Niels-Högel-Prozess

Anwältin von 100 Nebenklägern: „Die Bilder werden bleiben“

Gaby Lübben vertritt hundert Nebenkläger im Högel-Prozess. Hundertmal hoffen, bangen, verlieren. Die Anwältin sagt: „Was ich höre, belastet mich.„ Ihre Strategie dagegen: „Ich erzähle vom Sinn des Kämpfens.“
29.10.2018, 23:17
Lesedauer: 4 Min
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Anwältin von 100 Nebenklägern: „Die Bilder werden bleiben“
Von Nico Schnurr
Anwältin von 100 Nebenklägern: „Die Bilder werden bleiben“

„Ich erzähle vom Sinn des Kämpfens.“ Anwältin Gaby Lübben vertritt einen Großteil der Nebenkläger im Högel-Prozess.

Christian Platz

Die Bilder kommen abends. Der Tag in der Kanzlei ist vorbei, Gaby Lübben liegt auf der Couch, der Fernseher rauscht. Endlich abschalten, ein bisschen Ruhe. Und dann sind sie wieder da, diese Bilder. Gräber, die geöffnet werden, Leichen, Knochen. Es sind Bilder von Menschen, die sie nie gekannt hat. Und doch sind sie ihr nah. Wenn die Szenen wieder da sind, denkt Lübben: Gaby, bleib ruhig, das gehört dazu.

Die Anwältin Gaby Lübben vertritt hundert Nebenkläger im Högel-Prozess. Das sind hundert Trauergeschichten. Hundertmal hoffen, bangen, verlieren. Davon wird Lübben im Festsaal der Weser-Ems-Halle berichten, hundert Schicksale, eines nach dem anderen. Sie wird dafür nicht viele Worte brauchen. Ein kurzer Steckbrief der Opfer, Charakterzüge, Zukunftspläne. Noch etwas zum Leid der Angehörigen, das war’s, mehr nicht. Dann lässt Lübben die Bilder sprechen. Sie wird Fotos der Toten hochhalten, Aufnahmen aus dem Alltag, die zeigen, aus welchen Leben die Opfer gerissen wurden. So hat es Lübben schon beim vergangenen Prozess gemacht. Damals sagte sie zu Niels Högel: „Ich möchte Ihnen die Gesichter vorstellen, damit Sie diese in Ihren Träumen wiedererkennen können.“

Delmenhorst, die Häuser Grau in Grau, dazwischen ein unscheinbarer Flachdachbau. Draußen, vor der Kanzlei, klebt ein Foto von Lübben an der Fensterscheibe. Drinnen ein Tresen in Holzoptik, Bauklötze für Kinder und ein Tisch mit Zeitschriften. Schon im schmalen Empfangsbereich ist klar: Ein Gruppentreffen der hundert Nebenkläger wird hier nicht stattgefunden haben.

Weiter ins Büro von Gaby Lübben, ein kleiner, verwinkelter Raum, gerade groß genug für den wuchtigen Schreibtisch aus Kiefernholz. Daneben Bücher bis zur Decke, Verkehrs-, Miet-, Familienrecht. Da sitzt Gaby Lübben nun, dunkle Augen, wacher Blick. Hier, in diesem kleinen Zimmer, vielleicht zehn Quadratmeter groß, hat sie die Nebenkläger auf den Prozess zur wohl größten Mordserie der Bundesrepublik vorbereitet. Alle hundert hat sie empfangen, nacheinander, über Monate hinweg.

„Die kamen hier geknickt rein, und sie gingen mit geradem Rücken wieder raus“, sagt Lübben. Wie hat sie das gemacht, in nur zwei Stunden? Zuhören, klar, versuchen zu verstehen. Und dann: „Ziele mitgeben.“ Eines davon: runter vom Sofa, vors Gericht. Nach Jahren der Trauer endlich aktiv werden, „das Geschehene wenn schon nicht vollkommen verarbeiten, dann wenigstens bearbeiten“. Noch so ein Ziel: Die Chance verringern, dass Högels lebenslange Haftstrafe jemals in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wird.

