Cell Broadcast Warum Katastrophenwarnungen bald auch ohne App aufs Handy kommen

Nach den Flutkatastrophen von 2021 hat die Bundesregierung beschlossen, künftig bei Warnungen auf eine weitere Technologie zu setzen: Cell Broadcast. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zum Dienst.
18.11.2022, 15:20
Lesedauer: 4 Min
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Warum Katastrophenwarnungen bald auch ohne App aufs Handy kommen
Von Eva Hornauer
Inhaltsverzeichnis

Die Flutkatastrophen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben eines sehr deutlich gezeigt: Die Systeme, die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland im Katastrophenfall warnen sollen, müssen besser werden.

Speziell nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, bei der mehr als 300 Menschen starben, wurde das deutsche Warnsystem kritisiert. Rufe nach einem effektiveren System wurden laut.

Um zukünftig Anwohnerinnen und Anwohner in Katastrophengebieten besser warnen zu können, hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) die Cell-Broadcast-Technologie auf den Weg gebracht. In den nächsten Tagen sollen alle Handybesitzer per SMS auf den Start des neuen Services hingewiesen. Das teilten die Mobilfunk-Provider Vodafone, Deutsche Telekom und Telefónica (O2) mit. 

Was ist Cell Broadcast?

"Cell Broadcast kann genutzt werden, um Warnmeldungen an alle in einem bestimmten Abschnitt des Mobilfunknetzes befindlichen Mobilfunkendgeräte zu versenden", so das BKK. Alle Handys, die sich in einer bestimmten Funkzelle, können mithilfe von Cell Broadcast Nachrichten empfangen – daher auch der Name. Kommt ein neues Gerät in diesen Bereich, empfängt es automatisch die Nachricht – ähnlich wie Radios das Rundfunksignal empfangen. Dafür reicht auch ein "konventionelles Handy", wie es das BKK beschreibt, also ein Mobiltelefon, das kein Smartphone ist. 

Wie funktioniert die Technologie?

"Jedes Mobilfunkendgerät registriert sich automatisch in einer sogenannten Funkzelle, über die ein Netzempfang hergestellt wird", erklärt das BKK auf seiner Webseite. "Der zentrale Verteiler einer Funkzelle kann dann in umgekehrter Richtung Warnmeldungen an alle Mobilfunkendgeräte versenden."

Die Technik hätte den Vorteil, dass die Empfängerinnen und Empfänger der Warnmeldungen so anonym erreicht werden können. Eine Registrierung oder die Weitergabe der Mobilfunknummer ist nicht nötig. Außerdem hätten Überlastungen des Mobilfunknetzes, wie man es an Silvester gewohnt ist, keinen Einfluss auf die Weitergabe der Warnmeldung.

Ab wann wird Cell Broadcast genutzt?

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal wurde an der Einführung von Cell Broadcast in Deutschland gearbeitet. Dafür musste die Bundesregierung im August 2021 aber zunächst das Telekommunikationsgesetz ändern. Seitdem wird an der Umsetzung des Warnsystems via Cell Broadcast gearbeitet. In den kommenden Tagen sollten alle Handybesitzer per SMS auf den Start von Cell Broadcast hingewiesen werden. Am bundesweiten Warntag, der in diesem Jahr am 8. Dezember stattfindet, soll das System dann erstmals in der flächendeckenden Praxis getestet werden.

Im europäischen Vergleich wird Deutschland diese Technologie für Warnmeldungen sehr spät nutzen. In den Niederlanden gibt es bereits seit 2012 ein Warnsystem, das hauptsächlich auf Cell Broadcast basiert. In Rumänien ist so ein System seit 2018 und in Frankreich seit Juni 2022 aktiv.

Welche Kritikpunkte gibt es?

Weil Cell Broadcast in Deutschland bisher keine Rolle gespielt haben, könnte es in der Praxis Probleme geben. Bei den meisten Handys, die auf dem deutschen Markt eingeführt wurden, wurde die für das Erhalten der Warnmeldung via Cell-Broadcast-Technik wenig berücksichtigt. Warum auch – schließlich spielte Cell Broadcast in Deutschland keine Rolle.

Zwar kann man das in den meisten Fällen in den Geräteeinstellungen des Handys beheben. Aber das erfordert zum einen das Bewusstsein dafür und zum anderen muss man sich mit den Einstellungen des Handys einigermaßen auskennen. "Bürgerinnen und Bürger müssen ihre Mobilfunkendgeräte gegebenenfalls so konfigurieren, dass die Warnung auch empfangen werden kann", bestätigt das BKK. Allerdings stützt sich das Warnsystem Deutschlands zukünftig nicht nur auf Cell-Broadcast-Meldungen: Weiterhin wird etwa über die Apps Katwarn oder Nina gewarnt, aber auch mittels Radio, Fernsehen oder Sirenen.

Selbst wenn das komplette Mobilfunknetz zusammenbricht, zum Beispiel als Folge von Unwetter oder Hochwasser, können auch keine Nachrichten über Cell Broadcast mehr empfangen werden. Dass das Mobilfunknetz funktioniert, ist allerdings Voraussetzung jeglicher Warnsysteme – ob Mitteilungen über Apps oder den Handy-Notruf. In den USA, deren nationales Warnsystem auf Cell Broadcast basiert, kam es gelegentlich zu Falschmeldungen. Auch Hacker haben das System schon missbraucht.

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