erhebliche Spenden in die Kasse. Mildred Scheel, die Ehefrau seiner Präsidentenjahre, tat es ihm nach und hatte keinerlei Berührungsängste zum Unterhaltungsgenre, wenn es darum ging, Spenden für ihre „Deutsche Krebshilfe“ zu organisieren. Im Übrigen waren die beiden ein Paar, das es durchaus mit dem Glamour aufnehmen konnte, den Willy Brandt und seine Rut verbreiteten. Tochter Cornelia berichtet allerdings, dass ihre Mutter anders als der Vater die Förmlichkeiten des republikanischen Hofzeremoniells verabscheute. Der nahm dann mit Schmunzeln zur Kenntnis, wenn die Seinige vor einem Bankett die Tischkarten vertauschte, damit sie einen interessanteren Sitznachbarn bekam.

Aber Walter Scheel war mehr als der lustige Staatskutscher. Der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger bescheinigte seinen Reden den „maßvollen, rücksichtsvollen Geist der Freiheit“. Es brauchte allerdings seine Zeit, bis der vermeintliche Bruder Leichtfuß sein Image änderte. Dabei hatte er durchaus ambitioniert angefangen. Er wollte sich mit den engen Fesseln des Repräsentativen nicht begnügen. Doch wie vor ihm Konrad Adenauer, der deshalb von einem Amtswechsel Abstand nahm, musste auch Walter Scheel erkennen, dass der Präsident der Redner der Nation ist. Nicht der Macher.

In seiner Rolle als Notar der Politik machte er einmal Furore. Er verweigerte dem Gesetz über die Abschaffung der Gewissensprüfung für Kriegsdienstverweigerer die Unterschrift. Da sprach weniger der mehrfach ausgezeichnete Weltkriegssoldat aus ihm, als die Juristen des Präsidialamtes. Dem Argument, dass der Bundesrat hätte beteiligt werden müssen, gab später das Bundesverfassungsgericht recht. Ansonsten schickte auch dieser Präsident sich in seine Hauptaufgaben: Reden und Reisen.

Zeichen der Zeit erkannt

Für einen gewieften Machtpolitiker wie ihn war das gewiss nicht leichter, als es für Konrad Adenauer gewesen wäre. Mitte der 60er-Jahre hatte Walter Scheel die Zeichen der Zeit erkannt. Das Land brauchte im Innern eine neue Bildungs- und Gesellschaftspolitik, im Äußern vor allem eine neue Politik gen Osten.

Das war nur zu bewerkstelligen, wenn die Freien Demokraten ihrem Namen Ehre machten und sich der babylonischen Gefangenschaft ihrer Verbindung mit CDU und CSU entledigten. In dem Rechtsprofessor Werner Maihofer und dem Journalisten Karl-Hermann Flach, den er als Generalsekretär installierte, fand er die idealen Mitstreiter für die programmatische Erneuerung des rechtsbürgerlichen Honoratiorenvereins.

Als die „Freiburger Thesen 1971“ zum Parteiprogramm wurden, hatte Scheel die wichtigste Arbeit allerdings bereits erledigt. In diskreten Verhandlungen hatte er Kontakt zu Willy Brandt und den Seinen aufgebaut. Brandt musste Herbert Wehner ausbremsen, der sich in der Großen Koalition machtpolitisch wohlfühlte. Er hatte Erich Mende zu stürzen, der die FDP unbedingt an der Seite der Unionsparteien halten wollte.

Es war ein Abenteuer mit hohem Risiko gegen alle widerstreitenden Kräfte, Gustav Heinemann als neuen Bundespräsidenten zu installieren. Der Sozialdemokrat hat die Operation mit einem der bleibenden Worte der deutschen Nachkriegsgeschichte als „ein Stück Machtwechsel“ bezeichnet. Als der über die Bühne war, glänzte Scheel als kongenialer Außenminister an der Seite Willy Brandts.

Brandt tief enttäuscht

Umso enttäuschter war der Sozialdemokrat, als Scheel mit klarem Blick für die Risse in der sozialliberalen Tagespolitik das Amt des Bundespräsidenten anstrebte. Gustav Heinemann stand 1974 nicht noch einmal zur Verfügung. Tief enttäuscht sprach Brandt von „Fahnenflucht“. Aber aufhalten konnte er ihn nicht. Und die Koalition aus SPD hielt noch ein paar Jahre – auch wenn ohne ihre Schöpfer der alte Enthusiasmus passé war.

Mit 55 Jahren war Walter Scheel als bis dahin Jüngster in das höchste Staatsamt der Bundesrepublik gekommen. Es blieb ihm anschließend also eine erkleckliche Zeit, das Leben auf seine Weise zu genießen – bis die Gesundheit nicht mehr mitmachte. Die letzten Jahre verbrachte er von Demenz gezeichnet in einem Pflegeheim in Bad Krotzingen. Dort ist er am Mittwoch im Alter von 97 Jahren gestorben.

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