Intelligente Kleidung soll den Alltag erleichtern – und verfügt über ein enormes Wachstumspotenzial Smarte Socken

Intelligente Fußbekleidung, die jeden Schritt ihres Trägers analysiert: Das setzen Forscher jetzt um. Smarte Textilien sind ein große Trend, der die Produktion vor Ort vielleicht sichern könnte.
15.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Claudia Drescher

Chemnitz/Greiz. Sie sieht aus wie eine ganz normale Socke, fühlt sich auch so an und ist problemlos in der Maschine waschbar. Ordinären Strümpfen hat die westsächsische Entwicklung aber etwas voraus: Sie ist „smart“ und kann kommunizieren. Acht hauchdünne Drucksensoren, die in einer Geleinlage zwischen zwei Textilschichten eingebettet sind, melden Druckverteilung und Beschleunigung des Fußes an eine App.

„So kann man zum Beispiel nach einem Kreuzbandriss das Bein nur zu 30 Prozent belasten, wie vom Arzt vorgeschrieben“, erklärt Markus Hill vom Lehrstuhl für Sportgerätetechnik der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Ohne technisches Hilfsmittel könne der Mensch dies nur schwer einschätzen.

Das Forscherteam hat die intelligente Socke zusammen mit dem Strumpfwerk Lindner aus Hohenstein-Ernstthal entwickelt. Das Unternehmen in vierter Generation fertigt bislang schon Spezialsocken für Diabetiker oder Anti-Zecken-Strümpfe. Die smarte Socke geht noch einen Schritt weiter: Per anschließbarem Minicomputer zeigt sie dem Träger anhand von Echtzeit-Daten, wie er seine Füße strapaziert. Ist die Belastung zu hoch oder einseitig, schlägt die App Alarm.

Anwendungsfelder sehen Forscher und Unternehmen zum einen in der Medizintechnik. „Bislang konnten solche Messungen nur im Labor über im Boden eingelassene Platten durchgeführt werden“, erläutert Hill. Natürliches Gehen unter Labor­bedingungen sei aber eben nur bedingt natürlich. Mit der Socke könne die Messung nicht nur mobil, sondern auch im Alltag erfolgen. Außerdem sei die Technik quasi barfuß zu nutzen, eine Verzerrung durch Schuhe entfalle somit. Weitere Einsatzmöglichkeiten biete der Sportbereich, beispielsweise im Rahmen der Trainingsanalyse.

Intelligente Textilien sind spätestens seit dem Projekt von Google und der Jeansmarke Levi‘s ein Thema, die gemeinsam an einer interaktiven Jeans tüfteln. Die Bandbreite an Projekten und Prototypen ist riesig: Fahrradjacken, die beim Abbiegen blinken; ein sprechender Handschuh, der Gebärdensprache in Buchstaben übersetzt; leuchtende Jacken und Kapuzenpullover mit eingewebten Lampen – natürlich alles waschbar.

Etliche dieser Ideen wie die smarte Socke kommen aus Sachsen. Auf Berlins Straßen sind derzeit etwa Fahrradkuriere mit Prototypen einer Transporttasche unterwegs, die es Langfingern durch eine besondere Struktur unmöglich machen soll, die Tasche mit einem Messer aufzuschlitzen. Mitentwickelt wurde sie vom Sächsischen Textilforschungsinstitut in Chemnitz. Von der TU Dresden gibt es einen intelligenten Wundverband zur Überwachung chronischer Wunden. In Limbach-Oberfrohna entstand in Zusammenarbeit mit einer Modedesignerin hochgradig UV-geschützte und dennoch atmungsaktive Radkleidung.

Smarte Textilien sind der nächste große Trend, sagt Klaus Jansen vom Forschungskuratorium Textil, Dachverband für 16 deutsche Textilforschungsinstitute. „Textilien, die Daten erfassen können, werden zukünftig auf jeden Fall eine große Rolle spielen“, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Deutschlands Smart-Tex-Pioniere arbeiten seit 20 Jahren an dem Thema – sie sitzen in Greiz. Anfangs seien die Experten des Textilforschungsinstituts Thüringen-Vogtland für ihre Idee leitfähiger Garne belächelt worden, sagt Jansen. Heute bescheinigt der Gesamtverband Textil und Mode intelligenten Textilien ein enormes Wachstumspotenzial. Noch liege der Umsatz in diesem Bereich unter einem Prozent, sagt Verbandssprecher Hartmut Spiesecke. Zum Vergleich: Die Branche erwirtschaftete zuletzt etwa 32 Milliarden Euro Umsatz. Aber bei technischen Textilien seien deutsche Unternehmen bereits Exportweltmeister, smarte Textilien würden für weitere Impulse sorgen.

Zwar glaubt Jansen nicht daran, dass Mode­hersteller ihre Produktion in großem Stil aus Asien zurück nach Deutschland holen, weil Textilien intelligent werden. Doch im hochpreisigen Sortiment oder bei Schutz- und Spezialkleidung etwa für Feuerwehr und Polizei, die hohen gesetzlichen Anforderungen genügen müssten, werde wieder öfter „Made in Germany“ zu lesen sein.

Forschen an Textilien der Zukunft Die deutsche Textilbranche ist nach eigener Darstellung in der Forschung breit aufgestellt. Eine vergleichbare Dichte gebe es in anderen Ländern nicht, sagt der Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil Klaus Jansen. Mehr als 1200 Textilforscher arbeiten an der Entwicklung faserbasierter Materialien, Werkstoffe und Textilverbundstoffe für fast alle Wachstumsbranchen. Das Netzwerk hat es sich zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen Bildung, Forschung und Wirtschaft zu schlagen.
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