„Ich erzähle vom Sinn des Kämpfens“, sagt Gaby Lübben. Gemeinsam mit ihrer Mandantin Kathrin Lohmann setzte sie sich über Jahre dafür ein, dass der Tod von Lohmanns Mutter aufgeklärt wird. Erst ihre Beharrlichkeit brachte den Fall Högel ins Rollen. Das wissen die Angehörigen der Opfer, deswegen kommen sie zu ihr. Sie bleiben, was auch daran liegt, „dass ich mich total öffne“. Anders, glaubt Lübben, geht es nicht. Hundert Nebenkläger, hundert Trauergeschichten, wird Wahnsinn irgendwann normal? Droht man abzustumpfen, den Sinn für Tragik zu verlieren, wenn man eine traurige Geschichten nach der anderen hört?

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Routine ist der Feind. „Sobald ich merken würde, dass ich routiniert in solche Gespräche gehe, gebe ich meinen Job auf“, sagt Lübben. Stattdessen: alles aufsaugen. Mitfühlen, immer wieder aufs Neue. „Natürlich mache ich mich angreifbar“, sagt sie. „Was ich höre, belastet mich.“ Der Prozess hat sie verändert, glaubt Lübben. „Man hat viel zu viel mit dem Thema Tod zu tun.“ Manchmal fragt sie sich, was sie machen würde, wenn sie nun selbst ins Krankenhaus müsste. Sie hätte ein mulmiges Gefühl. Natürlich, nach all den Geschichten.

Alle drei Wochen wird Gaby Lübben nun nach Oldenburg fahren, um von diesen Geschichten zu erzählen. Sie ist froh, dass zwischen den Prozesstagen Zeit bleibt. Pause von der großen Bühne, die sie nie gesucht hat. Lübben sagt, sie könnte auch gut ohne das ganze Interesse der Medien leben, ohne die Kameras. Oh Gott, die hohen Schuhe, jetzt bloß nicht blamieren, nicht hinfallen, dachte Lübben, als Fotografen sie beim vergangenen Verfahren in den Saal begleiteten. Seitdem trägt sie keine Absätze mehr vor Gericht, reine Sicherheitsmaßnahme.

Zwischen den Prozesstagen soll alles weiterlaufen wie bisher, neue Aufträge, viel Aufwand, wenig Geld. Ein bisschen so, als würde es diesen Jahrhundertprozess nicht geben. Lübben will sich die Idee vom Kanzleialltag bewahren. Weiterhin kümmert sie sich um alles, außer Sozial- und Steuerrecht, da ist sie raus. Wegen Högel andere Aufträge absagen: Gibt’s nicht. Schon aus Prinzip nicht. Lieber hat sie gerade eine Anwaltskollegin eingestellt, erstmals.

Der Högel-Prozess aber ist zu ihrem Fall geworden. Die Geschichten ihrer Mandanten, das sind ihre Geschichten. „Die Bilder werden bleiben, das werde ich nicht mehr abstellen können“, sagt Lübben. „Die sind jetzt ein Teil von mir.“ Sie sieht das nicht als Hindernis, eher als Antrieb. Die Bilder erinnern sie daran, wofür sie das alles macht.

Sie trägt eine Kette mit einem Lebensbaum-Anhänger. In einigen Kulturen gilt er als Vermittler zwischen Himmel und Erde, Lübben glaubt daran. Sie schaut jetzt auf zur flachen Decke und reckt den gestreckten Zeigefinger hoch, wie es Schulkinder machen, wenn sie sich melden. „Die da oben“, setzt Lübben an, ihr Blick klebt an der Decke, und ehe das wie ein Klischee wirkt, sagt sie: „Die da oben setzen sich erst zur Ruhe, wenn alle Verantwortlichen verurteilt worden sind.“ Solange, sagt Gaby Lübben, wird auch sie keine Ruhe finden.

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