Niels-Högel-Prozess

Die Angehörigen: Jürgen Röper

Jürgen Röpers Mutter war Niels Högels letztes Opfer. Im Juni 2005 wurde sie ermordet, in Högels letzter Schicht, so die Anklage. Erst elf Jahre später erfuhr Röper davon.
29.10.2018, 23:15
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Die Angehörigen: Jürgen Röper
Von Nico Schnurr
Die Angehörigen: Jürgen Röper

Der Sohn des letzten Opfers: Jürgen Röpers Mutter wurde im Juni 2005 von Niels Högel ermordet, in dessen letzter Schicht, so die Anklage. Erst elf Jahre später erfuhr Röper davon.

Christian Platz

Es ist der 24. Juni 2005, die letzte Spätschicht. Dieses eine Mal noch, dann ist es vorbei, und Niels Högel verschwindet in den Urlaub, aus dem er nicht mehr ans Klinikum zurückkehren wird. Einige Stunden zuvor haben es Führungskräfte des Krankenhauses so entschieden. Högel war erwischt worden, erneut leere Gilurytmal-Ampullen, manipulierte Geräte, doch suspendieren wollte man ihn nicht. Stattdessen: eine letzte Schicht.

Eigentlich hatte Renate Röper Glück. Sie war im Flur ihrer Delmenhorster Wohnung ausgerutscht und gestürzt. Oberschenkelhalsbruch. Renate Röper, 67, hätte wohl noch lange auf den kalten Fliesen gelegen, hätte ihre Nachbarin mit Schlüssel zur Wohnung Röpers Hilfeschreie nicht gehört. Sie eilte zur Hilfe, Röper kam ins Klinikum, die Operation verlief nach Plan. Jürgen Röper war erleichtert. Seine Mutter hatte ihn angerufen, sie werde bald zur Reha kommen. Es blieb ihr letztes Telefonat. Renate Röper stirbt am 24. Juni 2005 um 19.05 Uhr. Die letzte Spätschicht, Högel letztes Opfer, heißt es in der Anklage. „Das hat mich damals komplett umgehauen und völlig aus der Bahn geworfen“, sagt Jürgen Röper.

Hamburg-Altona, Treffen in einem maroden Einkaufszentrum. Jürgen Röper, kantiges Gesicht, fester Händedruck, arbeitet in der Nähe als technischer Leiter einer Gebäudemangement-Firma. Er pendelt, Röper lebt in Bremen, das war schon damals so, im Sommer 2005, als ihm alles zu viel wurde.

Seine Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen, er hat seinen Job verloren und nun auch noch seine Mutter. Jetzt sitzt Jürgen Röper da, alleine mit seinem achtjährigen Sohn, in einem viel zu großen Haus in Woltmershausen. Er soll die Beerdigung regeln, einen neuen Job finden, sich um Sohn und Haus kümmern, das Leben wieder auf die Reihe kriegen. Stress, keine Zeit für Trauer. „Es war auch keiner da, der hätte zuhören können.“ Trost spendet ihm der Alkohol. Röper hat schon vorher getrunken, aber nun verliert er die Kontrolle. Täglich ruft er beim Pizza-Lieferdienst an, nie bestellt er Pizza, immer nur Weinbrand.

Ein halbes Jahr im Rausch, vernebelt und taub, dann bricht er kurz vor Weihnachten am Bankautomaten zusammen. Er kommt nicht mehr hoch, ihm fehlt die Kraft in den Beinen. „Es war, als wenn einer mal kurz das Licht ausgeknipst hätte“, sagt er. Klinikum Bremen-Ost, Jürgen Röper im Rollstuhl. Es wird Wochen dauern, bis er wieder laufen kann. Als ihn der Sohn fragt, ob er nun für immer in diesem Teil sitzen muss, beginnt das Umdenken. Röper rappelt sich auf. Kein Alkohol mehr, er findet einen neuen Job und eine neue Freundin, beides in Hamburg. Ein Neuanfang.

Als die Familie elf Jahre später erfährt, dass Renate Röper nicht an einer Lungenembolie gestorben ist, sondern wohl das letzte Opfer von Niels Högel war, nimmt sich ihre Schwester, 77, das Leben. Jürgen Röper kommt klar mit der Nachricht, irgendwie. Er ist gefestigt, hat Abstand zu der Sache gewonnen. Es hilft ihm, sagt er, dass er ein Typ ist, der die Dinge technisch sieht: „Ich kann ja nichts mehr daran ändern.“

Wütend ist er dennoch. Er weiß: Der Tod von Renate Röper hätte verhindert werden können. „Hätten diese Menschen im Krankenhaus anders gehandelt, dann könnte meine Mutter jetzt noch leben.“ Röpers ruhige Stimme bebt, Falten durchziehen sein Gesicht jetzt wie Furchen. Er spricht von einer „ganzen Geschichte des Versagens“, die sich im Klinikum abgespielt habe. „Es ist schon heftig, dass sie das so aussitzen wollten.“ Das Personal müsse „für ihre Fehler geradestehen – ihr Verhalten muss ihnen vor Gericht zum Verhängnis werden“. Jürgen Röper sagt, er will keine Rache, nur Gerechtigkeit.

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