In Vegesack gibt es den ersten künstlich angelegten Hafen Deutschlands und das dortige Havenhaus war gesellschaftlicher Mittelpunkt So wurde der Zoll umgangen

Vegesack. Wer schreibt, der bleibt. Diesem alten Sprichwort mag man heute mit Skepsis begegnen.
06.08.2017, 00:00
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Wer schreibt, der bleibt. Diesem alten Sprichwort mag man heute mit Skepsis begegnen. Jedenfalls verdanken wir der Genauigkeit eines Schreibers die erste Spur zum Vegesacker Hafenbau. Ab 1586 finden sich im Rechnungsbuch des Bremer Schütting mehrfach Notizen mit dem Vermerk: „beer thom Fegesack vedrunken“. Auf einer Handskizze von 1557 ist neben dem „Olen Oumunder Deep“ ein Gasthaus „De Fegesacke“ eingezeichnet.

Das macht Sinn. Die tiefe Einbuchtung „dat ole Deep“ war den Weserschiffern schon lange als sicherer Ankerplatz bekannt. Die zunehmende Versandung der Weser und gleichzeitig die größer gebauten Weserkähne gaben den Anlass zu der Überlegung, das Aumunder Tief zum Hafen auszubauen. Man schickte Vertrauensleute. Aber außer Spesen für Bier geschah nichts. Endlich schickte der Rat ein Kollegium von Schiffern und Kaufleuten nach Vegesack. 1618 fiel die Entscheidung: Der Rat und das Haus Seefahrt beauftragten die Holländer Wilke Unkes van Vermessen und Dirik Jansen von Leerdam sowie den Bremer Wallmeister Jacob Claußen, den Hafen zu bauen.

Im Sommer 1622 ist der Hafen fertig. Bei den Bauarbeiten hat man die Aue umleiten müssen, weil „der bach viel sand mit sich herunterführe, dadurch der Haffe nicht wenig Schaden genommen“. Die stolze Bausumme von 11 600 Talern für den ersten künstlichen Hafen Deutschlands zahlt überwiegend das Haus Seefahrt. Einen Teil übernimmt der Bremer Rat. Das Haus Seefahrt setzt vier Vorsteher und zwei Schiffer zur Aufsicht ein. Ihr Vorgesetzter ist der bremische Droste auf Haus Blomendal.

Der neue Hafen wird dankbar angenommen. Sparte man doch den ärgerlichen Braker Zoll. Von den Überschüssen der Liegegebühren baut man von 1645 bis 1648 das erste Havenhaus. Gegen die Proteste des Hauses Seefahrt übernimmt der Bremer Rat 1671 die Hafenverwaltung. Er verpachtet ihn meistbietend zum Besten der Reederkammer für 200 Taler Jahrespacht. Dazu gewährt man dem Pächter Schankfreiheit im Havenhaus. Allerdings mit einer Einschränkung: „Es soll der Hafenmeister nach Sonnenuntergang kein Bier an Schiffer verzapfen, sondern vielmehr sie ermahnen, nach ihren Schiffen zu gehen.“

Der Pächter hat außerdem den „Hafeneid“ zu leisten, der ihm allerlei Pflichten auferlegt, so die Reparatur der hölzernen Hafenspundwände: Er muss pro Jahr mindestens 40 Pfähle an der Kaimauer erneuern. Auch hat er gegen Raub und Dieberei energisch vorzugehen.

Bei einem Brand 1758 wird ein Teil des Hafens zerstört. Bei der notwendigen Reparatur erfolgt gleichzeitig eine Vergrößerung des Hafens, an der Ostseite auf etwa 200 Meter, an der Westseite auf etwa 240 Meter. Trotzdem reichen die Einkünfte im Jahr 1750 kaum noch zum Unterhalt. Eine kurze Blütezeit bringt gegen Ende des 18. Jahrhunderts der bedeutende Zuwachs des bremischen Handels. Das alte Havenhaus muss mehrfach repariert werden. 1781 finanziert die Bremer Kaufmannschaft einen totalen Neubau, wie er heute noch steht. Das Haus wird zum Mittelpunkt geselligen Lebens. Daisy berichtet in ihren Briefen aus Lesmona von dem glanzvollen Schifferball, der jährlich im Havenhaus stattfindet.

Trotzdem nimmt die Bedeutung des Hafens weiter ab. Weserkorrektur und die Gründung Bremerhavens machen ihn überflüssig. Dennoch wird er für kurze Zeit zum Marinehafen: Als 1845 das Frankfurter Vorparlament beschließt, eine Reichskriegsflotte aufzubauen, haben die geruderten Kanonenboote ihren Liegeplatz im Vegesacker Hafen. Schon wenig später werden sie von Hannibal Fischer im Vegesacker Havenhaus unrühmlich versteigert.

Ganz unerwartet erhält das Hafenrevier dann eine gänzlich neue Bedeutung. Für die 1895 gegründete Bremen-Vegesacker Fischereigesellschaft wird der Vegesacker Hafen zum Liege- und Reparaturplatz. Die Gesellschaft expandiert. Sie mausert sich mit 68 Loggern und 1200 Mann Seepersonal zur größten auf dem Kontinent. Überfischung und holländische Konkurrenz läuten 1965 das Ende ein.

Der Hafen hat all diese Höhen und Tiefen, selbst zwei Weltkriege überlebt. Heute zählt er als „Museumshaven“ mit mehreren historischen Schiffen zu den Sehenswürdigkeit der Stadt am Wasser.

Für die Ausgabe DIE WOCHE - MEIN VEREIN schreibt Ulf Fiedler regelmäßig Texte über Wissenswertes aus der Historie der Region. Lob, Anregungen und Kritik senden Sie bitte an ulffiedler@yahoo.de.

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